Home Wissen In the Shadow of the Moon: Die Erklärung zum Netflix-Thriller

In the Shadow of the Moon: Die Erklärung zum Netflix-Thriller

von Sebastian Daniels
In the Shadow of the Moon
Lesezeit: 6 Min.

Hartnäckiger Cop trifft auf mysteriöse Serienkillerin: Das Netflix Original In the Shadow of the Moon bietet allerdings noch deutlich mehr als eine spannende Mörderhatz. Verschiedene Zeitebenen und philosophische Fragestellungen machen den Genre-Mix nämlich zu einem überraschend tiefgründigen Film. Wenn du eine Erklärung zur Handlung des Thrillers und dessen Bedeutung brauchst, wirst du hier fündig.

Unermüdlich wie ein Uhrwerk bringt Netflix Filme heraus und beweist dabei nicht immer ein glückliches Händchen, wie beispielsweise der zynische Thriller Die Kunst des toten Mannes oder der überladene Stranger Things-Abklatsch Rim of the World offenlegten. Mit In the Shadow of the Moon gelingt dem Streaming-Giganten jedoch endlich wieder ein großer Wurf.

Der Mix aus Cop-Thriller, Sci-Fi-Dystopie und Familiendrama überzeugt mit düsterer Ästhetik, starken Darstellern und einem so spannenden wie außergewöhnlichen Plot. Wer sich nicht im Vorfeld den sehr spoilerlastigen Trailer angeschaut hat, wird ziemlich überrascht sein, was für eine Art Film Regisseur Jim Mickle (Hap and Leonard) da inszeniert hat.

Achtung, es folgen Spoiler zu In the Shadow of the Moon!

Boyd Holbrook in In the Shadow of the Moon

Thomas Lockhart (Boyd Holbrook) will die mysteriöse Mörderin schnappen | © Netflix/Sabrina Lantos

In the Shadow of the Moon: Die Handlung

Philadelphia, 1988: Der ambitionierte Polizist Thomas Lockhart (Boyd Holbrook) ist voller Vorfreude. Seine Frau Jean steht kurz vor der Geburt der gemeinsamen Tochter, während er der Beförderung zum Detective entgegenblickt. Doch in nur einer Nacht verändert sich sein Leben schlagartig.

Jean stirbt bei der Entbindung und lässt ihn tragischerweise als alleinerziehenden Vater zurück. Zudem bekommt er es mit einer mysteriösen Serienkillerin (Cleopatra Coleman) zu tun, die scheinbar ohne Motiv vereinzelte Menschen auf äußerst ungewöhnliche Weise tötet. Auf der Jagd nach ihr wird er Zeuge, wie die Frau von einer U-Bahn erfasst wird und stirbt – zumindest dieses Problem scheint also gelöst.

Neun Jahre später wird der mittlerweile als Detective tätige Lockhart jedoch eines Besseren belehrt. Erneut findet eine Mordserie statt, die der von 1988 verdächtig ähnelt. Und tatsächlich kann der clevere Cop auch diesmal wieder dieselbe Frau als Täterin ausmachen. Aber wie ist das möglich?

Cleopatra Coleman in In the Shadow of the Moon

Welches Motiv hat die Killerin Rya? | © Netflix/Sabrina Lantos

Schließlich findet er heraus, dass es sich bei dieser um eine Zeitreisende handelt, die aus der Zukunft kommt und alle neun Jahre auftaucht, um eine bestimmte Anzahl von Menschen zu töten. Weil ihn sowohl sein Schwager und Vorgesetzter Holt (Michael C. Hall) als auch sein Partner Maddox (Bokeem Woodbine) für verrückt halten, zieht er sich immer mehr zurück, vernachlässigt seine Tochter und wird zunehmend besessen von dem Fall.

Es braucht jedoch zwei weitere Zyklen – sprich 18 Jahre – bis Lockhart das Motiv der Fremden verstanden hat. Die Frau namens Rya ist seine eigene Enkelin und wurde von ihm höchstpersönlich auf die Vergangenheitsreise geschickt. Um einen verheerenden und von Rassenhass geprägten Weltkrieg in der Zukunft zu verhindern, soll Rya ganz bestimmte Personen eliminieren, die in den Jahren zuvor den Keim dieses Hasses gesät und verbreitet haben.

Da Lockhart dies endlich erkannt hat, lässt er Rya gewähren und ebnet so den Weg für eine friedlichere Zukunft. Er selbst kann sich nach langer Zeit erstmals mental von dem Fall lösen und demzufolge wieder intensiver für seine Familie da sein.

