© RB/Outside the Club.Foto Vien Tran-Van
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Fernsehen

Mystery-Webserie Wishlist: Wenn Wünsche per App wahr werden

Das Jugend-Format Wishlist setzt in der deutschen Webvideo-Landschaft in vielerlei Hinsicht neue Maßstäbe und stellt dabei die Frage: Wie weit würdest du gehen, um dir deinen größten Wunsch zu erfüllen? Schnell hagelte es hochkarätige Auszeichnungen. Zu Recht? Und wenn ja, warum?

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Im Mittelalter galt der Teufel als ein tückischer Gestaltwandler, zumeist mit Hörnern, Hinkefuß und Schwefelatem. In Goethes Tragödie Faust kommt er als vornehmer Herr daher und im Horrorfilmklassiker der Exorzist (1973) nimmt er den Körper eines 12-jährigen Mädchens in Besitz. Im digitalen Zeitalter hingegen findet die mehrfach preisgekrönte Webserie Wishlist die wohl zeitgemäßeste Entsprechung für den Satan, die man nur erfinden könnte.

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Wish passt auf jedes Smartphone, zeugt von guten Kommunikationsdesign und spricht mit einer einladenden Frauenstimme. Die Rede ist von einer App, die dem User jeden Wunsch erfüllen können will. Ihren tückischen Vorfahren aus Literatur und Film steht sie dabei allerdings in Sachen Diabolik in nichts nach. Doch davon ahnen die Protagonisten vorerst nichts…

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Kommen aus dem Wünschen nicht mehr heraus: Casper (Michael Glantschnig), Janina (Nele Schepe), Kim (Yung Ngo) und Mira (Vita Tepel). © RB/Outside the Club.Foto Vien Tran-Van

Grimme-Preis für Wishlist: Der Teufelspakt per App

„Hallo, ich bin Wish. Ich erfülle Wünsche. Für eine kleine Aufgabe kann auch dein Wunsch schon bald Realität werden”, begrüßt die mysteriöse Smartphone-App die bockige Einzelgängerin Mira auf ihrem Heimweg. „Welchen Wunsch darf ich dir erfüllen, Mira?”, fragt Wish weiter. Die Schülerin verspottet die eigenartige App und wünscht sich einen rosa Elefanten. „Dein Wunsch ist mir Befehl. Deine Aufgabe wird berechnet”, verkündet die App.

Diese vorerst harmlose Szene legt den Grundstein für die Geschichte eines Formats, das bei Kritikern auf große Begeisterung stieß. So konnte die Serie bereits einen Deutschen Fernsehpreis, einen Webvideopreis und einen der heißbegehrten Grimme-Preise in der Kategorie Kinder & Jugend gewinnen. Die Fachjury der letzten Preisverleihung passte ihre Begründung dem Format an:

Wish, wir wünschen uns eine Mystery-Serie für Jugendliche, die sowohl das Genre als auch die Zielgruppe ernst nimmt. Sie darf nicht in Berlin spielen, sollte nicht so teuer sein, muss aber toll aussehen. Deine Aufgabe wird berechnet. Deine Aufgabe ist nun berechnet: ARD und ZDF sollen ein Angebot für das junge Publikum ins Leben rufen und jungen Kreativen vertrauen, neue Formate zu realisieren.

Die jungen Kreativen, das sind Youtuberin Christina Ann Zalamea, Regisseur Marc Schießer und Drehbuchautor Marcel Becker-Neu. Sie sind die Gründer der Produktionsfirma Outside the Club und verantwortlich für die erste sowie die kürzlich gestartete zweite Staffel der Serien-Innovation. Zalamea, von Beruf YouTuberin, betreibt ihren eigenen Kanal auf der Videoplattform, der bereits über 267.000 Abonnenten vorzuweisen hat. Regisseur Marc Schießer machte zuvor bereits mit der Webserie Vivi & Denny auf sich aufmerksam, ebenso wie Marcel Becker-Neu.

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Video-Link: https://www.instagram.com/p/BVfNNwqFTgH/?hl=de&taken-by=wishlist_serie

Sattes Budget und hungrige Webserien-Abonennten

Und richtig, die Serie spielt erfrischenderweise mal nicht in Berlin, sondern im völlig entmystifizierten Wuppertal. Kein Wunder, dass es von den Kritikern bei solchem Mut zum Spielort Extrapunkte gab – zumal er von den Machern außerordentlich gut in Szene gesetzt wurde.

