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Queer Eye: Mein Haus, mein Hemd, mein Herz

Die Netflix-Serie Queer Eye hat seit ihrem Start am 7. Februar 2018 Leute auf der ganzen Welt zum Lachen und Weinen gebracht. Das Konzept ist so simpel wie genial: Fünf schwule Lifestyle-Berater haben eine Woche Zeit, das Leben eines Mannes umzukrempeln. Was oberflächlich klingt, geht ganz schön unter die Haut.

In der ersten Staffel von Queer Eye geht es in jeder Folge um die Transformation eines Mannes: ein Renter mit Vorliebe für Oldtimer, ein Software-Nerd, ein Polizist, ein Comedian. Ihnen wird ein starkes Team aus fünf schwulen Experten zur Seite gestellt, die sie eine Woche lang in allen Lebensbereichen zur Seite stehen.

Natürlich basiert die Idee der Show in erster Linie auf dem Stereotyp, dass Schwule allesamt Profis in Mode- und Stilfragen sind. Verzweifelte Freundinnen, Ehefrauen und Mütter bitten Queer Eye um Hilfe und schlagen einen Mann in ihrem Leben vor, der sich bislang beratungsresistent gegen jede Form der Veränderung gezeigt hat. Hier müssen Fachmänner ans Werk!

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Queer Eye for the Straight Guy, Originalbesetzung | © Bravo TV

Das Original: Queer Eye for the Straight Guy

Herz und Seele der Serie sind die fünf schwulen Moderatoren: die Fab 5.

In Amerika gab es die Sendung schon einmal unter dem Titel Queer Eye for the Straight Guy (2003-2007, Bravo TV). Damals wie heute ist es die Aufgabe der Fab 5, pro Folge einem Mann dabei zu helfen, sein Aussehen, sein Haus und sein Leben auf Vordermann zu bringen. Queer Eye for the Straight Guy wurde in Deutschland nur kurze Zeit auf dem Spartensender TIMM ausgestrahlt. Kurze Zeit später versuchte RTL II sich an einer eigenen Version: Schwul macht cool. Es wurde allerdings nur eine Staffel produziert.

Für das Remake der erfolgreichen Sendung hat Produzent David Collins auch das Format der Show überholt. Im Jahr 2018 werden nicht mehr nur heterosexuelle Junggesellen generalüberholt, diesmal geht es auch um Familienväter, Söhne und sogar einen schwulen Mann.

Während die erste Auflage von Queer Eye in New York City spielte, ist der Handlungsort für die neue Show Atlanta, Georgia. In der Metropole und den umliegenden Kleinstädten sind die Menschen herzlich, aber auch konservativ. Nicht alle haben in ihrem Leben schon mit Homosexuellen zu tun gehabt. Dass sie nun gleich fünf Männern eine Woche lang Zugang zu ihrem kompletten Leben gewähren, ist nicht selbstverständlich.

Vorhang auf!

Zu Anfang jeder Folge von Queer Eye fallen die fünf Moderatoren (die Fab 5) schnatternd über das Haus ihres Protagonisten her. Hässliche Gardinen werden vom Fenster gerissen und zum Schleiertanz verwendet. Wie die erbarmungslose Jury einer Castingshow bewerten sie die grässlichsten Fundstücke aus dem Kleiderschrank. Sie plündern verstaubte Schuhkartons mit Andenken und suchen vergeblich nach Körperpflegeprodukten.

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Karamo Brown, Jonathan Van Ness, Tan France, Antoni Porowski, Bobby Berk | © 2018 Netflix

Während der Experte für Inneneinrichtung die Wohnung oder das Haus des Protagonisten komplett renoviert, wird dieser von den anderen vier Experten in Sachen Mode, Frisur, Ernährung und Kultur beraten. Wichtig ist den Fab 5 dabei aber, dass alle sich wohlfühlen sollen.

Es geht nicht um ein Make-over, eher um ein Make-better.

