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Kino

Werk ohne Autor: Warum mich Henckel von Donnersmarcks Film entzauberte

Das Leben der Anderen hat mich nachhaltig berührt, The Tourist habe ich verdrängt. Werk ohne Autor, der dritte Film von Florian Henckel von Donnersmarck, sollte deshalb die große Wahrheit ans Licht bringen: One-Hit-Wonder oder Genie? Und dann stand er plötzlich vor mir …

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Es ist Anfang September und ich habe mich zur Pressevorführung von Oscar-Kandidat Werk ohne Autor angemeldet, dem neuen Film von Florian Henckel von Donnersmarck. Florian Henckel von Donnersmarck, der Einfachheit halber ab sofort nur FHD genannt, ist wohl nicht der beliebteste Regisseur Deutschlands, aber dafür ein sehr bekannter. Das gilt für den Namen ebenso wie für die viel beschriebene Optik: Er erinnert äußerlich an einen 2,05 Meter großen Beethoven (Fun Fact: Beethoven war nur 1,62 Meter).

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Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (Mitte) machte sich bisher in Interviews vor allem unbeliebt | © Buena Vista International / Nadja Klier

Die meisten Menschen wissen gerade noch nicht einmal, dass FHDs neuer Film Anfang Oktober ins Kino kommen wird. Ich hingegen habe schon vor Monaten den Trailer gesucht, und Fotos von den Dreharbeiten in Dresden ergoogelt. Ich bin heimlich fasziniert – FHD ist mein ganz persönliches Guilty Pleasure. Das liegt unter anderem daran, dass es in meiner Familie Menschen gibt, die Sätze sagen wie: „Ich lasse mir von einem Wessi nicht den Osten erklären.“

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Tom Schilling schwingt den Pinsel in Werk ohne Autor | © Disney

Die Pressevorführung für Werk ohne Autor ist dann wie zu erwarten ziemlich voll, aber eben nur ziemlich, und die Masse der Filmkritiker*Innen verströmt eine Aura der Apathie. Eine „ich bin nur hier, weil es mein Job ist“-Einstellung, die auch jeder sehen darf.

Mir geht es da ein wenig anders. Ich bin so aufgeregt, dass ich mir Popcorn gekauft habe. Kein echter Kritiker kauft sich für eine Pressevorführung irgendwas – aber ich bin ja auch kein Kritiker, sondern Fan, obwohl ich das bis heute nie offen zugegeben habe.

Florian Henckel von Donnersmarcks Filme: Das Leben der Anderen, The Tourist und Werk ohne Autor

Alles fing an mit Das Leben der Anderen. Die Story, ja klar – die emotionalen Verwicklungen, die einen förmlich in den Film hinein sogen. Das war Hollywood-Niveau. 

Ein paar Jahre später sah ich The Tourist. In Erinnerung blieben nur eine abgemagerte Frau in sehr teuren Klamotten und ein Mann mit aufgedunsenem Gesicht, der Johnny Depp ähnelte. Als der Streifen 2010 herauskam, wurde hämisch über FHDs aalglattes Mainstream-Kino gelästert. Sein Film sei ein Flop. Zumindest letzteres ist aus finanzieller Sicht nicht korrekt. Der Film wurde ein Box Office Hit.

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Saskia Rosendahl in Werk ohne Autor | © Disney

Gäbe es bei Imdb einen Seelenindex, käme er nicht so gut weg. The Tourist ist ohne Frage ein Symbol für eine auf Ästhetik fixierte Kapitalismusmaschinerie – seelenlos und dazu noch todsterbenslangweilig.

Umso spannender ist für mich also diese Pressevorführung für seinen dritten Film. Ich erwarte nichts Geringeres als Erleuchtung über diesen Mann und seine Arbeit. FHD erscheint sogar ganz unverhofft höchstpersönlich und spricht vor den Filmkritikern.

Popcorn und FHD in einem Kinosaal, das finde ich schon ziemlich cool. Eine kurze Begrüßung, dann steigt er ein mit der Information, dass das Team bis gestern geschnitten hätte. Die Euphorie soll wohl überspringen, er möchte die Zuhörer für sich gewinnen, aber so einfach funktioniert das natürlich nicht. Das weiß FHD. Und er weiß, dass er für Medienvertreter kein Sympathieträger ist. Wenn man es sich genauer überlegt, hätten wir ihn vielleicht sogar auf die Liste unserer filmischen Lieblings-Antihelden schmuggeln können.

Werk ohne Autor: Die Handlung und Gerhard Richters wahre Geschichte

So beginnt die eigentliche Geschichte damit, dass die Idee des Films auf einem Interview mit dem damaligen Tagesspiegel-Redakteur Jürgen Schreiber beruht, der nicht so wirklich Lust hatte, FHD zu interviewen. Also wurde FHD zu demjenigen, der die Fragen stellte. Denn Herr Schreiber hatte schließlich vor nicht allzu langer Zeit ein sehr spannendes Buch mit dem Titel Ein Maler aus Deutschland. Gerhard Richter. Das Drama einer Familie. veröffentlicht.