Dass die Webserie „nicht so teuer” sein soll, ist sicherlich Ansichtssache. Immerhin lassen sich ARD und ZDF seine gesamten Funk-Produktionen bis Ende 2020 stattliche 45 Millionen Euro kosten, wie die Welt berichtet. Davon soll vor allem auch Wishlist profitieren. Das Ziel der Öffentlich-Rechtlichen: Jugendliche Zielgruppen endlich erfolgreich unterhalten können und von der völligen Abwanderung zu privatisierten Inhalten, Sendern und Anbietern abhalten. Als Auftraggeber für die Produktion fungierten Radio Bremen und MDR Sputnik.

Auch das von der Jury erwähnte tolle Aussehen bringt Wishlist ohne Zweifel mit. Kamera, Ästhetik und die moderne Visualisierung der digitalen Welt im Alltag der Protagonisten ähnelt der Darstellung in hochkarätigen US-Serien-Hits wie House of Cards, geht dabei aber sogar noch mehr ins Detail. Eine solch professionelle Hochwertigkeit im Webvideo-Genre sucht hierzulande derzeit tatsächlich noch seinesgleichen.

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Im Oktober 2016 wurde die erste Folge von Wishlist im Netz veröffentlicht. Auf dem gleichnamigen YouTube-Kanal stehen die insgesamt zehn Folgen der ersten Staffel zum Ansehen bereit. 136.000 Abonnenten kann der Kanal vorweisen. Im Dezember 2017 wurde die erste Staffel im Ersten ausgestrahlt. Ein bemerkenswerter Medien-Sprung für eine Webserie, oder wie Antiheldin Mira sagen würde: spektakulär fett. Verständlich bis hierhin also, warum die Webserie bei Kritikern Aufsehen erregen konnte. Doch überzeugt Wishlist auch auf inhaltlicher Ebene?

Faust im Zeitalter von YouTube, Apple & Co.

Dem geneigten Webserien-Zuschauer begegnet bei Wishlist eine zugegebenermaßen nicht völlig neue Handlung – der Handel zwischen Mensch und einer übermächtigen Instanz. Per verlockender App, die die Erfüllung praktisch aller Wünsche möglich machen soll, geraten die zickige Einzelgängerin Mira, ihr Schwarm Casper, Macho Kim und YouTube-Häschen Janina in einen nicht enden wollenden Teufelskreis. Ergebnis am Ende der ersten Staffel: Eine Leiche, ein geklauter Wagen und fünf Teenies, die in echten Schwierigkeiten stecken.

Nicht umsonst wird Wishlist in diversen Quellen mit Goethes deutscher Tragödie Faust verglichen. Doch auch Werke wie Tim Thaler von James Krüss, Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde und viele andere bedienen sich dieser Ausgangssituation: Der Mensch schließt einen Handel mit dem Teufel ab, der ihm hilft, Unmögliches möglich zu machen. Dafür verkauft der Protagonist ihm seine Seele. Oft tritt der Teufel in unterschiedlichsten Gestalten oder Figuren auf.

© 20th Century Fox
Elizabeth Hurley als sexy Teufel in Teuflisch. © 20th Century Fox

In der Fantasy-Filmkömodie Teuflisch zum Beispiel wird der Teufel von der außerordentlich aufreizenden Elizabeth Hurley verkörpert. Sie gewährt dem unbeholfenen IT-Techniker Elliott sieben Wünsche im Tausch für seine Seele. In 666 – Traue niemandem, mit dem du schläfst verwandelt sich der korpulente Teufels-Azubi Mephisto II, gespielt von Armin Rhode, in diverse deutsche Prominente. So will er seinem Pakt-Partner Frank Faust dabei helfen, seine Ex-Freundin zurückzugewinnen. Wishlist reiht sich nun mit seiner Interpretation des Teufelspaktes ein, insbesondere da auch die Webserie stellenweise an eine humorige Persiflage erinnert. Im Gegensatz zu den genannten Filmen schlägt sie allerdings durchaus auch ernstere Töne an.

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Was die Teufel aus Kulturgeschichte, Literatur und Film bisher häufig miteinander verband, waren die Signalfarben schwarz und rot. Mit dem schlichten Design des App-Logos, die im Intro detailliert gezeigt wird (ein schwarzes Geschenk mit roter Schleife), setzen die Webserien-Macher ihrer teuflischen Software in den Höllenfarben praktisch die Hörner auf.

