© Warner Bros. Pictures
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Filme

Woran große Blockbuster scheitern: Hollywood und „das unheimliche Tal“

Wusstest du, dass es in Hollywood ein berühmt-berüchtigtes „unheimliches Tal“ gibt, vor dem sich die größten Regisseure und Produzenten mehr fürchten als vor der Goldenen Himbeere? Und wusstest du, dass es sogar einen „König“ gibt, der über dieses Tal „regiert“? In unserem Animations-Themen-Special erklären wir dir, was es mit dem „uncanny valley“ auf sich hat.

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Er sollte einer der größten weihnachtlichen Familienfilme aller Zeiten werden, ein Klassiker der festtäglichen Familienunterhaltung. Und anfangs standen die Zeichen gut dafür, dass der computeranimierte Film Der Polarexpress (2004), beruhend auf Chris Van Allsburgs gleichnamigem Kinderbuch, ein großer Kinoerfolg werden würde: Man hatte Hollywood-Liebling Tom Hanks engagieren können – und das gleich für mehrere Hauptrollen. Die Produktion sollte nämlich das erste Filmwerk in der Geschichte Hollywoods werden, das komplett auf einer Motion Capturing-Bühne gedreht werden sollte.

Tom Hanks übernahm dank Motion Capturing gleich sechs verschiedene Figuren im Film: Sowohl den Vater, den Weihnachtsmann, den Landstreicher, den Erzähler, den Schaffner, die Scrooge-Puppe als auch den jugendlichen Helden verkörperte Tom Hanks beim Dreh mit Hilfe eines speziellen Bodysuits und besonderer Ausrüstung, die seine Bewegungen und Gesichtsausdrücke aufzeichneten. Die wurden anschließend in der Postproduktion auf sämtliche Figuren zugeschnitten.

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Tom Hanks in Der Polarexpress | © Warner Bros. Pictures

Der Polarexpress: Ein Flop, der seinesgleichen sucht

Was schließlich bei der 170 Millionen-Dollar-Produktion herauskam, glich für Warner Bros. einer mittelschweren Katastrophe: Die Geschichte um den kleinen Jungen, der in der Weihnachtsnacht zum Nordpol reist, um den Weihnachtsmann höchstpersönlich kennenzulernen, kämpfte in den ersten fünf Tagen nach Veröffentlichung noch damit, überhaupt die 30 Millionen-US-Dollar-Marke an den Kinokassen zu knacken. Ein regelrechter Flop für den erfolgsverwöhnten Produzenten Warner, der vollkommen andere Erwartungen an den Weihnachtsfilm gestellt hatte. Was war passiert?!

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Der Polarexpress floppte im Kino aufgrund mangelnder menschlicher Identifikationsfiguren | © Warner Bros. Pictures

So manchem Kinogänger wollte es bei der so fühlig-festlichen Geschichte mit Tom Hanks in mehreren Hauptrollen so gar nicht weihnachtlich warm ums Herz werden. Der Grund: Die Figuren des Polarexpress wirken auf den Betrachter beinahe wie animatronische Roboter mit kalten Augen, leeren Gesichtern, mechanischen Bewegungen und einem Mangel an herzerwärmender Menschlichkeit.

Das Motion Capturing fiel beim Publikum insbesondere bei der Zielgruppe der Kinder durch. Schon Film-Trailer des Polarexpresses hatten vorher so manches Kleinkind einige Tränen vergießen lassen. Das Motion Capturing hatte versagt. Ein Risiko, das die 10 prägendsten Animationsfilme der Kinogeschichte niemals ausloten mussten. Doch die Anforderungen in der Animationsindustrie steigen stetig, besonders mit wachsendem technischen Fortschritt.

CGI und das Erwachen menschlicher Ur-Instinkte

Sämtliche Figuren des Films befanden sich im sogenannten „unheimlichen Tal“. Dieser Begriff bezeichnet eine Akzeptanzlücke künstlicher Figuren, die dem Betrachter präsentiert werden. Sie äußert sich durch ein leichtes Gruselgefühl, ein Gefühl des Unwohlseins. Figuren, die ins unheimliche Tal fallen, wirken lebensecht genug für den Zuschauer, um auszumachen, dass sie Menschen darstellen sollen. Aber wiederum nicht lebensecht genug, um ihre Künstlichkeit nicht stets unterbewusst deutlich wahrzunehmen. Das aktiviert im Betrachter eine besondere Ur-Angst, die eng mit den menschlichen Instinkten verknüpft ist.

Diese verlangen vom Individuum tagtäglich, Artgenossen wiederzuerkennen oder zu unterscheiden, wer oder was zu einer anderen Art gehört. Und, noch wichtiger, ob das Gegenüber eine Bedrohung darstellen könnte. Bei der Motion Capturing-Technik des Polarexpresses fühlen sich Zuschauer, genauer gesagt deren parietaler Kortex, somit stets unterbewusst hinters Licht geführt. Das Unwohlsein verhindert die Akzeptanz und Identifikation mit den Hauptfiguren- fatal für einen Familienfilm!