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Oliver Masucci als streitbarer Professor in Werk ohne Autor | © Disney

Darin erzählte der Enthüllungsjournalist eine Familientragödie: Richters geliebte „Tante Marianne“, berühmt geworden durch ein gleichnamiges Portrait, wurde aufgrund ihrer diagnostizierten Schizophrenie von NS-Ärzten sterilisiert und umgebracht. Was selbst Richter nicht wusste und durch dieses Buch enthüllt wurde: Richters eigener Schwiegervater spielte als SS-Obersturmbannführer bei der Sterilisierung von geistig nicht der NS-Norm entsprechenden Menschen eine maßgebliche Rolle.
Diese Geschichte ist wie gemacht für das Kino.

Ein spannender Aufhänger, mindestens ebenso bewegend vorgetragen. FHD gehört zu den Menschen, denen man zuhört. Und er beherrscht die hollywood’sche Dramaturgie intuitiv.
Als die Filmidee stand, wollte er Gerhard Richter persönlich befragen. Mit ihm, dem heimlichen Protagonisten, reden. Er bat also den großen Maler nur um eine Stunde seiner Zeit. Aber natürlich wurden aus dieser Stunde mehrere Wochen. Sie liefen wohl gemeinsam durch Dresden, schauten sich Orte aus Richters Vergangenheit an.

©Wikipedia/Jindřich Nosek (NoJin), no changes made
Gerhard Richter im Frühjahr 2017 in Prag | © Wikipedia/Jindřich Nosek (NoJin), no changes made

An diesem Punkt verhaspelt sich FHD ein wenig – er erzählt nicht mehr so flüssig. Es passt nicht zur Erwartungshaltung, dass die Geschichte holpert, aber FHD macht weiter und versucht, seine alte Form wiederzufinden. Es gelingt ihm nicht.

Passivität, Plakativität und Popcorn

Die wahre Geschichte verlief so, dass Gerhard Richter sowohl den SS-Obersturmbannführer und Schwiegervater Eufinger, als auch seine Tante Marianne Schönfelder porträtierte. Täter und Opfer, wohl ohne dass ihm die Verbindung bewusst war. FHD erklärt abschließend im Kinosaal, dass er erzählen wollte, was gewesen wäre, wenn die Dramaturgie des Lebens nach einem Ende verlangt hätte, das dem Anfang gerecht wird. Ich habe mein Popcorn bereits fast aufgegessen. Die Kritiker klatschen nach der Ansprache doch brav und dann geht es endlich los.

Werk ohne Autor ist ein Film, der mich nicht gelangweilt hat. Das Wissen, dass die Geschichte des Malers Kurt Barnert auf der Biografie von Gerhard Richter beruht, verleiht ihr eine ganz besondere Relevanz. Das große Manko des Films: Der emotionale Funke springt bei mir nie über. Ich will mitfühlen, tue es aber nicht.

Dafür gibt es mehrere Gründe – und ein blasser, passiver Tom Schilling ist einer davon. Dabei ist die Szene, in der Kurt Barnert sich von dem autoritären, bösen Schwiegervater Prof. Carl Seeband klein halten lässt, obwohl er weiß, dass er genau jetzt eingreifen müsste, um sich und seine Geliebte zu retten, glaubwürdig und menschlich. Er steht schlicht da und lässt eine Unmöglichkeit nach der nächsten geschehen. Doch er wächst nicht daran. Im Film spielt er vor allem den passiven Zuschauer seines eigenen Lebens.

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Tom Schilling (links) und Sebastian Koch (rechts) in Werk ohne Autor | © Disney

Später wird der Erfolg zwar von außen kommen, und Kurt Barnert ein großer Künstler, doch dieser Erfolg wirkt wie aufgeklebt, so glaubwürdig wie das aufgesetzte Lächeln seines Schwiegervaters. Ich glaube der Figur Barnert einfach nicht, dass er sich am Ende des Films selbst gefunden haben will. Er darf nur komischerweise die Bilder von Gerhard Richter ausstellen …

FHD und seine Frauen-Rollen: Mittel zum Zweck

Die alte Geschichte des Vaters, der denkt, dass der Auserwählte der Tochter nicht gut genug für seinen geliebten Nachwuchs ist, wird Bauchschmerzen bereitend „widerlegt“: Der äußere Erfolg des Künstlers soll beweisen, dass Ellie mit ihrem Kurt die richtige Wahl getroffen hat. Klar doch! Ein Mann, der beruflichen Erfolg vorzuweisen hat, ist schließlich immer der Richtige. Und auch die Ehe kann dann ja nur noch eine glückliche sein.

Mal ehrlich: Ich frage mich schon insgeheim, warum Kurt und Ellie überhaupt zueinander gefunden haben. Von Chemie kann jedenfalls nicht die Rede sein.

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Ellie Seeband (Paula Beer) gibt in Werk ohne Autor eher das „hübsche Püppchen“ | © Disney

Ein weiteres großes Problem wird sichtbar: FHD und die Frauen. Schon Martina Gedeck beklagte, dass ihre Figur in Das Leben der Anderen nur Mittel zum Zweck gewesen sei. Nun gut, es hätte ein Einzelfall gewesen sein können. Aber Werk ohne Autor krankt an der gleichen Stelle.