Die Fab 5 im Detail

Karamo Brown, Kultur und Lifecoach. Karamo wurde 2004 durch die Show MTV Real World: Philadelphia bekannt. Hier war er der erste offen schwule schwarze Mann im amerikanischen Reality Fernsehen. Später machte er seinen Abschluss als Sozialarbeiter und arbeitete 10 Jahre lang in diesem Beruf. Er war aber weiterhin in Reality-Formaten und als Moderator präsent. Als Aktivist hat er die Organisation 6in10.org mitbegründet. Durch sein Einfühlungsvermögen schafft er es immer wieder, dass die Protagonisten ihm das Herz öffnen. Ganz offen erzählen sie, warum ihr Haus – und auch ihr Leben – in den letzten Jahren im Chaos versunken sind.

Jonathan Van Ness, Experte für Gesichtspflege. Jonathan ist gelernter Frisör und hat seine schnatternd-euphorische Wortgewalt bereits in der Webserie Gay of Thrones unter Beweis gestellt. Hier lädt er Prominente in seinen Haarsalon ein, um zusammen die neuste Folge Game of Thrones im Sinne einer trashigen Telenovela zu rekapitulieren. Bei Queer Eye kümmert er sich um das Gesicht der Protagonisten: er stuft Haarschnitte neu, stutzt struppige Bärte und pflegt müde gewordene Gesichtshaut. Sein Blick für das Schöne in jedem ist herzerwärmend.

Tan France, Experte für Mode. Tan France stammt aus England und hat pakistanische Wurzeln. Mit Mitte Zwanzig gründete er seine eigene Bekleidungsfirma: Kingdom & State. Bei Queer Eye mistet er Kleiderschränke aus und geht mit den Protagonisten shoppen. Dabei zeigt er großes Gespür für die Persönlichkeit des Protagonisten. Niemand soll sich verkleidet fühlen.

Tan France, Mode | © 2018 Netflix

Antoni Porowski, Experte für Ernährung. Antoni hat schon vor Queer Eye in der Entertainment-Industrie gearbeitet. Er arbeitet auch als Schauspieler, zum Beispiel in der Netflix-Serie The Blacklist. Antoni liebt Essen und Wein und war zeitweise der persönliche Koch von Ted Allen. Allen war Kopf der ursprünglichen Fab 5 und ist selbst ein bekannter TV-Koch (Chopped). Der eher zurückhaltende Antoni kocht zusammen mit den Protagonisten, damit sie später auch alleine für ihre Familien ein gesundes Gericht zaubern können. Gutes Essen macht von innen schön.

Bobby Berk, Experte für Inneneinrichtung. Bobby ist Designer und hat einen eigenen Online-Shop für Möbel. Nachdem er als Experte schon für mehrere andere Fernsehformate vor der Kamera stand, wurde er auch für Queer Eye angefragt. Bobby hat mit Abstand den umfassendsten Job in der Serie, da er nicht mehr nur Junggesellenwohnungen umgestalten muss. In Atlanta geht es auch um die Familien der Protagonisten und ihre Häuser. Es müssen also auch die Vorlieben mehrere Leute mit einbezogen werden. Wenn die Bewohner dann allerdings zum ersten Mal ihr geschmackvolles neues Zuhause sehen, ist das alle Arbeit wert.

Es wird persönlicher

Eine weitere große Veränderung zur neuen Show ist, dass das Privatleben der Fab 5 selbst zum Thema gemacht wird. Im Original ging es ausschließlich um das Leben des jeweiligen Protagonisten. Es war die Zeit von Präsident Bush und die spürbare Homophobie im Land sollte ein wenig aufgerüttelt werden. Trotzdem war die Zeit noch nicht reif, dass die Fab 5 Persönliches von sich preisgaben. Das ist jetzt anders.

Mit Präsident Trump im Weißen Haus scheint es wichtiger denn je, die Kluft zwischen Konservativen und Schwulen zu überbrücken. Im Original ging es darum, überhaupt Homosexuelle im Fernsehen zu repräsentieren. Im Jahr 2018 ist das Ziel höher gesteckt. Tan France bringt es auf den Punkt:

Früher war das Motto: wir kämpfen für Toleranz. Heute kämpfen wir für Akzeptanz.

Und das ist gerade in den Südstaaten der USA eine wichtige Aufgabe. Die Vorurteile gegenüber Schwulen-Community sollen mit einer Vielfalt an Lebensentwürfen aufgelöst werden. Im Fernsehen und Kino dominiert immer noch das tuntig-schrullige Stereotyp. Dem will Queer Eye etwas entgegensetzen. Es gibt eben nicht nur den einen Schwulen.

