© ZDF/ Sophie Silbermann
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Fernsehen

Psychodrama Tabula Rasa: Opfer, Täterin oder Patientin?

Das neue Psychodrama Tabula Rasa zeigt die Geschichte einer Frau, die nach einem Unfall an Amnesie leidet. Auf der Suche nach der Wahrheit führt die atmosphärisch dichte Serie den Zuschauer in ein echtes Rätsel-Labyrinth. Betrügerin, Opfer oder Patientin – wer ist Annemie D‘Haeze wirklich?

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Bei den alten Römern verstand man unter dem Begriff tabula rasa eine geglättete Schreibtafel mit eingelassenem Wachs. In das Schreibutensil ritzte man Zeichen und Buchstaben, weil Papier viel zu kostspielig war. Wollte man die Tafel erneut benutzen, wurde sie für neue Worte wieder geglättet und das vorige Schreibwerk aus dem Wachs radiert.

Heute besagt der Ausdruck tabula rasa, dass jemand mit etwas reinen Tisch macht. Klarheiten und Ordnungen werden geschaffen, und das meist radikal und entschlossen, um den Weg für einen Neuanfang zu ebnen.

Ein bruchstückartiger Teufelskreis

Einen Neubeginn kann man der Hauptfigur der neuen ZDFneo-Serie Tabula Rasa nur wünschen. Findet sie sich doch in einer Endlosschleife aus Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Misstrauen wieder.

Das Psychodrama erzählt die Geschichte von Annemie D‘Haeze, die nach einem Unfall blutüberströmt und verwirrt im Wald aufgefunden wird. Die Handlung weist reichlich Zeitsprünge und Rückblenden auf und spielt auf zwei Ebenen: In der Einen befindet sich die junge Frau in der geschlossenen Abteilung einer Psychiatrie. Was genau sie hier soll, ist Annemie kaum bewusst.

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Eine gründlichere Untersuchung soll klären, woher Annemies Gedächtnislücken kommen. © ZDF/ Sophie Silbermann

Seit einem Unfall leidet die junge Mutter an sogenannter anterograder Amnesie, einer komplizierten Form der Gedächtnisstörung, bei der sich Annemie, kurz Mie genannt, an ihr Leben vor dem Unfall durchaus erinnern kann.

So erkennt sie zum Beispiel ihren Ehemann Benoit, ihre kleine Tochter Romy sowie ihre dominante Mutter Rita. Der Ermittler der Bundespolizei Inspektor Wolkers jedoch, der im Zusammenhang mit einem Vermisstenfall ermittelt und Mie als Schlüsselfigur darin betrachtet, scheint ihr selbst nach mehreren Verhören noch fremd zu sein.

Und auch das Foto, das den Vermissten Thomas de Geest abbildet, sagt ihr gar nichts.

Dabei ist Mie die letzte Person, mit der Zeugen den Schrotthändler zusammen gesehen haben wollen. Für die Patientin bleibt dies vorerst ein Rätsel. Immerhin ein bisschen weniger rätselhaft erscheinen ihr die Ereignisse, die drei Monate zuvor stattfanden:

Der Einzug samt Mann und Kind in das alte Haus der Großeltern. Der Jäger am Waldrand. Die seltsamen Dinge, die in dem düsteren Anwesen vor sich gingen. Das Versprechen ihres Mannes, sie nie wegen ihrer Gedächtnis- und Wahrnehmungsstörungen in eine Anstalt einweisen zu lassen. Doch was ist geschehen zwischen Einzug und Psychiatrie?

Vielschichtig, hochwertig, unaufgeregt

Eine scheinbar geistig angeschlagene Frau, die mit Mann und Kind in ein unheimliches Haus zieht und sich einen Spuk einbildet? Klingt vorerst nicht wie wie eine durchschlagende Innovation des Psychodramas. Und tatsächlich erfindet Tabula Rasa das Genre in seinen thematischen Grundfesten nicht gerade neu. Doch die Koproduktion der belgischen Firma Caviar Content mit dem belgischen Sender VRT, ZDFneo und ZDF Enterprises überzeugt dennoch auf fast allen seiner vielschichtigen Ebenen.

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Mie fertigt Notizen und Zeichnungen, um sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden. © ZDF/ Sophie Silbermann

Tabula Rasa ist echte Genrekost und spielt geschickt mit den bruchstückhaften Erinnerungen und Gedächtnislücken seiner einnehmenden Protagonistin. Schließlich gelangt auch der Zuschauer an einen Punkt, an dem er sich nicht mehr sicher sein kann, ob er es hier mit einer Psychose, der Realität, etwas Übersinnlichem oder einer Verschwörung zu tun hat.

Mit Tabula Rasa löst ZDFneo das Versprechen ein, stärker in hochwertige fiktionale Formate zu investieren. Schon nach der ersten Folge wird klar, dass dieses Vorhaben gelungen ist.

Spukhaus reloaded: Geister oder Geisteskrankheit?

Wer auf heftige Schockmomente, schrille Thriller-Geigen und offensiv psychotische Figuren hofft, der dürfte allerdings enttäuscht werden. Tabula Rasa besticht vor allem durch leise Untertöne und Stimmungen.

Das Haus der Großeltern wird mit atmosphärischen, dunklen Räumen, flackernden Lichtern, düsteren Blumentapeten und steinernen Statuen zu einem Setting, das rasch Beklemmung auslöst. Dabei nimmt der individuelle alte Bau eine entscheidende Rolle ein, wird zum Antagonisten und weist eine Fülle von Symbolen und Metaphern auf – von der Tapete mit Labyrinth-Muster über tote Tiere bis hin zum überschwemmten Keller.

