Kino

Split Screen: Greatest Showman

Bis zum 12. Januar dürfen die Mitglieder der Academy noch online darüber abstimmen, welche Filme dieses Jahr für den Oscar nominiert werden sollen. Greatest Showman mit Hugh Jackman und Michelle Williams ist hierbei einer der Favoriten. Unsere Redakteure haben den Film bereits gesehen und ihn sehr unterschiedlich empfunden.

Laura Krimmer
Ich mochte Greatest Showman. Obwohl ich sonst mit Musicals und Kitsch nicht viel anfangen kann.
Sebastian Daniels
Sebastian konnte dem Film wenig abgewinnen und war streckenweise ziemlich enttäuscht.

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An Musicals scheiden sich bekanntlich die Geister: Die einen lieben die überzogene Dramatik und die emotionalen Songs, für die anderen sind genau diese Schlüsselelemente zu viel des Guten. Wer mit Kitsch nicht viel anfangen kann, hat an Musicals tendenziell wenig Freude.

Die Mitglieder der Academy hingegen lieben Musicals. Moulin Rouge, Chicago, Les Miserables und La La Land waren alle jeweils für mindestens 8 Oscars nominiert. Und auch Greatest Showman kann sich dieses Jahr Hoffnungen auf mehrere Nominierungen machen.

Die Chancen stehen gut, dass Hugh Jackman eine Nominierung als Bester Hauptdarsteller bekommt und vielleicht schafft es Regisseur Michael Gracey mit seinem Regiedebüt sogar in die Kategorie Bester Film. Traditionell kommen dann noch mehrere Nominierungen in weniger renommierten Kategorien wie Bestes Make-up, Bestes Kostüm oder Bester Song dazu.

Was halten unsere Redakteure von Greatest Showman und denken sie, dass das Musical den Oscarerfolg von Filmen wie Moulin Rouge und natürlich La La Land wiederholen kann?

Worum geht es in Greatest Showman?

Greatest Showman erzählt die wahre Geschichte des Unternehmers P.T. Barnum (1810-1981). Er war der Gründer des Barnum & Bailey Circus, eine Show, die Menschen ausstellte, die anders aussehen. Konkret gemeint sind damit zum Beispiel kleinwüchsige Personen oder siamesische Zwillinge. Kurz gesagt, es war eine Freakshow.

Schon im jungen Alter hat Barnum den Traum, vor großem Publikum zu stehen und den Menschen eine gute Zeit zu schenken. In seinen schwersten Zeiten als Straßenjunge ist es ein Junge mit Missbildungen im Gesicht, der ihm eine helfende Hand hinhält. Daran erinnert er sich, als er später als Erwachsener mit einem risikoreichen Kredit ein altes Museum kauft und dieses zu einem Theater umbaut.

In seinem Theater treten aber keine Schauspieler auf, sondern eben Menschen, die anders und auf ihre Weise obskur sind. Barnum will sie aber nicht vorführen, sondern ihnen einen Bühne geben, auf der sie die Stars sind. Zum ersten Mal in ihrem Leben können sie sich präsentieren und feiern lassen, anstatt sich vor den neugierigen Blicken verstecken zu müssen.

Doch trotz seiner guten Intentionen, scheint sein Drang nach Anerkennung, Geld und Erfolg stärker zu sein. Barnum vergisst wie viele erfolgreiche Menschen zunehmend, was und wer wirklich wichtig in seinem Leben ist.

  • Zunächst möchte ich einmal vorausschicken, dass ich Musicalfilme tatsächlich sehr gerne anschaue und kein Verächter dieses Genres bin. Aber Greatest Showman war dann doch sehr ernüchternd.
  • Aufgrund des Trailers und des Plakats dachte ich, dass der Film viel kitschiger sein wird. Am Ende war ich positiv davon überrascht, wie nah mir die Handlung doch gegangen ist.
  • Mir war das alles leider viel zu platt. Der Film hetzt von einer Szene in die nächste und löste dabei keinerlei Emotionen bei mir aus. Kitsch ist okay, aber Substanz sollte auch vorhanden sein.