Ziel der Show ist es, zu zeigen, dass die Fab 5 ganz normale Typen sind: mit Jobs, Partnern und Familien. Und sie sind tatsächlich alle sehr unterschiedlich. Karamo zum Beispiel ist nicht der typische Schwule, den wir normalerweise im Fernsehen zu Gesicht bekommen. Er könnte leicht als Profisportler durchgehen und ist Vater von zwei Söhnen.  Queer Eye schafft es, das Spektrum an schwulen Männern im Fernsehen zu erweitern.

Während der muslimische Tan für den christlichen Protagonisten Bobby neue Kleidung aussucht, erzählt er einfühlsam von seiner eigenen langjährigen Ehe mit einem Mormonen. Es ist es zarter Moment, wenn ein schwuler Mann einem überforderten Familienvater Eheratschläge gibt. So auch der Augenblick, in dem Tan Bobby ermutigt, sich für seine Frau in Schale zu werfen, um ihr zu zeigen, wie wichtig sie ihm immer noch ist.

Bobby Berk, Protagonist Tom, Karamo Brown | © 2018 Netflix

Ein Regenbogen der Emotionen

Queer Eye zeigt das ganze Spektrum an Emotionen. Neben spaßigen Episoden wie der in einer Feuerwache, in der die Fab 5 mit gut gebauten Feuerwehrmännern Selfies machen, gibt es aber auch Momente tieferer Erkenntnis.

Karamo und Protagonist Corey fahren zusammen im Auto und reden über ihre Schulzeit. Der afroamerikanische Karamo ist athletisch, attraktiv und gut gekleidet. Der weiße Ex-Marine Corey ist untersetzt und trägt Schlabberlook. Sie sind auf dem Weg zu einem Spa-Date mit Coreys Töchtern und Ehefrau. Lachend stellen sie fest, dass sie früher beide Fans vom Wu-Tang-Clan waren.

Dann wird es im Auto kurz ernst. Karamo gesteht, dass er nervös vor dem ersten Treffen mit Corey war. Dieser ist Polizist in Atlanta, das für Polizeigewalt gegen Schwarze bekannt ist. Ein berührend ehrliches Gespräch beginnt. Beide Männer wissen wie es ist, öffentlich mit Vorurteilen zu kämpfen zu haben. Karamo erzählt, dass sein Sohn nicht einmal Führerschein machen wollte, aus Angst davor, von weißen Polizisten angehalten und misshandelt zu werden. Corey ist offensichtlich betroffen. Für ihn ist ganz klar, dass es keine Entschuldigung für unnötige Gewalt gegen Minderheiten gibt. Black Lives Matter.

Ein Moment der Versöhnung.

Das Beste zum Schluss?

Jede Episode endet mit einem großen Event für die Protagonisten: ein Date, ein großer Auftritt und sogar ein Coming-out vor der Mutter. Genau hierauf bereiten die Fab 5 sie eine Woche lang vor. Den letzten Akt jeder Geschichte verfolgen die Moderatoren dann zusammen vor dem Fernseher. Sie fiebern mit, ob ihr “Held” nun auch ohne Anleitung die neu gelernten Lektionen umsetzt.

Antoni Porowski fiebert mit | © 2018 Netflix

Hier schimmert das Drehbuch hinter den “spontanen” Szenen immer wieder durch und das Happy End erscheint stark inszeniert. Wir befinden uns eben nach wie vor im Genre der Scripted Reality. Interessanterweise berührt es aber trotzdem. Und das liegt daran, dass immer echte Geschichten von echten Menschen erzählt werden.

Queer Eye ist wirklich viel mehr als eine Vorher-Nachher-Show, möglicherweise sogar eine der wichtigsten Shows im politischen Klima der USA. Und der Spruch der alten Serie ist so aktuell wie nie:

Make America Fabulous Again!

Und auch in Deutschland, wo die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben noch etwas schleppend vorangeht, kommt sie genau richtig.

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Arbeitet als Autorin und Stand-Up Comedienne in Berlin. Mal in der Nachtschicht allein hinterm Laptop, mal allein auf der Bühne. Der Mix macht's. Die besten Filme und Serien sind deshalb auch die, wo Lachen und Weinen dicht beieinander liegen.

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