©MG RTL D / SquareOne Entertainment
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TV-Premiere Liar auf Vox: Warum wir lügen

Die neue Dramaserie Liar dreht sich um einen Date-Abend, der in einer Vergewaltigung endet – sagt sie. Er behauptet, es sei ein „wundervoller Abend“ gewesen. Eins steht fest: Einer lügt. Auch im wahren Leben keine Seltenheit – doch warum tun wir es? Ein Abriss der menschlichen Lügner-Natur.

„Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten“, heißt es im 2. Buch Mose 20:16 – ein Satz, der die moderne westliche Kultur geprägt hat wie vielleicht kaum ein anderer. Zwar dient er nach wie vor als Gesellschaftsideal, dennoch gibt es sie zu Hauf, die Pinocchios, Münchhausens und Donald Trumps dieser Welt.

Die pragmatische Einsicht: Gelogen wird immer. Lügen-Forscher sind sich allerdings schon lange einig: Wer behauptet, dass er nie lügt, lügt. Die einen tun es mehr, die anderen weniger, und vor allem die Art der Lügen variiert stark.

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Dabei belegen zahlreiche Studien, dass Menschen, die weniger lügen, psychisch und physisch gesünder und glücklicher sind. Mehr noch – wer seine Gesundheit und seine Zufriedenheit aktiv steigern will, der kann das laut einer Studie der University of Notre Dame selbst spürbar beeinflussen.

„In unserer Studie haben wir beobachtet, dass die Probanden das Lügen deutlich reduzieren und ihre Gesundheit allein dadurch messbar verbessern konnten“, erklärt Psychologie-Professorin Anita E Keller.

Auch die neue Dramaserie Liar beschäftigt sich eingehend mit der menschlichen Fähigkeit, Selbstverständlichkeit und vor allem Bereitschaft zur Lüge. Die sechsteilige britische Serie ist eine Produktion des Senders iTV. Dort war man schon verantwortlich für die populäre Krimidrama-Serie Broadchurch. Auch in dem schnuckeligen Küstenstädtchen wurde gelogen, dass sich die Balken bogen. Diesem Thema bleibt iTV mit Liar treu und verwebte nun das Leitmotiv geschickt mit einem brisanten Vergewaltigungsvorwurf.

Liar auf Vox: Aussage gegen Aussage

Nach dem absehbaren Ende einer langjährigen Beziehung kann Englischlehrerin Laura sich schon kurz nach der Trennung wieder auf ein Date einlassen. Der attraktive Chirurg Andrew Earlham fackelt nicht lange, als er von der Trennung hört und Laura sofort um eine Verabredung bittet. Der Abend beginnt mit beschwingten Gesprächen und Komplimenten in lauschiger Atmosphäre.

Das Date zwischen Laura und Andrew begann so vielversprechend… MG RTL D / SquareOne Entertainment

Was dann passiert, bleibt vorerst ein Rätsel. Sicher ist nur: Am nächsten Morgen unterzieht sich Laura einer ärztlichen Untersuchung. Sie behauptet, von dem alleinerziehenden Familienvater betäubt und vergewaltigt worden zu sein. Andrew hingegen streitet alles ab. Er berichtet der Polizei von einer kurzweiligen Verabredung, die mit einvernehmlichem Sex endete.

Über sechs Folgen erkundet die Serie mit einem cleveren und dialoglastigen Drehbuch die Dimensionen der zahlreichen Lügen, die nach und nach ans Licht kommen. Von der kleinen unscheinbaren Alltagslüge bis hin zu hinterlistigen Täuschungsmanövern deckt die Serie so ziemlich jede Sorte von Irreführung ab, die man sich denken kann – oder auch nicht. Dabei liegt jeder Täuschung und Manipulation meist ein anderes Motiv zugrunde und auch die Intentionen variieren stark.