Kein Wunder, dass am Ende der zweiten Staffel noch immer nicht geklärt ist, wer genau wirklich hinter Wishlist steckt. Die Visualisierung der App und die attraktive Frauenstimme wirken so beinahe als gesichtslose, allmächtige Instanz, die enormen Einfluss auf das Leben der Protagonisten nimmt. Das hinterlässt Eindruck und stößt den Zuschauer beinahe mit der Nase auf die kritischen Untertöne der Webserie zum Thema Medienkonsum.

Erst denken, dann downloaden

Denn die diabolische Software hat es ausgesprochen leicht bei Mira und ihren Altersgenossen. Obwohl sie nicht auf den Kopf gefallen ist, lädt die 17-Jährige die seltsame App, zu der sie von einer unbekannten Nummer eingeladen wurde, prompt herunter. Miras innerer Monolog vor dem Download: „Zur Installation benötigt die App Zugriff auf Kontakte, Fotos, Medien, Dateien, Kalender, Standort, Kamera, Geräte-ID … Ja, ja, ja, ist schon gut. Liebe Grüße an die Mitarbeiter der NSA.“ Und schon landet die geheimnisvolle Software auf Miras Smartphone.

Verwundert hat es wohl nur die wenigsten Zuschauer, dass die missgelaunte Antiheldin ihrer bloßen Neugier so ausgeliefert war. Schließlich stellt Mira schon früh in der ersten Folge klar: „Ich gebe offen zu, ich liebe das scheiß Internet abgöttisch. Es ist mein Tagebuch, mein Pausenhof, meine Uhr, mein Kalender, mein bester Freund, meine Kirche …“. Mit sozialen Kontakten hingegen tut die bockige Schülerin sich eher schwer. „Es ist nicht so, dass ich grundsätzlich was gegen Menschen hätte, aber ich bevorzuge sie am anderen Ende einer 100-Mbit-DSL-Leitung„, erklärt Mira. Böse Zungen könnten an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Mira das mit der teuflischen App gemeinsam haben könnte.

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Mira, eine Identifikationsfigur für Generation Y und Z – zumindest, wenn es nach Programmleiter Haas geht. © funk, Radio Bremen, MDR SPUTNIK – Vincent Franken

Ohne langes Zaudern nimmt Mira sogar Anweisungen entgegen. Sie soll Mülltonnen aus einem fremden Hinterhof entfernen, damit sie ihren rosa Elefanten bekommt. Dass das Ärger geben könnte, wird der Eigenbrötlerin in Gedanken ziemlich bewusst. Doch dann: „Ach, scheiß drauf. Werd ich eben die verrückte Müll-Lady von Wuppertal.“

„Die Hauptfiguren in dieser Serie, vor allem Mira, entsprechen der Zielgruppe von Funk“, erklärt Helge Haas in einem Interview. Damit spielt der Leiter des Programmbereichs Junge Angebote bei Radio Bremen eher auf den unkritischen und vor allem übermäßigen Konsum von Medien seiner Zielgruppe an, als auf Miras verlässliches Resting-Bitch-Face. Und tatsächlich: Laut einer Erhebung der Bitkom von 2017 soll sich der Internetkonsum von Jugendlichen binnen der letzten drei Jahre verdreifacht haben.

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Kommunizieren lieber per WhatsApp als face-to-face: Mira und Casper. © funk, Radio Bremen, MDR SPUTNIK – Vincent Franken

Digitales Leben, digitale Freundschaften – irgendetwas fehlt

Das spiegelt sich auch in Wishlist wider, wo die Figuren beinahe ununterbrochen zocken, YouTube schauen und sich über WhatsApp, VoiceMail & Co. verständigen. Antiheldin Mira scheint sich innerlich hin und wieder selbst darüber bewusst zu werden, dass ihr irgendetwas fehlt. „Ich wünsch mir Freunde.“ Aber woher nehmen, wenn nicht über WhatsApp? Schnell korrigiert sich die Schülerin in Gedanken: „Klar, was bin ich? Ein scheiß Glücksbärchi?“ Der Zuschauer fragt sich: Hat Mira keine Freunde, weil sie nur online lebt oder ist sie ständig online, weil sie einsam ist?

Laut einer Studie der Poliklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Mainz bedingt sich in der Realität deutscher Jugendlicher beides gegenseitig. Beste Voraussetzungen für einen wahrhaftigen sozialen Teufelskreis, insbesondere bei Suchtgefährdeten. Laut der Studie, für die 2400 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren befragt wurden, fühlten sich diejenigen, die übermäßig online zockten oder sich auf Pornoseiten aufhielten zudem deutlich weniger mit ihren Freunden verbunden. Kommunikations- und Vertrauensprobleme sowie Gefühle der Entfremdung dominierten ihren Alltag deutlich stärker, als es bei den anderen Probanden der Fall war.

