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Kino

Woody Allens Wonder Wheel: Ein Schlag ins Gesicht der Sexismus-Debatte

Im Oktober letzten Jahres wurde die #MeToo-Bewegung von Schauspielerinnen wie Alyssa Milano und Rose McGowan losgetreten, die offen über sexuelle Belästigung und Missbrauch in der Filmbranche sprachen. An dem Kinostart von Woody Allens Wonder Wheel störte sich in Hollywood allerdings niemand, obwohl ernstzunehmende Vorwürfe seiner Adoptivtochter Dylan Farrow gegen ihn schon lange existieren. Es stellt sich die Frage: Ist auch die #MeToo-Bewegung in Wirklichkeit eher ein selektives Aufbegehren als eine allumfassende Revolution?

Es war der schwärzeste Tag in der Geschichte der Golden Globes – zumindest, wenn man vom Dresscode spricht. Denn die goldenste Red-Carpet-Regel – optisch auffallen, egal, wie! – wurde bei der diesjährigen Preisverleihung von männlichen und weiblichen Hollywoodstars gleichermaßen missachtet. Stattdessen übten sich die Damen und Herren in vornehmer Zurückhaltung und erschienen geschlossen in elegantem schwarz. Der Anlass: Solidarität mit den Opfern von sexueller Belästigung oder Gewalt zeigen, ganz im Sinne der sogenannten Time’s-up-Bewegung, einem direkten Nachfolger der #MeToo-Bewegung. Die Damen hüllten sich in schwarze Roben, die Herren in schwarze Smokings mit schwarzen Hemden oder man heftete sich die entsprechenden Buttons ans Revers.

„Was ich sicher weiß, ist, dass unser mächtigstes Instrument die Wahrheiten sind, die wir aussprechen“, beteuerte Moderatorin Oprah Winfrey in einer bewegenden Rede. Die 63-Jährige erhielt als erste schwarze Frau den Golden Globe für ihr Lebenswerk und machte die #MeToo-Debatte zum Mittelpunkt ihrer Dankesrede. Selbst das Opfer einer Vergewaltigung im Kindesalter, trug Winfrey rührende Worte vor:

Ich will meine Dankbarkeit gegenüber allen Frauen ausdrücken, die Jahre mit sexueller Belästigung oder mit Missbrauch überstanden haben, weil sie – wie meine Mutter – Kinder zu füttern, Rechnungen zu bezahlen und Träume zu verfolgen hatten. (…) Zu lange wurden Frauen nicht angehört oder es wurde ihnen nicht geglaubt, wenn sie den Mut aufbrachten, sich gegen mächtige Männer zu stellen. Aber deren Tage sind nun gezählt.

Woody Allen: Hollywoods heilige Kuh

Gerne möchte man das glauben. Fest steht jedoch, dass es einen dieser mächtigen Männer gibt, der von der #MeToo-Debatte gnadenlos verschont wurde – trotz ernstzunehmender Vorwürfe. Die Rede ist von Hollywood-Regisseur Woody Allen – diesem drolligen, alten Herren, der sich in Interviews stets bescheiden, reflektiert und fast kameradschaftlich gibt. Kein Wunder, dass er sich in Hollywood stets allergrößter Beliebtheit bei seinen Kollegen erfreute – und das auch nach den ernstzunehmenden Missbrauchsvorwürfen seiner Adoptivtochter Dylan Farrow.

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Woody Allen mit Juno Temple am Set von Wonder Wheel. © 2016 Warner Bros. Ent.

Zu einem gerichtlichen Verfahren über die Missbrauchsvorwürfe kam es nie. Sie wurden allerdings Gegenstand von Voruntersuchungen und einem bitteren Streit ums Sorgerecht für die Kinder (Dylan, Moses und Ronan, damals noch mit dem Namen Satchel, das einzige gemeinsame biologische Kind des Paares). Dylan und ihre Mutter Mia Farrow erhoben 1992 schwere Vorwürfe gegen den Regisseur, mit dem die Schauspielerin damals in einer Beziehung war.

