Victoria auf Netflix zu sehen © Wild Bunch Germany / Senator Filmverleih
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Victoria auf Netflix: 140 Minuten Wahnsinn, ungeschnitten

Wie fühlt es sich an, beim langweiligsten Banküberfall Berlins die Fahrerin zu sein? Aufregend genug für einen Film? Sebastian Schipper hat in Victoria auf einen actionreichen Bankraub à la Hollywood verzichtet und setzt stattdessen auf einen Film ohne Schnitt. Richtig gelesen: 140 Minuten und kein einziger Schnitt.

Wunder oder Wahnsinn?

„Manche Entscheidungen verändern alles. Für den Rest deines Lebens“, sagt Frederick Lau in seinem neuen Kinofilm Der Spielmacher. Dort mimt er einen ehemaligen Fußballprofi mit einer kriminellen Vergangenheit. Welche lebensverändernde Entscheidung seine Rolle Ivo trifft, erfahren wir aktuell im Kino.

Wofür sich Frederick Lau als Sonne im One Take-Wunder Victoria entscheidet, wissen wir: Er hilft seinem Kumpel Boxer (Franz Rogowski) eine Schuld zu begleichen, die ihm plötzlich alles abverlangt. Beginnen wir aber dort, wo Wunder und Wahnsinn aufeinander treffen: Am Anfang, im ersten nicht endenden Schnitt:

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Victoria (Laia Costa) tanzt ausgelassen in einem kleinen verranzten Discokeller. Sie will gerade gehen, als sie Sonne und seine Freunde kennenlernt. Von nun an verbringt sie ihre Zeit bis zur Morgendämmerung mit den Chaoten. Eine intensive Zeit mit kleinen Wahnsinnsmomenten, die wir hautnah miterleben.

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Victoria (Laia Costa) lernt Sonne (Frederick Lau) und seine Freunde kennen | © Wild Bunch Germany / Senator Filmverleih

Was ist so besonders an Victoria?

Wir sehen ihn nicht nur, wir fühlen ihn: Den Moment, in dem sich Victoria innerlich entscheidet, das Fluchtauto zu fahren. Und das, obwohl ihr gerade bewusst geworden ist, was es bedeutet die Fahrerin bei einem Banküberfall zu sein. Und wir erleben mit, wie lang oder kurz sich drei Minuten anfühlen, als die junge Frau auf die unerfahrenen Bankräuber wartet.

Genau darauf zielte Sebastian Schipper mit Victoria ab, als er sich entschied, ohne Schnitt zu drehen: Er wollte die Wahnsinnsmomente spürbar machen:

Diese drei Minuten wirklich zu empfinden, wie man sie empfinden würde, als Fahrer bei einem Banküberfall, das ist vielleicht viel abgefahrener und geht einem viel mehr unter die Haut, als wenn eine riesige Explosion und sonst was für kinomäßige Sachen stattfinden.

Victoria muss nichts künstlich vergrößern. Die Darsteller spielen nicht und tun so, als würde etwas passieren. Sie sind. Sie machen. Alles passiert im Moment. Laia Costa fiel es nicht schwer zu vergessen, dass gefilmt wird, weil sie der Charakter Victoria war.

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Victoria (Laia Costa), Sonne (Frederick Lau) und Boxer (Franz Rogowski) albern herum | © Wild Bunch Germany/ Senator Filmverleih

Das macht Kino für Schipper aus. Dass Victoria mit dem längsten Schnitt deutsche Filmgeschichte schreibt, ist für ihn fast zweitrangig.

Er lässt uns voll einsteigen. Vor und nach dem Raub. Wir sind immer mitten im Geschehen, hören die Schauspieler atmen und sehen sie durchdrehen bis unsere eigenen Herzen schneller schlagen. Wir werden eingesogen, werden Teil des Films. Schipper will uns mitnehmen:

Kino ist Emotion. Kino ist, dass ich was erlebe. Kino ist, dass ich alles drum herum vergesse.