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Viele Jugendliche in Deutschland fühlen sich offenbar genauso einsam wie Mira. © funk, Radio Bremen, MDR SPUTNIK

Dass zwischen den Protagonisten des Öfteren Kommunikationsprobleme herrschen, würde wohl jeder Zuschauer unterschreiben. Vor allem, wenn die digitalen Freundschaften besonders absurde Züge annehmen. So zum Beispiel, als Miras Schwarm Caspar plötzlich spurlos verschwindet. Das fällt zuerst auf, weil er „seit sechs Tagen nicht mehr bei WhatsApp online war“. YouTuberin Janina setzt die digitale Spurensuche fort und wirft ein, dass er bei Facebook immerhin noch vor fünf Tagen online war. Der Vorschlag, Caspar über das Festnetz zu erreichen, wird mit „Wer hat denn sowas?“ kommentiert. Es stellt sich heraus: im Wishlist-Universum nur noch Dustins Eltern.

Wishlist-Wuppertal: Abwesende Eltern und vernachlässigte Kinder

Das scheint aber auch schon alles zu sein, womit Eltern ihren Kindern in Wishlist-Wuppertal weiterhelfen können – wenn sie denn mal anwesend wären. Denn eine weitere gesellschaftliche Realität wird in der Webserie häufiger zum Thema gemacht: rund um die Uhr arbeitende und jetsettende Eltern und sträflich vernachlässigte Kinder. So ist das 17-jährige Einzelkind Mira in der unordentlichen Wohnung meist alleine. Lediglich über Skype-Anrufe, Voice Mails und WhatsApp-Nachrichten hält sie mit ihrem Vater digitalen Kontakt. Und was ist mit Miras Mutter? Weiß der Geier…

Ähnlich sieht es auch bei Schulkamerad Dustin aus. Seine Eltern (beide Schönheitschirurgen) scheinen ihrem minderjährigen Sohn das schicke Designer-Haus 24/7 komplett zu überlassen. Als er die anderen mit nach Hause bringt, merkt er an, dass seine Eltern gerade nicht zuhause seien. Seine heimliche Liebe Janina fragt daraufhin: „Gibt’s die überhaupt, Dustin? Ich hab die hier noch nie gesehen.“

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Ist der einsame Dustin eine tickende Zeitbombe? © funk, Radio Bremen, MDR SPUTNIK – Vincent Franken

Die Art und Weise, wie Wishlist den Mangel an elterlicher Präsenz darstellt, ist gar nicht so überspitzt, wie man zuerst glauben mag. Laut einer Studie der Bepanthen-Kinderförderung aus dem Sommer 2017 fühlt sich jedes dritte Kind in Deutschland von seinen Eltern vernachlässigt. Insgesamt 1083 Kinder und Jugendliche aus Berlin, Leipzig und Köln wurden befragt. Hinzu kamen außerdem noch 20 qualitative Interviews. Ganze 46 Prozent der vernachlässigten Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahren gaben an, das Gefühl von Geborgenheit im eigenen Zuhause zu vermissen.

Kein Wunder, dass solche sozialen Missstände Selbstvertrauen, mentale Gesundheit und vor allem das Empathievermögen der Teenies negativ beeinflussten. Lediglich 29 Prozent der nicht-beachteten Jugendlichen gaben an, sich in Mitmenschen hineinzuversetzen und mitfühlen zu können. Ein Trend, den besorgte Experten der Studie so erklärten: „Die Gesellschaft fühlt nicht mehr mit. Die Vermittlung von Solidaritätswerten nimmt ab – auch in der Erziehung.“

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Mira mit Knarre: Verrohung der Sprache führt zu erhöhter Gewaltbereitschaft, vermuten Experten. © funk, Radio Bremen, MDR SPUTNIK

Diese Art von Verrohung wird in Wishlist vor allem auch durch die Sprache der Protagonisten reflektiert. Phrasen wie „Wenn du nicht bald mal deine verfickte Fresse hältst …“ gehören zum Standard-Dialog und wurden bereits zum Gegenstand der Kritik, der die Macher der Webserie ausgesetzt waren: Man biedere sich durch diese Art von Jugendsprache allzu offensichtlich beim Publikum an.