Laut den Aussagen der damals siebenjährigen Dylan soll Allen das Kind von seinem Babysitter weggeführt, auf einen Dachboden gebracht und es bäuchlings liegend sexuell missbraucht haben. Insgesamt drei glaubwürdige Zeugen gab es für die Anschuldigungen, darunter auch der Babysitter, der beobachtet haben will, wie Allen seinen Kopf im Schoss des Kindes vergrub, als es keine Unterwäsche trug. Es sei immer wieder zu irritierenden Situationen zwischen Vater und Kind gekommen. Bei einer anderen Gelegenheit soll Allen wiederholt mit dem Finger in das Kind eingedrungen sein. Es habe weh getan, berichtete das kleine Mädchen. Die Aussagen des Kindes wurden auf Videoaufnahmen festgehalten.

Zuvor war eine Affäre zwischen Allen und seiner damals 21-jährigen Stieftochter Soon-Yi Previn, die Farrow mit ihrem vorigen Ehemann adoptiert hatte, aufgeflogen. Farrow entdeckte Nacktbilder ihrer Adoptivtochter, die von Allen stammten. 1997 sollte Allen die gebürtige Südkoreanerin vor den Traualtar führen. Bis heute sind die beiden verheiratet und haben zwei Adoptivkinder.

#FBF to platinum blond salad days with my sister.

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Beunruhigend, wenn man sich einen selbstverfassten Artikel von Dylans Bruder Ronan zu Gemüte führt. Ronan, der heute als Journalist arbeitet, berichtet in seinem Artikel für den Hollywoodreporter, schon als Fünfjähriger habe ihn das seltsame Verhältnis seines Vaters zu Dylan unterschwellig verstört. Er habe sie gezwungen, seinen Daumen zu lutschen, sei mitten in der Nacht nur in Unterwäsche bekleidet in ihr Bett gekrochen. Eine Therapie wegen seines unangemessenen Umgangs mit Kindern habe er schon lange vor den öffentlichen Anschuldigungen in Anspruch genommen, berichtet sein Sohn. Der Babysitter habe damals Anweisung gehabt, Dylan nie mit Allen alleine zu lassen. Ronan sagt, als Bruder glaube er seiner Schwester, die er damals als traumatisiert erlebt habe.

Als Anwalt und Journalist schätze er die Fakten und Vorwürfe als glaubhaft ein. Sie seien überzeugend und gut dokumentiert. Heute sagt Woody Allens Sohn: „Diese Ironie – dass die Entscheidung meiner Mutter, Dylans Wohl über alles andere zu stellen zum Instrument für Woody Allen werden konnte, um beide zu verleumden.“ In seinem Hollywoodreporter-Artikel beschreibt der heute 30-Jährige außerdem, warum es häufig so schwer bei Männern wie seinem Vater oder Bill Cosby sei, die Wahrheit ans Licht und vor allem an die Öffentlichkeit zu bringen.

Und daran sei nicht zuletzt inkorrekte oder voreingenommene Berichterstattung schuld. Allein die Wortanzahl, die man Dylan und im Gegensatz dazu ihrem Vater bei der Berichterstattung der New York Times habe zukommen lassen, spreche Bände darüber, wer den größeren Einfluss genießen würde, so Ronan.

Zweifelhafte Untersuchungen und Ermittlungen

Als die Missbrauchsvorwürfe der Farrows in Voruntersuchungen behandelt werden sollten, lehnte Allen einen Lügendetektortest der Connecticut State Police ab und bot einen an, den sein Rechtsbeistand hatte durchführen lassen. Der wurde von Richter Elliot Wilk als unzuverlässig und nicht beweiskräftig eingestuft. Ein Staatsanwalt des US-Bundesstaates Connecticut bestätigte nach den Voruntersuchungen zwar öffentlich, dass es hinreichenden Verdacht für eine Anklageerhebung gäbe, verzichtete dann allerdings darauf.

Die Begründung: Man wolle das Kind vor weiteren traumatischen Erfahrungen im Gerichtssaal bewahren. Im vorausgegangenen nervenaufreibenden Sorgerechtsstreit hätte Dylan wieder und wieder befragt werden müssen. Das Kindeswohl müsse nun geschützt werden. In mehreren Interviews bereute Dylan Farrow Jahre später und in aller Öffentlichkeit, vor Gericht nicht noch einmal Stellung bezogen zu haben. „Wenn ich heute mit der siebenjährigen Dylan sprechen könnte, würde ich ihr raten, mutig zu sein und eine Aussage zu machen“, ließ die junge Frau verlauten.