In die Falle des unheimlichen Tals tappten übrigens auch kostenschwere Filmproduktionen wie Die Legende von Beowulf (2007) mit Angelina Jolie und Anthony Hopkins, der Kinderfilm Milo & Mars (2011) und Shrek (2001), bei dem Kinder während der Testaufführung in Tränen ausbrachen. Bei Letzterem konnte ein Einspieldebakel im Zeichen des Polarexpress allerdings so noch verhindert werden.

Man begab sich schleunigst zurück in die Nachbearbeitung, um die Figuren weniger realistisch zu animieren. So konnte DreamWorks Shrek 2001 ebenfalls noch zum großen Kinoerfolg werden und darüber hinaus zeigen, warum Animationsfilme nicht nur etwas für Kinder sind.

Shrek ist bei Netflix, Maxdome und in der Unitymedia Videothek verfügbar.

The Uncanny Vally: Das unheimlichste Tal Hollywoods und sein König

Diese Chance verpasste Hollywood-Regisseur und Produzent Robert Zemeckis mit seinen Produktionen gleich mehrmals. Der Macher von Der Polarexpress, Milo & Mars, der Legende von Beowulf und Disneys Eine Weihnachtsgeschichte (2009) gilt mit gleich vier Filmen, deren Figuren sich im unheimlichen Tal ansiedeln lassen, in der Filmbranche als unumstrittener König des zweifelhaften Motion Capturings. Dabei war er in der Vergangenheit schon verantwortlich für Kinohits wie Forrest Gump (1994), Zurück in die Zukunft (1985) oder Cast away – Verschollen (2001).

Die Theorie des unheimlichen Tals geht übrigens auf den japanischen Forscher Masahiro Mori zurück, der die gefühlte Kurve zwischen Sympathie und Antipathie für menschenähnliche Figuren – in seinem Fall Roboter – bereits während der Siebzigerjahre entdeckte und erforschte. Seine japanischen Landsmänner in der Filmbranche scheinen diese Studie tief genug verinnerlicht zu haben. Immerhin gibt es einige tolle Anime-Filmempfehlungen im Stile des Studio Ghibli, bei denen garantiert niemand durchs „uncanny valley“ irrt.

Milo & Mars ist bei Sky und Maxdome verfügbar. Die Legende von Beowulf und Disneys Eine Weihnachtsgeschichte sind ebenfalls bei Maxdome erhältlich (Links zu Anzeigen).

Disney bleibt Forschungsvorreiter für menschlicheres CGI

Ob das „unheimliche Tal“ jemals auf der Kinoleinwand komplett Schachmatt gesetzt werden kann, ist derzeit noch unklar. Disney hat es sich bereits zur Aufgabe gemacht, an der Entwicklung möglichst menschlicher CGI-Augen zu arbeiten. Disney dazu in einem Statement:

Bisher wurden menschliche Augen nur sehr rudimentär auf der Leinwand dargestellt. Wir entwickeln ein neues Capturing-System, das alle Teile des Auges berücksichtigt: die weiße Sklera, die transparente Hornhaut und die felxible Iris. Diese Komponenten weisen sehr unterschiedliche Erscheinungseigenschaften auf. Daher schlagen wir eine hybride Rekonstruktionsmethode vor, die sie unter Berücksichtigung ihrer gegenseitigen Abhängigkeiten individuell anspricht.

Disney hofft, mit seiner Forschung einen großen Beitrag zur künftigen Animationsfilmindustrie zu leisten. Besonders im Hinblick darauf, das Walt Disney mit seinen Werken seit eh und je für Mitgefühl und Emotionen steht, kann man nur hoffen, dass Disney sich nicht zu früh hinreißen lässt, einen Film mit einer Epidemie toter Augen zu veröffentlichen.

Nicht umsonst setzen Pixar und Disney nach wie vor gleichermaßen auf Filme mit nicht-menschlichen Protagonisten wie in Ratatouille (2007), Findet Nemo (2003) oder dem Hollywood’schen Animations-Meilenstein Toy Story (1996) und sind damit erfolgreich – obwohl Animationswunderkind Pixar scheinbar derzeit die Ideen ausgehen.

© Disney
Die Unglaublichen legten auch dank kluger Animation einen beträchtlichen Kinostart in den USA hin © Disney

Werden doch menschliche Figuren zu Protagonisten gemacht, sind sie stets bewusst cartoonartig entworfen, um einen deutlichen Grad an Künstlichkeit heraufzubeschwören. So umgingen Disney und Pixar bei Filmen wie Die Unglaublichen (2004), Drachenzähmen leicht gemacht (2010) oder Oben (2009) bereits elegant das unheimliche Tal.

Roboter mit menschlichen Eigenschaften wie Stars Wars‘ R2D2, WALL-E oder Figuren wie die Transformers (2007) kommen beim Publikum übrigens gerade deswegen so gut an, weil sie offensichtlich nicht menschlich sind, aber durch die menschlichen Gefühle und Gebärden dennoch zu Identifikationsfiguren mit großem Potenzial werden können.

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Janna Fund
Autor(in): Janna Fund
Ob ihr's glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!

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