Lohnt der großartige Cast einen Kinobesuch?

Mit Greatest Showman liefert Regisseur Michael Gracey sein Regiedebüt ab. Es ist beeindruckend, welche großen Namen er für sein Erstlingswerk verpflichten konnte. In den Hauptrollen sind Hugh Jackman, Michelle Williams, Zac Efron und Zendaya zu sehen.

1. Hugh Jackman

Hugh Jackman spielt die männliche Hauptrolle. Die Rolle des Entertainers ist dem Australier wie auf den Leib geschrieben. Und genau genommen, war es auch nicht Regisseur Michael Gracey, der Jackman verpflichtete, sondern umgekehrt.

Die beiden Australier drehten 2010 zusammen eine Werbung für Lipton Icetea. Weil beide aus dem gleichen Land sind, gingen die Produzenten am Set automatisch davon aus, dass sie sich kennen. Gemäß der positiven Mentalität, für die Australien bekannt ist, ließen die Männer den Rest der Crew in dem Glauben und taten den gesamten Dreh über so, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen. Nach diesem lustigen Tag am Set schlug Hugh Jackman dem Regisseur vor, einen gemeinsamen Film zu drehen und zeigte ihm das Drehbuch zu Greatest Showman.

Hugh Jackman war damit von Anfang an an Bord und ohne ihn wäre das Projekt wahrscheinlich nie Wirklichkeit geworden.

Als Zuschauer merkt man Jackman seinen Enthusiasmus für die Rolle an. Der Strahlemann zeigt sich nach Logan wieder von seiner musikalischen Seite.

2. Zendaya

Zendaya ist eine Schauspielerin, die in Europa noch nicht sonderlich bekannt ist, in den USA jedoch seit Jahren als Superstar gefeiert wird. Die erst 21-Jährige wurde als Disney-Darstellerin berühmt und schaffte mit Spider-Man: Homecoming 2016 den Sprung nach Hollywood. Auf den ersten Blick mag sie wie eine weitere hübsche Newcomerin wirken, aber Zendaya hat das Potenzial, eine echte Größe in Hollywood zu werden. All ihre Kollegen scheinen von ihrem Arbeitsethos und ihrer Reife sehr angetan zu sein.

In Greatest Showman spielt sie die Trapezkünstlerin Anne Wheeler. Sie hat keine Behinderung oder Missbildung. Sie ist einfach nur schwarz und hat damit zu dieser Zeit auf der Bühne nichts zu suchen.

Ihre Rolle ist wahrscheinlich eine Anspielung auf die Tänzergruppe Fu Hum Me, die im Barnum & Bailey Circus auftraten. Die Tänzer waren alle „Indianer“, die die Tänze der Ureinwohner Amerikas vorführten, bzw. das, was sich das Publikum darunter vorstellte. Die Figur Anne Wheeler zeigt keine afrikanischen Tänze, stattdessen bewirbt sie sich beim Zirkus, weil keine andere Show sie aufgrund ihrer Hautfarbe engagieren würde.

Zendaya traute sich, der schönen Anne eine zynische Note zu geben, welche sich viele Menschen als Selbstschutz aneignen, die sich ausgeschlossen fühlen. Zudem machte die junge Schauspielerin ihre Stunts am Trapez alle selbst. Dies setzte monatelanges Training voraus.

3. Keala Settle

Als drittes wollen wir nun nicht über die anderen beiden Hollywoodstars in diesem Film sprechen, sondern über ein neues Gesicht: Keala Settle begeistert das Publikum als Lettie Lutz.

Lettie ist eine übergewichtige Frau, die den Gendefekt Hirsutismus hat. Das ist das Fachwort dafür, wenn eine Frau männlichen Haarwuchs hat. Das heißt, ihr wächst ein Bart. Schätzungsweise 8 Prozent aller Frauen weltweit haben diesen Defekt.

Die Figur Lettie versteckt sich am Anfang vor den neugierigen Blicken, wird dann aber dank ihrer starken Stimme zum weiblichen Star der Show. Ihr Song This is me ist einer der stärksten des gesamten Soundtracks und für einen Golden Globe nominiert.