Zuvor hatte Allen im Sorgerechtsverfahren alle Missbrauchsvorwürfe abgestritten und Farrow vorgeworfen, sie sei von Rachegelüsten getrieben. Der Richter wies Farrows Anschuldigungen aus Mangel an Beweisen zurück. Missbrauchs-Experten des Yale-New Haven Hospitals hatten zwar bei den Untersuchungen offiziell keine Hinweise auf einen Missbrauch nachweisen können, doch Beobachter des Falls hatten die Methodik und die Vorgehensweise in dem Fall kritisiert und angezweifelt.

Richter Elliott Wilk stufte auch diese Untersuchungen als zweifelhaft ein. Außerdem stellte er fest, dass es keine Anhaltspunkte oder gar Beweise dafür gab, dass Dylan von ihrer Mutter dazu bewegt worden sei, Anschuldigungen zu erheben, um Rache für die Affäre mit dem anderen gemeinsamen Adoptivkind zu üben.

Missbrauchend und gefühllos

Allen wurde schließlich das Sorgerecht entzogen. Das New Yorker Gericht hatte ihn als egozentrisch, nicht vertrauenswürdig und unsensibel bezeichnet und attestierte ihm eine schwerwiegende Unzulänglichkeit als Erziehungsberechtigter. Eine Psychotherapeutin bezeichnete das Verhältnis zwischen Allen und seiner Adoptivtochter als unangemessen intensiv. Man müsse das Kind vor Allen schützen. Der Regisseur verhalte sich den Kindern gegenüber missbrauchend und gefühllos, stellten Experten fest. Das ist Fakt.

Dylan geht sogar noch weiter und bezeichnet ihren Adoptivvater in ihrem offenen Brief von 2014 als ein Raubtier. Im Rahmen der #MeToo-Debatte äußerte sich im Dezember 2017 das mögliche Missbrauchsopfer Dylan Farrow in einem offenen Brief in der LA Times und fragte:

Wie kann es sein, dass Harvey Weinstein und andere beschuldigte Celebrities von Hollywood ausgeschlossen werden, während Allen gerade einen Multimillionen-Dollar-Vertrag mit Amazon sichern konnte, der von dem ehemaligen Amazon-Studios-Vorstand Roy Price durchgewunken wurde, bevor er wegen sexueller Belästigung entlassen wurde?

Allens letzter Film Wonder Wheel kam in den USA Anfang Dezember 2017 in die Kinos. Regie und Drehbuch stammen von Allen. Eigentlich ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für eine Veröffentlichung für den 82-Jährigen, wenn man sich vor Augen führt, dass die #MeToo-Debatte hier ihren Zenit erreicht hatte.

Dennoch blieb es verdächtig still um den Hollywood-Regisseur. Außer enttäuschenden Einspielergerbnissen, die zu erwarten gewesen waren, passierte eigentlich gar nichts. Aber Kritiken hagelte es für Wonder Wheel – schlechte Kritiken, und das völlig zu Recht. Denn das Filmdrama verliert sich irgendwo zwischen seinen klischeehaften Charakteren, einer flachen Affäre und den hysterischen Monologen seiner weiblichen Hauptfigur, die von Kate Winslet gespielt wird.

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Wonder Wheels Figuren wirken größtenteils schablonenhaft. © 2016 Warner Bros. Ent.

Wonder Wheel – Liebesdreieck und Lebenskrisen

Die 42-Jährige verkörpert die emotional instabile Kellnerin Ginny (Kate Winslet), die sich inmitten einer Lebenskrise befindet. Sie fühlt sich in ihrer unglücklichen Ehe mit dem grobschlächtigen Karussellbetreiber Humpty (Jim Belushi) gefangen. Immerhin bietet er ihr und ihrem missratenen Sohn Richie (Jack Gore) eine bescheidene, aber sichere Unterkunft. Vor der Kulisse des berühmten Riesenrads von Coney Island und inmitten der fröhlichen Vergnügungspark-Besucher entfaltet sich Ginnys zwiegespaltene Gefühlswelt. Sie will ihre Träume verwirklichen, eine berühmte Schauspielerin werden, eine leidenschaftliche Beziehung erleben.

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Kellerin in der Krise: Ginny hasst ihr Leben unter dem Riesenrad im Vergnügungspark. © 2016 Warner Bros. Ent.