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Laut Mies Großvater gelangen böse Geister durch Risse in Spiegeln in die reale Welt. Wer hat diesen zertrümmert? © ZDF/ Sophie Silbermann

Wohnen möchte man hier ganz sicher nicht. Und das nicht nur wegen Opas alter Gruselgeschichten über zersprungene Spiegel im Haus, der dreibeinigen Katze oder den eigenartigen Puppen im Keller. Mies Amnesie selbst spiegelt sich hier in verwirrten Träumen, Ahnungen und Halluzinationen wieder. Roter Sand wird zum Leitmotiv der Serie. Sehr bezeichnend, denn wie ein Sandsturm fühlt sich laut der verzweifelten Amnesie-Patientin auch ihre Krankheit an.

Dabei nimmt der Sand schon im kunstvollen Intro die wichtigste Rolle ein. Nicht nur hier beeindruckt das besondere Art-Design von Tabula Rasa inklusive Newton-Pendel, Kinderzeichnungen und beunruhigenden Kapuzengestalten. Im Haus zerbröseln während Mies vermeintlichen Visionen Gegenstände zu Sand und Objekte werden zu Zahlen. Zahlen, an denen sich die Patientin orientieren will und bei denen sie Halt sucht.

Die Verschwörung von Zeit und Räumen

Ehemann Benoit kümmert sich rührend um seine Mie, macht Zählübungen mit ihr, beschriftet sorgfältig Tabletten und Aufbewahrungsorte für ihre persönlichen Dinge und platziert sogar die neue Adresse sichtbar in ihrem Auto. Er installiert einen Türsensor, ortet ihr Handy per App, und bringt Kameras in der Küche an.

Moment mal … Spätestens jetzt kommen Zweifel auf, ob Mies Ehemann nicht vielleicht ganz andere Absichten verfolgen könnte. Denn nicht nur ihre Umgebung scheint sich förmlich gegen die junge Mutter verschworen zu haben, sondern auch die Zeit.

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Benoit, Romy und Mie beim Frühstück. © ZDF/ Sophie Silbermann

Anrufe ihres Mannes wiederholen sich scheinbar und die große digitale Uhr im Foyer spielt gelegentlich verrückt. Zum Beispiel, als Mie beginnt, oben auf dem Treppenansatz die Stufen hinunterzusteigen, während es noch finstere Nacht ist. Wenige Sekunden später blickt sie am Ende der Treppe in gleißendes Sonnenlicht und in der Küche trinkt ihr Mann seinen Morgenkaffee. Inspektor Wolkers hingegen ist schon bald der festen Überzeugung, dass Mie ihre Amnesie nur fingiert.

Er verlangt eine weiterreichende Untersuchung und einen speziellen Lügendetektortest. Mie selbst glaubt an Spuk und bittet ein Medium um Rat. Ihre Ärzte wiederum glauben nur an ihre Krankheit. Denn die gilt als ungemein tückisch: Im Krankenhaus warnt man Mie, dass ihr Hirn bei Gedächtnislücken, Verwirrung oder Panik unbewusst sogenannte Konfabulationen erfinden könnte, um damit umzugehen.

Filmhandwerk aus Belgien

Durch geschicktes Sound-Design und dynamische Kameraarbeit werden die beunruhigenden Irrgänge Mies durch das düstere Haus handwerklich eindrucksvoll unterstützt. Auch bei der Ausstattung punktet Tabula Rasa mit Liebe zum Detail, ohne dabei die durchaus wiederkehrenden Symboliken zu überreizen.

Die Serie lebt vor allem von der dichten und eindrucksvollen Atmosphäre des Hauses und den schauspielerischen Leistungen seiner belgischen Hauptdarstellerin Veerle Baetens. Schon 2013 erhielt sie den Europäischen Filmpreis als beste Schauspielerin für ihre Rolle in The Broken Circle Breakdown. In Tabula Rasa beeindruckt die 40-Jährige mit einer vielschichtigen, überzeugenden Darbietung und verleiht ihrer Figur eine besonders einnehmende Note. 

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Schauspielerin Veerle Baetens besticht in Tabula Rasa mit einer vielschichtigen Performance. © ZDF/ Sophie Silbermann

Dennoch muss man Tabula Rasa gelegentliche Drehbuch-Schwächen verzeihen. So zum Beispiel eine frühe Szene, in der Ehemann Benoit, Mutter Rita und Inspektor Wolkers über den Gesundheitszustand Mies diskutieren. Dabei ähnelt das Gespräch leider eher der Exposition eines Hörspiels, das den Zuhörern auf nur allzu plakative Art und Weise klar machen will, was gerade vor sich geht.

Außerdem muss das Publikum zeitweise ein wenig mehr Geduld aufbringen, denn über die ersten drei bis vier Folgen entwickelt sich die Handlung sehr zögerlich, ja, beinahe behäbig. Zum Glück gibt es da noch den individuellen und talentierten Cast, der hier einen Ausgleich schaffen kann, bis die Geschichte spürbar mehr Fahrt aufnimmt und einige erfrischende Wendungen und Lösungen preisgibt.

Ob der Zuschauer die Geschichte einer gewieften Betrügerin, einer schwerkranken Patientin, eines Spuk- oder Verschwörungsopfers verfolgt, erfährt er erst am Ende der Staffel. Und bis dahin dürfte Tabula Rasa ihm schon eine Menge roten Sand in die Augen gestreut haben.

Tabula Rasa läuft in neun Folgen ab dem 31. Januar 2018 mittwochs um 23.15 Uhr auf ZDFneo. Die komplette Serie ist in der ZDFmediathek verfügbar.

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Janna Fund
Autor(in): Janna Fund
Ob ihr's glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!

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