Die wahrhaft bösartigen Mörder findest du übrigens in diesen 7 verstörenden Filmen über Serienkiller.

Michael C. Hall in In the Shadow of the Moon

Dexter-Star Michael C. Hall als Polizist Holt in In the Shadow of the Moon | © Netflix/Sabrina Lantos

Die Erklärung zu Netflix‘ In the Shadow of the Moon

Vorwärts oder rückwärts? Die Zeitlinien in In the Shadow of the Moon

So schnell man auch als Zuschauer den Braten riecht, dass in In the Shadow of the Moon Zeitreisen ein Rolle spielen,  dürfte  anfangs dennoch etwas Verwirrung herrschen. Dabei hält sich Regisseur Jim Mickle gar nicht erst mit Zeitparadoxa, alternativen Realitäten oder ähnlichen Begriffen aus der Quantenphysik auf.

Bei genauerer Betrachtung wird deshalb ziemlich deutlich, wie die Zeitlinien im Film zu verstehen sind. Protagonist Lockhart liefert darin sogar selbst die plausibelste Erklärung. Seine Figur bewegt sich – wie alle anderen auch – in der Zeit vorwärts. Die 27 Jahre von 1988 bis 2015 erlebt er also ganz normal in chronologischer Reihenfolge ohne Zeitsprünge.

Rya hingegen reist in der Zeit zurück, kann allerdings nur alle neun Jahre für kurze Zeit im jeweiligen Jahr auftauchen. Ihre Zeitreise beginnt demnach im Jahr 2015, gefolgt von 2006, von 1997 und endet schließlich im Jahr 1988. Für sie vergehen in dieser Zeit insgesamt nur wenige Stunden.

Das bedeutet: Wenn Lockhart im Jahr 1988 erstmals auf Rya trifft, ist es für seine Enkelin bereits das vierte Aufeinandertreffen mit ihm während ihrer Reise. Obwohl sie dabei stirbt, taucht sie deshalb neun Jahre später wieder quicklebendig auf, da in ihrer Zeitlinie 1997 vor 1988 stattfindet.

Boyd Holbrook und Michael C. Hall in In the Shadow of the Moon

Lockhart und Holt sind bei ihren Ermittlungen nicht immer einer Meinung | © Netflix

Es ist nur eine (Mond)phase: Wie funktionieren die Zeitreisen?

Allzu detailliert wird auch dies im Film nicht erläutert. Etwas Licht ins Dunkel bringt jedoch der Physiker Naveen Rao (Rudi Dharmalingam) in einer Szene. Im Jahr 1997 sucht der Wissenschaftler Lockhart auf und erklärt ihm, dass durch eine spezifische Position des Mondes in seiner Umlaufbahn eine Raum-Zeit-Brücke entsteht. In diesen Mondphasen, die alle neun Jahre auftreten, sind die Zeitreisen also möglich.

Rao ist es auch, der in der Zukunft eine Technologie entwickelt hat, um besagte Mondphasenbrücke zu nutzen und Rya in die Vergangenheit zu schicken. Zudem stammt von ihm auch das geheimnisvolle Serum, das Rya ihren Zielobjekten injiziert und dessen tödliche Wirkung von Rao selbst aus der Zukunft heraus ausgelöst wird.

Der Physiker hat demzufolge die operative Kontrolle über Ryas Mission, die augenscheinlich bis ins kleinste Detail durchgeplant wurde. Über die genaue Funktionsweise der mit Wasser gefüllten Kapsel, in der Lockharts Enkelin die Zeitreise antritt, kann indes nur spekuliert werden.

okeem Woodbine, Boyd Holbrook und Michael C. Hall in In the Shadow of the Moon

Bokeem Woodbine, Boyd Holbrook und Michael C. Hall in In the Shadow of the Moon | © Netflix

Mord mit System: Der Grund für die Zeitreisen

Ryas riskanter Auftrag ist weitaus mehr als ein physikalisches Experiment. Da die Zivilisation der Zukunft dem Untergang geweiht ist, sind die von ihr ausgeführten Tötungen gewissermaßen notwendig, um die Menschheit vor einer globalen Katastrophe zu bewahren.

Als Opfer wurden daher gezielt Personen herausgepickt, die als Wurzel dieses Übels fungierten und die Gesellschaft mit ihrer menschenfeindlichen Ideologie infiltrierten. Rya schaltet jene Personen systematisch nacheinander aus – und löscht somit Stück für Stück die von Hass getriebene Idee, bevor sie Jahre später in einem Weltkrieg kulminieren kann.