Doch nichts davon hat sich bisher erfüllt. Als die Kellnerin dann den attraktiven Studenten Mickey kennenlernt, schöpft sie Hoffnung. Doch die Affäre zwischen der deprimierten Ehefrau und dem angehenden Bühnenautor gerät ins Wanken, als Humptys entfremdete Tochter Carolina plötzlich bei ihrem Vater auftaucht und um Unterschlupf bittet. Die hat zuvor den Zorn einer kriminellen Bande auf sich gezogen und ist nun auf der Flucht. Als Mickey und Carolina sich kennenlernen und Gefallen aneinander finden, droht Ginny einen Nervenzusammenbruch zu erleiden …

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Die schöne Carolina ahnt nicht, dass sie der Frau ihres Vaters ihren Liebhaber ausspannt. © 2016 Warner Bros. Ent.

Regisseur Woody Allen ist mittlerweile dafür bekannt, dass er genau einen Film im Jahr herausbringt. Und der wird für gewöhnlich nicht gerade dem Anspruch jüngerer Werke wie Manhattan (1979), Midnight in Paris (2011) oder Match Point (2005) gerecht. In diese traurige Tradition fällt leider auch Wonder Wheel. Zwar punktet das Drama mit durchaus starken Darstellern wie Kate Winslet, Jim Belushi und Juno Temple, doch das kann über die flache Geschichte nicht hinwegtäuschen.

Bunte Bilder, triste Story

Allen lässt sein Drehbuch in der Belanglosigkeit seiner liebsten Figuren-Schablonen untergehen. Und die hat man in seinen Filmen leider bereits allzu oft gesehen. Darunter findet sich mal wieder allen vorweg die der jungen Frau, die sich Hilfe suchend an einen deutlich älteren Mann wendet, der sie aus ihrer unglücklichen Situation erretten soll. Justin Timberlake bekommt mit seiner Figur des Erzählers und Rettungsschwimmers eine Schauspielaufgabe, der er leider nicht gewachsen ist – und das liegt nicht zuletzt am hölzernen Monolog, den er direkt in die Kamera spricht, womit er einen unfreiwilligen Verfremdungseffekt erzielt. Keine der Figuren interessiert. Es fehlt die Substanz. Da kann die bemühte Kate Winslet auch noch so engagiert die verzweifelte Furie geben – selbst der größte Fan wird Mühe haben, hier mitzufühlen.

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Justin Timberlake kann in der Rolle des Mickey in Wonder Wheel leider nicht überzeugen. © 2016 Warner Bros. Ent.

Cinematografisch hingegen wirkt Wonder Wheel wie eine kleine Galerie-Schatzkiste der New Yorker Vergnügungsinstanz Coney Island in den Fünfzigerjahren. Kameramann Vittorio Storaro setzt bewusst theatralisches buntes Lichtspiel und klassische Bühnenkulissen stark und vor allem mutig in Szene. Das Motiv der Bühne, der Theatralik und des Kulissenhaften wird so visuell immer wieder vor dem Schauplatz des Rummels aufgegriffen. Die allgegenwärtigen Träume, die der Zuschauer in Ginnys Figur sterben sieht, werden allein durch die Bildsprache wiederbelebt. Und das sind Träume von lauen New Yorker Sommernächten, Zuckerwatte und sorgloser Vergnügungssucht. Es gibt Schlimmeres.

Das Riesenrad der Hollywoodschen Doppelmoral

Für Dylan Farrow hingegen wohl kaum. Dass der Start eines Films wie Wonder Wheel, der von umstrittenen Männern wie Woody Allen und Roy Price produziert wurde, zu Zeiten der #MeToo-Debatte nicht für mehr Aufruhr in Hollywood sorgt, kann sie nicht verstehen – dafür aber erklären:

Es zeugt von Allens gutem PR-Team und seinen Anwälten, dass nur wenige die simplen Fakten meines Falles kennen. Es spricht außerdem Bände über die Mächte, die Männer wie Allen schon im Laufe unserer Geschichte stets geschützt haben: Geld und Einfluss. Beides hat die Macht, das Offensichtliche zu verkomplizieren.

In einem offenen und sehr bewegenden Brief, der in der renommierten New York Times veröffentlicht wurde, hatte Dylan Farrow 2014 noch einmal Stellung bezogen. Sie beteuerte, dass sie seit 20 Jahren die Wahrheit sage, über dass, was Allen ihr einst angetan habe. Dass Hollywood Woody Allen 2013 mit einem Golden Globe für sein Lebenswerk ehrte, war für die heute 32-Jährige ein Schlag ins Gesicht. Aber vor allem auch der Umstand, dass Hollywood seine heilige Kuh Woody Allen nicht mal in Ansätzen vor der Verleihung hinterfragen wollte. Ein anmaßendes und verletzendes Statement.