Wahre Worte sind nicht immer schön, schöne Worte nicht immer wahr

Auch im echten Leben fernab von Flimmerkiste oder Kinoleinwand ist das der Fall, wenn man der Wissenschaft Glauben schenken will. Grundsätzlich unterscheidet man hier zwischen prosozialen und antisozialen Lügen. Die prosozial orientierten Irreführungen, wie zum Beispiel die soziale Lüge, fungieren laut Psychologe Professor Robert Feldmann als Kommunikations-Schmierstoff im Alltag. Die antisozialen Lügen wirken grundsätzlich zerstörerisch auf Umwelt und Beziehungen. Feldmann wörtlich im Interview mit der Zeit:

Keine Lüge ist folgenlos. Wenn man zu Beginn einer Beziehung nicht ganz ehrlich ist, dann wird es schwierig, diese Lügen später rückgängig zu machen. Oft perpetuieren die Menschen ihre Lügen, statt sie richtigzustellen. Niemand gibt gern zu: »Ich habe gelogen.« Ein Schneeballeffekt entsteht: Lügen gebären neue Lügen.

Wenn es um bedeutendere Dinge gehe, solle man sich so wahrhaftig wie möglich geben, so Feldmann. Im alltäglichen Leben und angesichts unwichtigerer Angelegenheiten empfiehlt der Psychologe eine Portion gesunden Pragmatismus. Wer auch hier stets dem Wahrheitsideal folge, der könne sich das Leben auch unnötig schwer und sich selbst unbeliebt machen.

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Ist Andrew ein skrupelloser Vergewaltiger? MG RTL D / SquareOne Entertainment

Nicht jeder Mitmensch sehnt sich danach, von jedem Gegenüber ungeschönte Wahrheiten zu hören. Oft genug werden die sogar bewusst gemieden, denn schließlich können sie auch richtig schmerzen. Andererseits sei ein echtes Feedback über sich selbst sehr wichtig für die Selbstentwicklung. „Wer wirklich sehen will, wo er steht, sollte die Wahrheit suchen„, meint Feldmann.

Der Lügner, der andere in die Irre führt, leidet gelegentlich auch selbst unter seinem Verhalten, sowohl psychisch als auch physisch. Stets muss er auf der Hut sein, nicht überführt zu werden. Sprachwissenschaftler Jörg Meibauer betont im Interview mit der Welt, dass es außerdem große Geschicklichkeit und Anstrengung braucht, um ein Lügenbäude aufrechtzuerhalten. Denn für das Hirn sei das Lügen eine sehr komplizierte Sache. Daher mischten Leute häufig Wahres und Unwahres, um sich selbst ein wenig zu entlasten. Die Gründe für die Verbreitung von Unwahrheiten sind von Lüge zu Lüge unterschiedlich.

Wir verraten euch, welche der häufigsten Lügen-Typen man eventuell sowohl in der Serie, als auch im echten Leben immer wieder begegnet und warum.

Das kleine Lügner-ABC

A wie die Altruistische Lüge

Unter einer altruistischen Lüge versteht man eine Unwahrheit, die jemand anderen schützen soll. Unter Umständen handelt sich der Lügner bei dieser Art von Irreführung sogar selbst Nachteile ein.

Die altruistische Lüge wird seit den Untersuchungen der Lügen-Forscher Sanjiv Erat und Uri Gneezy von der University of California in San Diego auch häufig als ‚white lie‘ bezeichnet. Ähnlich wie auch die soziale Lüge, wird sie statistisch am häufigsten von Frauen, weniger von Männern erzählt. Belegt ist mittlerweile auch, dass Frauen sich im Schnitt schuldiger, nervöser und unwohler fühlen beim Lügen als Männer.

E wie das Erfinden

Das Erfinden, das Hinzudichten, das Übertreiben oder das Untertreiben gehören zu den häufigsten Formen der Lügen im Alltag. Ernsthaften Schaden richten diese Art von Unwahrheiten bei Privatpersonen eher selten an, da sie sich in der Regel stark an der Wahrheit orientieren. Bei Politikern wie Donald Trump, der unter anderem auch diese Art der Lüge als Basis seiner Angstpolitik zum Werkzeug macht, kann sie weitreichende Folgen haben.