Der zu Beginn des Films gezeigte Terroranschlag im Jahr 2024, der als Auslöser dieses Grauens galt, findet so gar nicht erst statt. Millionen von Menschen werden gerettet und haben eine erheblich positivere Zukunft vor sich.

Du stehst auf Zeitreisen? Dann haben wir für dich die besten Zeitreiseserien sowie die besten Zeitreisefilme.

 

Interessantes Gedankenspiel: Die Bedeutung von In the Shadow of the Moon

Ein unmoralisches Unterfangen?

Die Drehbuchautoren Gregory Weidman und Geoffrey Tock haben sich in In the Shadow of the Moon einem durchaus anspruchsvollen Thema angenommen. Mit ihrer Variante eines Was-wäre-wenn-Szenarios tauchen sie tief in philosophische, ethische und moralpolitische Sphären ein.

Schon lange wird sich in der Philosophie mit folgender Theorie beschäftigt: Wenn man in die Zeit zurückreisen und Adolf Hitler bereits als Baby töten könnte, sollte man es tun? Wäre ein derartiger Präventivmord moralisch vertretbar? Eine ähnliche Frage greift auch In the Shadow of the Moon auf und bezieht dazu selbst ziemlich klar Stellung.

Auch wenn Lockhart so langsam dämmert, welch (edles?) Motiv hinter Ryas Taten steckt, verurteilt er ihr Verhalten zunächst und betrachtet sie weiterhin als Mörderin. Doch selbst er akzeptiert schließlich ihr Vorhaben, nachdem er begreift, was damit auf dem Spiel steht. So ist im Film gewissermaßen auch der letzte Zweifler überzeugt worden, dass die mörderische Zeitreise richtig und unumgänglich ist.

Negative Konsequenzen – seien sie moralischer oder quantenphysikalischer Natur – klammert der Netflix-Thriller hier fast vollständig aus. Die Aussage ist relativ eindeutig: Der Zweck heiligt die Mittel. Und dennoch – oder gerade deshalb – lädt Jim Mickles Werk absolut zur Diskussion ein.

Steht dieser machiavellistische Grundsatz nicht völlig konträr zur humanistischen Intention von Ryas Plan? Wahrscheinlich. Doch was würden wir an Ryas oder Lockharts Stelle tun?

Viel mehr als reine Fiktion

Zugleich punktet In the Shadow of the Moon aber auch mit einem anderen Aspekt. Losgelöst von den Science Fiction-Elementen weist der Film nämlich erstaunlich aktuelle Bezüge zur realen Gegenwart auf.

Ein Blick auf das derzeitige politische Klima reicht bereits aus: Ein US-Präsident, der rassistische Hetze betreibt. Oder hierzulande die AFD, die die Terrorangst der Bevölkerung ausnutzt, um ihre ähnlich rechtsgesinnte Agenda durchzusetzen.

In the Shadow of the Moon treibt diese politische Entwicklung auf die Spitze und präsentiert eine Zukunft, in der blinder Hass vollständig Einzug in die Gesellschaft erhalten hat und universale Zerstörung verursacht.

Die etwas plakative Symbolik – eine zerstörte US-Flagge mit nur fünf Sternen, eine Afroamerikanerin als Märtyrerin – stört die Aussagekraft dieses Szenarios nur geringfügig. Ein Szenario, das nämlich alles andere als vollkommen abwegig erscheint und durchaus als Warnung verstanden werden kann.

Die Macher des Films stellen dieser Dystopie eine fast schon romantische Lösung entgegen. Fremdenfeindlichkeit ist viel zu weitverbreitet, um sie mit ein paar Tötungen auslöschen zu können. Doch steht die Botschaft hier ohnehin im Vordergrund: Rechtsradikale Gewalt gibt es nicht nur im Film und sollte schnellstmöglich eingedämmt werden.

Das könnte dir auch gefallen

WO STREAMT'S? - FILME & SERIEN

Ein Klick mehr zum Schutz Ihrer persönlichen Daten

Wenn Du diese Funktion akzeptierst, werden Deine Daten (z. B. die IP-Adresse, die URL der besuchten Webseite, das Datum und die Uhrzeit Deines Seitenbesuches) an Facebook, Google oder Twitter in ein Land außerhalb Deutschlands (z. B. USA) übermittelt und auch dort gespeichert. Diese Sozialen Netzwerke können somit diesen Webseitenbesuch Deinem bestehenden Account zuordnen, Dein Surfverhalten beobachten und dazu Profile erstellen und nutzen.