Der New York Times-Kolumnist und Pulitzer-Preis-Gewinner Nicholas Kristof schrieb dazu: „Niemand von uns kann sicher sein, was genau geschah… Doch die Golden Globes haben sich auf Allens Seite geschlagen. Im Endeffekt bezichtigen sie damit Dylan, entweder zu lügen oder nicht zu zählen.“

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Kate Winslet als Dramaqueen in Wonder Wheel. © 2016 Warner Bros. Ent.

Auch für distanzierte und neutrale Statements von Hollywoodstars wie Kate Winslet hat das mögliche Missbrauchsopfer kein Verständnis. Im Interview hatte sich Ginny-Darstellerin Winslet im Bezug auf die Missbrauchs- und Pädophilie-Vorwürfe stark zurückgehalten. Sie kenne die Familie nicht. Sie habe vor der Zusammenarbeit über das Thema nachgedacht und es dann einfach innerlich beiseite geschoben, um mit diesem unglaublichen Regisseur zusammenarbeiten zu können. Zur Weinstein-Debatte hingegen äußerte sich Kate wiederum ganz anders:

Der Umstand, dass diese Frauen nun offen über diese Misstände sprechen, die einen unserer wichtigsten und angesehensten Filmproduzenten betrifft, zeugt von viel Mut auch wenn es schockierend war, zuzuhören.

Doch nicht nur Kate Winslet unterwirft sich einer solchen Hollywoodschen Doppelmoral. Auch Schauspielerin Blake Lively sprach den Opfern ihr Mitgefühl aus, betonte die Wichtigkeit der Aufklärungsbewegung aber verlor kein Wort über ihren Film-Kollegen Woody Allen. Wenige Beispiele des anderen Umgangs mit den schwerwiegenden Anschuldigungen gibt es dennoch. Jessica Chastain und Susan Sarandon zum Beispiel. Die hochkarätigen Hollywood-Schauspielerinnen betonten zuvor bereits, sie würden nicht mehr mit Allen zusammenarbeiten wollen.

Sarandon fügte sogar in einem Interview hinzu, sie habe nichts Gutes über ihn zu berichten. Lady Bird-Regisseurin Greta Gerwig beteuerte, nichts von den Anschuldigungen gewusst zu haben. Sie werde nie wieder mit Allen zusammenarbeiten. Schauspielerin Ellen Page erklärte, die Arbeit mit Woody Allen an To Rome With Love sei der größte Fehler ihrer Karriere gewesen, für den sie sich schäme. Doch Sarandon, Chastain, Gerwig und Page bleiben mit ihren direkten Statements ziemlich allein auf weiter Hollywood-Flur.

Lediglich ein kurzer kollektiver Aufschrei hallte durch die Medien, als Allen von den Aussagen zahlreicher Frauen gegen Harvey Weinstein erfuhr. Sein Kommentar: „Schlimm für Harvey.“ Nach entrüsteten Nachfragen korrigierte er sich. Man habe ihn falsch verstanden. Harvey sein ein bedauernswerter, kranker Mann.

Wie revolutionär ist #MeToo wirklich?

Kein Wunder, dass Dylan Farrow sich anscheinend kaum davon freimachen kann, immer wieder auf die offensichtliche Selektivität der #MeToo-Bewegung hinzuweisen. Vage Ausflüchte in Interviews und künstlich erzeugter Nebel um stichhaltige Anschuldigungen scheinen in der Filmbranche tatsächlich einen doppelmoralischen Gegenpol zur #MeToo-Debatte zu bilden. In ihrem Artikel in der Los Angeles Times merkt Dylan Farrow an:

Es ist nicht nur Macht, die Männer die des sexuellen Missbrauchs bezichtigt werden, ihre Karrieren und Geheimnisse aufrechterhalten lässt. Es ist auch unsere gemeinsame Wahl, offensichtliche Situationen und Schlüsse komplizierter zu sehen, als sie sind. Ganz nach dem Motto: ‚Wer kann schon wissen, was wirklich war?‘ Dieses Prinzip funktionierte für Harvey Weinstein jahrzehntelang. Und es funktioniert noch immer für Woody Allen.