Katy und Tom: Sind hier schwarze Lügen im Spiel? MG RTL D / SquareOne Entertainment

G wie die gemeine Lüge (die schwarze Lüge)

Laut Wissenschaft verkaufen Männer durchschnittlich häufiger sogenannte gemeine bzw. schwarze Lügen an ihre Umwelt. Die Forschung versteht darunter die Art von Irreführung, die zu Lasten anderer geht – egal ob auf emotionale, soziale, psychische oder auch finanzielle Art und Weise.

Im Vordergrund stehen dabei meist selbstsüchtige Motive – man will sich selbst einen Vorteil verschaffen. Meist versucht sich der Lügner selbst in ein fälschlich positives Licht zu rücken. Der Betrug des anderen soll ihm Vorteile bringen.

Natürlich gibt es auch zahlreiche Frauen, die gemeine Lügen aussprechen. Was die Häufigkeit von Täuschungen angeht, werden Männer von den Forschungsergebnissen allerdings nicht verschont: Im Schnitt sollen sie demnach 20% mehr Unwahrheiten verbreiten als Frauen.

G wie die Geltungslüge

Vor allem Menschen mit instabilem Selbstbewusstsein nutzen die Geltungslüge vor anderen, um sich selbst in ein gutes bis grandioses Licht zu rücken. Dem Lügner geht es hierbei vor allem darum, Fähigkeiten, Intelligenz, Status oder ähnliches zur Schau zu stellen. Das Ziel ist, einen bleibenden Eindruck beim Gegenüber zu hinterlassen. Häufig kommt die Geltungslüge auch bei Männern zum Einsatz, die eine Dame beeindrucken wollen. Bei narzisstischen Persönlichkeiten gehören sie meist zum Standard-Repertoire der bevorzugten Lügen.

P wie Pseudologica Fantastica

Unter der Pseudologica Fantastica versteht man krankhaftes Lügen. Die Unwahrheiten dienen dem Pseudologen zur Kompensation von Situationen, für die er keine reiferen Bewältigungsstrategien parat hat.

Häufig reagiert das Umfeld vorerst mit Anerkennung oder Zuwendung – der Antrieb für den Patienten, der sich so entlastet, euphorisiert und ermutigt fühlt.

In erster Linie handelt es sich bei der Krankheit um eine Störung der Impulskontrolle. Außerdem treten kaum bis gar keine Schuld- und Schamgefühle bei den Betroffenen auf. Insbesondere Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen sind von dem Syndrom betroffen.

Wer lügt hier? – Katy und ihr Ehemann. MG RTL D / SquareOne Entertainment

S wie die Soziale Lüge

Bei der sozialen Lüge sollen das Selbstwertgefühl und die Emotionen des Gegenübers geschützt werden. Martin Luther sprach einst von nützlichen oder helfenden Lügen. Der andere soll sein Gesicht wahren dürfen. Demnach wird bei der sozialen Lüge zugunsten des Belogenen die Unwahrheit gesagt.

Wie Psychologen der Universität Harvard herausfanden, verstehen Kinder zwischen fünf und elf Jahren bereits, dass diese Lüge für das Zusammenleben von großer Wichtigkeit ist. In einem Versuch trösteten Kinder eine Frau, die Bilder malte und sich dabei über ihr mangelndes künstlerisches Talent beklagte. „Ich finde dein Bild schön“, logen die Kinder brav.

S wie die Selbstlüge (manchmal auch die Lebenslüge)

„Menschen sind Meister darin, sich selbst zu belügen“, sagt Psychologe Robert Feldmann. Es sei schwierig, Selbstlügen zu entlarven, denn insbesondere zerbrechliche Egos fänden reichlich Abwehrmechanismen, um sich mit den eigenen Wahrheiten nicht auseinandersetzen zu müssen.