Tatsächlich beschleicht den erwachsenen Zuschauer hin und wieder das Gefühl, dass es hier sprachlich manchmal etwas zu viel des Schlechten ist. Beinahe möchte man da so manchem Kritiker gerne glauben, dass es sich hierbei tatsächlich nur um Anbiederungstaktiken handelt. Doch schnell dämmert es einem dann doch: Auch hier bedient sich Wishlist an knallharten Schulhof-Realitäten.

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Blondes Verbal-Gift: YouTuberin Janina beleidigt was das Zeug hält. © funk, Radio Bremen, MDR SPUTNIK

Besonders in den letzten Jahren berichteten diverse Quellen vermehrt über die Verrohung der Sprache im schulischen Umfeld. Der Spiegel nahm sich ein Beispiel als Aufhänger, um über die sich stetig ausbreitende hasserfüllte und aggressive Sprache der Jugendlichen zu berichten. Auch die soll sich demnach vor allem aus dem enthemmten Netz in die reale Umwelt der Schüler ausbreiten. Alltägliche Umgangsformen und Stimmungen in den sozialen Netzwerken beeinflussten die täglichen gesellschaftlichen Umgangsformen, berichten hier die Lehrer einer bayrischen Schule.

Neurologe und Psychotherapeut Joachim Bauer äußerte sich gegenüber dem Spiegel, dass er zudem zwischen aggressiver Sprache und aggressivem Verhalten einen engen Zusammenhang sieht. Hasssprache erhöhe die Bereitschaft, selbst gewaltbereit zu handeln, meint der Psychotherapeut. Ob er den vereinsamten Dustin aus Wishlist, der sich desöfteren von seinen Mitschülern beschimpfen und missachten lassen muss, wohl als eine tickende Zeitbombe erkennen würde?

Bauer fügt außerdem hinzu, dass auch Politiker ihre Vorbild-Funktion mit verbalen Füßen treten. Nachvollziehbar, wenn man an deutsche Politiker denkt, die in der Öffentlichkeit proklamieren, dass sie den politischen Gegner gerne „entsorgen“ oder ihm „auf die Fresse“ geben würden. Egal ob auf dem politischen Parkett oder auf dem Schulhof – die gesellschaftliche Enthemmung und die Verbreitung eines aggressiven und feindseligen Sprachgebrauchs ist bittere Realität. Was in Wishlist hin und wieder überzogen wirkt, hat nichts mit Anbiederungstaktiken zu tun – bedauerlicherweise.

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Ein Sammelsurium an Popkultur und Gegenwarts-Referenzen

Wishlist schmeißt gern mit Popkultur-Referenzen um sich, um seine Zielgruppe trotz Gesellschaftskritik und ernsteren Tönen zu erreichen und gleichzeitig einen höheren Entertainment-Faktor zu schaffen. Von Miras vielsagendem Fight Club T-Shirt („I am Tyler Durden“) über Kylie Jenner-LipKits, Justin Bieber-Konzerte und Miras The Social Network-Poster („Du kannst keine 500 Millionen Freunde haben ohne dir ein paar Feinde zu machen“) bildet Wishlist alles ab, was die popkulturelle Welt der Generationen Y und Z ausmacht.

Einen besonderen Stellenwert hat in der Webserie die beliebte Social Media-Plattform YouTube. Das Phänomen Hatewatching wird genauso behandelt wie die trashige Kanalbetreiberin Janina: mit sehr viel Selbstironie. Janina lädt gerne „Knutschi-Special-Hauls“ auf ihrer YouTube-Seite Janinas Beautube Castle hoch, gibt Schmink-Tipps, „prankt“ ihre Lehrerin und „swatcht“ Lippenstifte vor der Kamera. Ehrensache, dass die Seite der schrägen Wishlist-Figur auch nach dem Dreh auf der Plattform fortbesteht.

YouTuber wie DagiBee, Mr. Trashpack und Dailyknoedel treten ebenfalls in Wishlist auf. Auch wenn man die meisten davon nicht für ihr Schauspiel-Talent loben kann – die Selbstironie, mit der so mancher Kanalbetreiber sich ganz uneitel selbst inszenieren lässt, kommt gut an.