Die Darstellung von Keala Settle geht dem Zuschauer direkt ans Herz. Wahrscheinlich weil sich die Schauspielerin sehr mit den Gefühlen ihrer Rolle identifizieren konnte. Denn gerade als übergewichtige Schauspielerin ist es nicht leicht in Hollywood und auch unabhängig vom Job werden Menschen mit Übergewicht oft mit missbilligenden Blicken betrachtet. Sie hofft, dass Greatest Showman die Menschen dazu motivieren kann, mehr aufeinander zu achten.

  • Hugh Jackman ist großartig in der Rolle. Ich glaube nicht, dass er den Oscar dafür bekommt, aber vielleicht den Golden Globe. Der Geheimtipp des Filmes ist für mich aber definitiv Keala Settle. Ich hoffe sehr in Zukunft mehr von ihr zu sehen!
  • Stimmt. Die Darsteller machen allesamt einen guten Job. Hugh Jackman passt hervorragend in die Rolle und ist der geborene Entertainer. Die Darbietungen hätten aber ein besseres Drehbuch verdient.

     

  • Ich finde du übertreibst. Das Drehbuch wird dem Genre durchaus gerecht und man merkt, wie sehr sich alle mit ihren Rollen identifizieren können.
  • Es scheitert für mich auch weniger an den Darstellern, sondern vielmehr an den Charakteren selbst. Deren Schicksale waren mir am Ende ziemlich egal. Ich hätte mir etwas mehr Tiefgang gewünscht.

Ein Soundtrack mit Oscarpotenzial?

Ein gutes Musical lebt selbstverständlich von herausragenden Songs, die ins Ohr gehen. Hugh Jackman und Michael Gracey setzten dabei in zweifacher Hinsicht auf eher unkonventionelle Wege.

1. Keine Medleys aus bekannten Songs

Alle Songs in Greatest Showman wurden für den Film geschrieben. Viele Musicals verwenden bekannte Hits und bauen diese zu neuen Medleys um. Gracey begründete dies so:

„Wenn du Hits verwendest, hast du schon die halbe Arbeit geschafft. Aber Hugh und ich wollten unbedingt ein komplett neues Musical erschaffen. Diese Entscheidung brachte die anspruchsvolle Arbeit mit sich, die richtigen Leute für diesen Job zu finden.“

Michael Gracey fand diese in Benj Pasek und Justin Paul. Das Duo war damals noch komplett unbekannt, während sie heute zu den wichtigsten Songwritern in Hollywood gehören. Sie schrieben die Songtexte für La La Land und werden die Songs für die Disney-Realverfilmungen von Aladdin und Schneewitchen und die sieben Zwerge schreiben.

Die Oscargewinner sind beide erst 32 Jahre alt. Man hört ihrer Musik ihr junges Alter an, denn sie verwenden klassische Elemente von Musicalsongs und modernisieren diese mit neueren Facetten des Pops.

2. Genremix auf Musical, Pop und R’n’B

Die Musik in The Greatest Showman kann man nicht eindeutig einem Genre zuordnen. Der Sound ist vielmehr ein Mix aus drei Musikrichtungen. Die drei verantwortlichen Musikkomponisten vermischten die Dramaturgie von Musicalsongs mit synthetischen Popelementen und den schweren, einfallenden Beats des Hip Hop und R’n’Bs. Komponiert wurde die Musik von Oscargewinner John Debney (Die Passion Christi), Joseph Trapanese (Straight Outta Compton) und Justin Paul (La La Land).

Der Song Come Alive hat beispielsweise chartaktuelle EDM-Elemente, während Rewrite The Stars mit einer für den R’n’B klassischen Beatschleife gebaut ist.