Bereits in ihrem Brief von 2014 erklärte die einstige Adoptivtochter des Regisseurs, wie sehr es sie schockiere, ihren Peiniger auf Bühnen und im Fernsehen gefeiert und mit Preisen bedacht zu sehen. Wie das Trauma des Missbrauchs durch ein Familienmitglied sie in eine Essstörung und zu Selbstverletzung trieb. Woody Allen sei, so Farrow, ein lebendes Beispiel der Art und Weise, wie die Gesellschaft Opfer sexuellen Missbrauchs im Stich lasse.

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Woody Allen am Set zu Wonder Wheel mit Kate Winslet und Juno Temple. © 2016 Warner Bros. Ent.

Und jeder Hollywoodstar, der die Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Adoptivvater kleinredet, fördere diesen Missstand. „Was, wenn es dein Kind gewesen wäre, Cate Blanchett? (…) Was, wenn es dir passiert wäre, Emma Stone? Oder dir, Scarlett Johannsson? Du kanntest mich als ich ein Kind war, Diane Keaton. Hast du mich vergessen?“, ruft Farrow verschiedenste Hollywood-Größen auf.

Letztere hatte bei den Golden Globes 2014 Lobeshymnen auf den Blue Jasmine-Regisseur gehalten. Dylans Bruder Ronan hatte daraufhin getweetet: „Leider den Woody Allen-Tribut verpasst. Haben sie den Teil erwähnt, in dem eine Frau öffentlich bekräftigt, dass er sie als Siebenjährige missbraucht hat?“ Doch zu all dem schwieg man in Hollywood weiterhin beharrlich, auch vor dem Hintergrund der selbsternannten Revolution namens #MeToo. Handfeste Wahrheiten gibt es nicht, das stimmt. Doch im Licht des absolut berechtigten Zweifels einen der heißbegehrtesten Preise der Filmbranche zu verteilen, wird einer Jury-Instanz wie der der Golden Globes alles andere als gerecht.

Das Ende vom Brief

Nicht nur in Europa, sondern auch in den USA leben wir in einem Rechtsstaat und in dem gilt, dass Beschuldigte einer Tat so lange als unschuldig gelten, bis das Gegenteil erwiesen ist. Dennoch gibt es in der Geschichte beider Länder genug Beispiele für Fälle, in denen Unschuldige verurteilt wurden oder Täter und Gefährder ihr Leben unbehelligt weiterleben konnten. So lange fundierte Zweifel an der Unschuld einer Person im Raum stehen, sollte nicht zugunsten der dennoch mutmaßlichen Opfer auf glorifizierende Reden, Interviews und Preise verzichtet werden?

Nicht alle der Anschuldigungen die unter #MeToo vorgetragen wurden, sind erwiesen oder glaubhaft. Dass aber auf dem Höhepunkt einer Debatte um Macht und Missbrauch ein Mann wie Woody Allen nach wie vor von seiner Branche verschont wird, zeigt die zwiegespaltene Selektivität der Hollywoodschen #MeToo-Bewegung nur allzu deutlich auf. Der Fall Dylan Farrow, der offiziell nie zu einem wurde, sollte genau diese doch eigentlich stärker zum nachforschen und hinterfragen anregen. Und das, mit dem Ziel eine Position einzunehmen, die jenseits von Hexenjagd und Messianisierung liegt. Eine, die Fakten abwägt und einordnet.

Dylan, die ihren Vornamen mittlerweile in Malone ändern ließ (eine Namensänderung hatte auch ihr Bruder Ronan vorgenommen), hatte wahrscheinlich mit nichts anderem gerechnet. Dennoch ist die junge Frau mittlerweile nach eigenen Angaben glücklich verheiratet und lebt unter neuem Namen an einem unbekannten Ort. Zu Mia Farrow hat sie nach wie vor ein gutes Verhältnis. Ihren New York Times-Artikel beendete Dylan so:

Stell dir vor, deine siebenjährige Tochter wird von Woody Allen in eine Dachkammer geführt. Stell dir vor, sie wird ihr Leben lang von Übelkeit bei der Erwähnung seines Namens heimgesucht. Stell dir eine Welt vor, in der ihr Peiniger gefeiert wird. Stellst du dir das jetzt gerade vor?

Und, was ist nun dein Woody Allen-Lieblingsfilm?

Redaktioneller Nachtrag

Am 18.01. gab Dylan Farrow dem Sender CBS ihr erstes TV-Interview und berichtete über den Missbrauch, den Woody Allen an ihr begangen haben soll.

 

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Autor(in): Janna Fund

Ob ihr’s glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!

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