Kurt Barnert scheint nur Prof. Carl Seebands Anerkennung erringen zu wollen, nicht aber die von Seebands Tochter und seiner Ehefrau Ellie Seeband. Diesmal spielt Sebastian Koch eben den Bösen, sonst wäre es zu ähnlich zu Das Leben der Anderen. Und man schaut ihm gerne dabei zu, er stiehlt Tom Schilling stets die Show. Doch eigentlich soll ja Schillings Kurt Barnert derjenige sein, der im Rampenlicht stehen sollte. Aber was auch geschieht, wie in einer dysfunktionalen Beziehung kommen Kurt Barnert und Carl Seeband nicht voneinander los – durch Ellie Seeband, das Mittel zum Zweck.

Ellie Seeband: Deko ohne Tiefgang

Ellie Seeband wird verkörpert von Paula Beer, die sich bereits in der Fernsehserie Bad Banks einen Namen als toughe Investmentbankerin gemacht hat. In Werk ohne Autor ist sie ein hübsches Püppchen. Sie berichtet Kurt vor allem, wie es mit der erhofften Nachwuchsplanung ausschaut. Während sie das tut, zeichnet sie unglaubwürdig an einem Kleidungsstück oder sitzt an der Nähmaschine.

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Kurt Barnerts Frau (Paula Beer) ist als Figur nur Mittel zum Zweck | ©Disney

„Sie ist nicht nur Deko, sie hat ihre eigene Kunst!“, will der Künstler FHD uns damit wohl sagen. Vor allem tut er das aber scheinbar, weil das heutzutage in den guten Produktionen ja so gehandhabt wird – dass die Frau ja mehr ist als ihr Aussehen und ihre Gebärmutter. Es wirkt, als hätte FHD keine Ahnung, warum das so ist, oder was genau es damit auf sich hat. Aber er weiß, so muss man es machen.

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Der deutsche Künstler Gerhardt Richter um 1970 | ©Wikipedia/ Lothar Wolleh, no changes made

Und dann ist da noch unverkennbar diese Konstante der künstlerischen Selbstfindung. Sehr plakativ, sogar im wahrsten Sinne des Wortes, ist die leere Leinwand, vor der Kurt Barnert immer mal wieder steht. Er versucht sich an der Kunstakademie Düsseldorf selbst zu finden. Gerhard Richter war in der DDR bereits etabliert, als er das Land verließ. So wie FHD, als er nach Hollywood aufbrach. Der Zuschauer weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis für Barnert der große Durchbruch früher oder später kommen wird. Diese Zeit beträgt im Kino fast drei Stunden. Und dann ist der Film vorbei.

Werk ohne Autor: Mein Fazit

Direkt nach der Vorführung fragt mich eine junge Dame mit Clipboard vor dem Saal erfreut, was ich denn über Werk ohne Autor denke. So schnell funktioniere ich nicht. Mein erster Gedanke: Meine Popcorn-Packung war definitiv zu klein.

Ich bin auf jeden Fall entzaubert. Kurz vor dem Kinostart lese ich ein paar Artikel über den Film, die großen Zeitungen sind gewohnt kritisch. Da läuft die Debatte über die Dresdner Luftangriffe und wie sie parallel zu Bildern aus der Gaskammer geschnitten wurden. Dann ist da noch die Info, dass Gerhard Richter sich mit dem Film nicht anfreunden kann, dass der Kontakt zu FHD nicht besonders nachhaltig war und Richter sich nach den Spaziergängen in Dresden zügig zurückzog.

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Florian Henckel von Donnersmarck (rechts) mit seinem Werk ohne Autor-Cast | © Disney


Das echte Leben gehorcht eben nicht der Mainstream-Kinofilm-Dramaturgie.
In einem Hollywood-Film kommt der größte Erfolg auch nicht ganz am Anfang, sonst gibt es keine Steigerung mehr und das Ende bleibt unbefriedigend. FHDs eigene Karriere entspricht demnach nicht der Dramaturgie, die er intuitiv beherrscht. Seine Story ist eine Story abseits vom Schema F: Die Zeit war eigentlich nie besser für eine solche Geschichte. Alles ist erlaubt, so lange sie nur mitreißt, auch unsympathische Hauptfiguren wie beispielsweise Pablo Escobar in Netflix‘ Narcos.

Ich weiß, dass FHD bei mir den Das Leben der Anderen-Bonus hat. Und dass ich mir auch seinen vierten Film anschauen werde. Wie eine Serie, die eine unglaublich gute Pilotfolge zu bieten hatte, aber dann so krass abfiel, dass ich einfach noch ein wenig weiter schauen muss, bevor ich wirklich abschalte.

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Antje Sachwitz
Autor(in): Antje Sachwitz
Antje glaubt, dass Social Media Managerin ein echter, unglaublich kreativer und höchst wichtiger Beruf ist. Jetzt muss sie nur noch den Rest der Welt davon überzeugen.
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