Schnell ist vergessen, dass Victoria keinen Schnitt hat. Dafür benötigte es 12 Seiten Drehbuch, komplett improvisierte Dialoge, zwei Monate Proben und drei finale Durchläufe. Und am 27. April 2014 war Victoria um 7 Uhr morgens im Kasten. Beim letzten Versuch.

Wie konnte das alles bloß funktionieren?

Eine verrückte Idee braucht Menschen, die mitmachen. Sebastian Schipper hatte eine klare Vorstellung davon, mit welchen Menschen er zusammenarbeiten wollte. Frederick Lau stand schon lange auf seiner Wunschliste.

Erste große Aufmerksamkeit erlangte der 28-jährige in Die Welle (2008). Im Drama wird ein Sozialversuch mit nationalsozialistischer Thematik gezeigt. Aktuell setzt sich der Schauspieler mit Der Hauptmann auf eine andere Weise mit dem Nationalsozialismus auseinander.

In das Projekt Victoria ging Lau ungläubig und hielt es zuerst für eine „kranke Idee“:

Aber ich habe dann irgendwann gemerkt, dass sie das ernst meinen. Und habe mich dann dafür entschieden, das auch ernst zu nehmen.

Sagt der Darsteller lachend in einem Filmstarts-Interview. Die lockere Atmosphäre im Interview zeigt, wie stark die Dreharbeiten alle Beteiligten zusammengeschweißt haben. Sie harmonieren miteinander. Allen voran: Frederick Lau und Hauptdarstellerin Laia Costa.

Sie trafen einander in Barcelona und schon beim Casting wussten der Sonne-Darsteller und Regisseur Schipper, dass nur die Spanierin für die Rolle der Victoria infrage kam.

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Hauptdarstellerin Laia Costa aus Barcelona spielt Victoria | © Wild Bunch Germany / Senator Filmverleih

Die Schauspielerin merkte beim Dreh, dass Sebastian Schipper auch vor der Kamera erfahren ist und den Darstellern vertraut. Der 49-jährige verstand sich mehr als Trainer und riet, sich von den Figuren zu verabschieden. Stattdessen: Einfach erleben, was sie erleben. Costa ist sich sicher, dass die magischen Momente durch solch eine Freiheit entstehen konnten.

Der heimliche Star steht hinter der Kamera

In ihren Rollen brillieren auch Franz Rogowski (Boxer), Burak Yigit (Blinker) und Max Mauff (Fuß). Den wohl bedeutendsten Part übernahm aber Kameramann Sturla Brandth Grøvlen. Er wird im Abspann als Erstes gezeigt – noch vor Sebastian Schipper. Das ist eine Geste der Verneigung vor seiner Arbeit. Der Regisseur äußert sich voller Achtung über Grøvlen:

Er macht so wenig Wind um seine Arbeit und ist gleichzeitig so voller Hingabe. Er war wie ein guter Geist.

Der Norweger war von der keine Schnitte-Idee fasziniert. Er sah den Dreh als eine Herausforderung, künstlerische Grenzen zu überschreiten. Dafür erhielt er zurecht den Preis Silberner Bär für eine „Herausragende künstlerische Leistung“.

Victoria dominierte den Deutschen Filmpreis 2015 und gewann in sieben Kategorien. Trotz des großen Erfolgs möchte Schipper nie wieder einen solchen Film erschaffen. Viel zu anstrengend. Aber er ist glücklich darüber, wenn weitere Filmschaffende mit der One Take-Idee weiterarbeiten.

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Regina Singer
Autor(in): Regina Singer
Regina weiß welche Filme und Serien zu welcher Jahreszeit und welchem Gemütszustand passen. Sie ist stets auf der Suche nach der perfekten Filmmusik, die sie in ihr Leben aufnehmen kann und schaut sich ihre Lieblingsklassiker auch noch zum 25. Mal an.

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