„Selten werden wir wirklich selbsteinsichtig“, schließt Feldmann. Die Selbstlüge dient zur Verdrängung unliebsamer Wahrheiten. Zur Lebenslüge wird eine bedeutende Unwahrheit, wenn der Lügner über einen langen Zeitraum oder Jahre hinweg eine Lüge aufrechterhält.

Das Eingestehen einer solchen Selbstlüge erfordert meist ein beinahe überdurchschnittlich hohes Maß an Selbsterkenntnis.

W wie die Will & Grace-Hypothesen

In der Lügenforschung spricht man von zwei unterschiedlichen Hypothesen, die Erklärungen für das Lügen liefern sollen. Bei der sogenannten Will-Hypothese ging man bei einer Studie davon aus, dass Ehrlichkeit vor allem die Fähigkeit sei, der Versuchung, zu lügen zu widerstehen. Laut der sogenannten Grace-Hypothese, die im Gegensatz zur Will-Hypothese steht, kommt bei ehrlichen Menschen aber natürlicherweise kaum die Versuchung auf, zu lügen.

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Laura und Andrew in Liar. MG RTL D / SquareOne Entertainment

In Testsituationen ließen die Hirnaktivitäten der Probanden darauf schließen, dass vor allem die Grace-Hypothese eine Rolle spielt. Ehrliche Menschen zeigten bei der Möglichkeit, zu schummeln, kaum bis gar keine Hirnaktivität im präfrontalen Cortex. Der gilt als wichtigstes Handlungskontrollzentrum.

Bei Menschen, die häufiger logen, zeigten sich genau dort vermehrt Hirnaktivitäten, die auf einen inneren Zwiespalt hinwiesen. Einen Zwiespalt, der sich bei ehrlichen Menschen gar nicht erst ergab. Diesen Zwiespalt gab es allerdings auch dann bei den zwiegespaltenen Probanden, wenn sie die Wahrheit sagten.

V wie das Verschweigen

Der Lügner enthält dem Gegenüber wichtige Informationen vor, die es wissen sollte. Dadurch kann dem Belogenen ein Schaden oder ein entscheidender Nachteil entstehen. Für den Lügner ist das Verschweigen häufig eine der bequemsten Sorten von Lügen.

Heilende Wahrheiten

Lügenforscher sind sich einig: Vor allem antisoziale Lügen lassen Misstrauen aufkommen, wenn Fairness und Aufrichtigkeit im alltäglichen Umgang miteinander missachtet werden. Die Wahrheit zu sagen, ließ bei Probanden diverser Studien vor allem Erleichterung und Freiheitsgefühle aufkommen, insbesondere, wenn es um zwischenmenschliche Themen ging. Kein Wunder für Psychologe Feldman. Um eine Spirale der Lügen, ähnlich der in Vox‘ neuer TV-Serie Liar, effektiv zu durchbrechen, gäbe es nur einen Ausweg.

Man muss gestehen. Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der andere versteht es und vergibt einem die Lügen. Dann wird die Partnerschaft weitergehen und ehrlicher werden. Oder es war eine so ungeheuerliche Lüge, dass die Partnerschaft an ihr zerbricht. Dann war sie aber wahrscheinlich sowieso zum Scheitern verurteilt.

Wenn man den möglichen TV-Lügnern Laura, Andrew & Co. noch einen weiteren Tipp geben wollen würde, käme der von Lügenforscher Klaus Fiedler, Professor für experimentelle Sozialpsychologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg. Er rät vor allem zu bewusster Selbsteinsicht. Man solle Wahrheitsüberwachung an sich selbst üben, um so zu lernen, die verschiedenen Facetten des Lügens zu unterscheiden.

Wie viel gerade diese Facetten ausmachen können, sieht man ab dem 14. März mittwochs in Doppelfolgen von Liar ab 21:15 auf Vox. Außerdem ist Liar auch bei TVNow verfügbar.

 

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Janna Fund
Autor(in): Janna Fund
Ob ihr's glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!

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