  • Es ist natürlich lobenswert, dass Greatest Showman auf eigens geschriebene Stücke setzt und nicht einfach nur bekannte Songs neu interpretiert. Allerdings fehlt den Liedern einfach dieser unabdingbare Ohrwurmcharakter.
  • Also die Charts sagen etwas anderes! In den USA ist der Soundtrack sofort auf Platz 5 gegangen. Ich finde nur, dass zu viele Song EDM-Elemente hatten. Obwohl ich kein Kitschfan bin, waren es mir zu wenig Liebeslieder.
  • Wirklich hängen geblieben ist bei mir nur der Song This is Me, obwohl er mich gleichzeitig an eine Coca Cola-Werbung erinnerte. Aber auch hier muss ich sagen, dass mich die Lieder zu wenig berührt haben.
  • Wie kann dich der Liebessong A Million Dreams nicht berühren?! Ich finde, die Komposition aus Sound und Bildern war einfach nur schön.
  • Diese Wirkung kann ich natürlich nachvollziehen. Nur bei mir hat es leider nichts ausgelöst.

Und lohnt es sich nun ins Kino zu gehen?

Sebastian und Laura hatten sehr unterschiedliche Ansichten. Interessanterweise spalten sich die Meinungen auf der Website Rotten Tomatoes ebenso. Das Musical bekam von der Kritikern nur 56 Prozent Zustimmung, von den Zuschauern allerdings 90 Prozent. Diese Differenz kann man bei Unterhaltungsblockbustern oft sehen.

Wir kommen zu dem Fazit, dass Greatest Showman einen Kinobesuch wert ist. Denn auch wenn das Musical seine Schwäche hat, ist es eine Hollywoodproduktion auf höchstem Niveau. Was sind die Schwächen und warum lohnt sich der Gang ins Kino trotzdem?

1. Das Drehbuch lässt Tiefgang vermissen

Der Drehbuchaufbau von Greatest Showman ist sehr klassisch und damit relativ leicht vorhersehbar. Tatsächlich passieren keinerlei unerwarteten Wendungen in der Handlung, sondern es ist die typische Geschichte einer Person, die einen Traum hat, scheitert, dann wieder aufsteht und auf den richtigen Weg zurückfindet.

Was Sebastian jedoch besonders vermisste, war der fehlende Tiefgang in den Charakteren. Gerade eine Story, die sich um Menschen dreht, die aus oberflächlichen Gründen aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden, sollte deren Einzelschicksalen mehr Raum geben. Der Fokus liegt stattdessen komplett auf dem Leben der Hauptfigur Barnum.

Zur Verteidigung von Greatest Showman muss man allerdings sagen, dass Drehbücher dieses Genres nicht für ihren Tiefgang bekannt sind. Musicals wollen primär bezaubern. Fans von Filmen wie Moulin Rouge! und Hairspray werden dementsprechend auf ihre Kosten kommen.

2. Ist die Botschaft zu kitschig?

Die Botschaft von Greatest Showman kristallisiert sich schon im Trailer deutlich heraus. Diese lautet: „Jeder ist etwas Besonderes und auf seine Weise schön“.

Zugegeben, diese Aussage ist plakativ und sehr idealistisch. Im Gegenteil zu Sebastian findet Laura allerdings, dass dies bei diesem Thema verzeihlich ist. Denn wenn wir ehrlich sind, wie offen starren wir auch heute noch Menschen mit Behinderungen und Fehlbildungen an? Gemessen daran ist es ihrer Meinung nach okay, bei der Botschaft ein bisschen mehr als nötig auf die Tränendrüse zu drücken und diese Menschen zu den eigentlichen Stars der Handlung zu machen. Denn im Gegenteil zu Barnum sind sie den gesamten Film über liebenswert und aufrichtig.

Greatest Showman läuft ab jetzt im Kino. Der Film ist bereits für drei Golden Globes nominiert. Es wird sich zeigen, wie viele Oscarnominierungen er am 23. Januar bekommen wird.

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Autor(in): Laura Krimmer
Ich arbeite als Journalistin Bereich Film und Musik. Popkultur ist meine Leidenschaft, seit ich ein kleines Kind bin. Besonders spannend finde ich die Verknüpfungen von Musik, Film, Politik und Medien mit unserem Alltag.
Sebastian Daniels
Sebastian Daniels lebt als Online-Redakteur in Berlin, weil das gut klingt und man mit Selbstgesprächen kein Geld verdient. Er liebt Filme. Er liebt das Schreiben. Also schreibt er über Filme.