Inspirationen von deutschen und US-amerikanischen Vorbildern

Bei der filmischen Umsetzung hat sich Wishlist hier und da zweifelsfrei bei Filmen, Serien oder auch Videospielen inspirieren lassen. So sind beispielsweise einige klassische Egoshooter-Perspektiven eingebaut. Gerne spricht Mira außerdem direkt mit den Zuschauern hinter der Kamera und tritt so aus ihrer Rolle heraus. Mögliche Szenarien in bestimmten Situationen, in denen sich Mira entscheiden muss, werden im Kopf der Hauptfigur durchgespielt.

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Video-Link: https://www.instagram.com/p/BSJbx7OAgGF/?hl=de&taken-by=wishlist_serie

Zudem liefert Mira insbesondere zu Anfang einen ständigen inneren Dialog. So erinnern Wishlists erzählerische Elemente unter anderem an Tykwers Meilenstein Lola rennt und die einst sehr erfolgreichen TV-Serien Berlin, Berlin mit Felicitas Woll und Mein Leben und ich mit Wolke Hegenbarth. Natürlich ist der inhaltliche und ästhetische Anstrich ein ganz anderer: düster, urban, digital – ähnlich wie die Protagonistin selbst. Die Visualisierung von Skype Calls, VoiceMails, WhatsApp und nicht zuletzt der Wishlist-App ist eine detailliertere Version der Darstellung von House of Cards. Elektronische Musik verleiht den Szenen einen digitalen Charakter.

Szenisch fallen gelegentlich offensichtliche Einflüsse von Filmen der Neunzigerjahre  auf. So ist die Szene, in der Mira, Casper, Kim und Janina sich in der zweiten Staffel darüber streiten, wie sie nun mit einer Leiche verfahren sollen, auffällig stark einer Szene aus dem Neunzigerjahre-Teenie-Horrorschocker Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast nachempfunden.

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In Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast (1997) dreht sich die Geschichte ebenfalls um vier Jugendliche mit einer Leiche im Kofferraum. © Sony Pictures

Die Figurenkonstellation, die Diskussion über Spuren und Fingerabdrücke und der gemeinsame Pakt, den jeder einzelne bejahen muss, laufen auffällig ähnlich ab. „Wir fahren jetzt nach Hause und werden nie, niemals und unter gar keinen Umständen im Leben nochmal darüber sprechen“, bestimmt Ryan Phillippes Figur Barry, nachdem er die Leiche im Meer versenkt hat. In beinahe karikaturistischem Kontrast steht hier Miras Satz: „Und dann fahren wir zurück nach Wuppertal und verlieren nie wieder ein Wort darüber.“ Oh ja, auch in Wuppertal hat so mancher Einwohner Leichen im Keller beziehungsweise im Kofferraum.

Wishlist – Das Fazit

Mit der Webserie Wishlist ist den Machern ein innovatives Format gelungen, mit dem sich die Zielgruppe der angepeilten 12- bis 29-Jährigen identifizieren kann. Wishlist orientiert sich bei der Idee an Goethes Faust und verlegt die Handlung in die digitale Welt des 21. Jahrhunderts. Die Originalität und Aktualität verleihen dem Serien-Konzept eine drängende und beunruhigende Relevanz – und das nicht zuletzt, weil die Macher selbst aktive User der digitalen Welt sind. Ohne zu stark mit einem moralischen Zeigefinger zu drohen, weist das Format aber doch auf unkritische und übermäßige Mediennutzung hin, die zwischenmenschliche Beziehungen beinahe schon abstrahiert.

Dabei werden in Wishlist-Wuppertal soziale, familiäre und sprachliche Missstände thematisiert, die in der Realität deutscher Jugendlicher durchaus belegbar sind. YouTube wird erstmals im Storytelling einer Webserie zu der Instanz gemacht, die sie unter jugendlichen weltweit eben ist: ein alltäglicher Entertainment-Anbieter, dessen Content in aller Munde ist und der das Fernsehen in der jungen Zuschauergunst abgelöst hat.

Wishlist überzeugt mit einer ästhetischen Umsetzung, die neue deutsche Webserien-Maßstäbe schafft. Kleinere Schwächen im Drehbuch oder bei der schauspielerischen Leistung verzeiht man gerne, denn das Vertrauen in die jungen und YouTube-affinen Macher wird hier insgesamt definitiv nicht enttäuscht, sondern übertroffen. Und eins ist klar: Noch nie hat sich der Teufel für einen Pakt mit dem Mensch in so verlockender Gestalt präsentiert wie bei Wishlist.

Wishlist kannst du auf YouTube oder bei Funk sehen.

 

 

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Janna Fund
Autor(in): Janna Fund
Ob ihr's glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!

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