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Philip K. Dick's Electric Dreams © 2017 Amazon.com Inc.
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Philip K. Dick’s Electric Dreams – Unsere Wirklichkeit ist eine Fälschung

Heute startet die Anthologieserie Philip K. Dick’s Electric Dreams auf Amazon Prime. Die Romane und Kurzgeschichten des Sci-Fi-Autors hat Hollywood schon häufig verfilmt. Was macht seine Zukunftsvisionen so attraktiv für Film und Fernsehen?

Der Kopfgeldjäger Rick Deckard (Harrison Ford) wird angeheuert, eine Reihe entflohener Androiden zu finden und zu töten. Das Problem: Sie sind von echten Menschen nicht zu unterscheiden. Oft wissen sie nicht einmal selbst, dass sie Maschinen sind. Ist Deckard vielleicht selbst ein Replikant?

Fragen wie diese sind eine Spezialität von Philip K. Dick, dessen Roman Träumen Androiden von elektrischen Schafen? als Blade Runner von Ridley Scott verfilmt wurde. Seine Geschichten gehören zu den meistverfilmten Stoffen in Hollywood. All ihnen ist gemein, dass sie sich mit der Beschaffenheit der Realität beschäftigen. Dicks Protagonisten sind meist einfache Leute, deren Welt jäh aus den Fugen gerät, als sie entdecken, dass nicht alles so ist, wie es scheint.

Was ist echt? Was nicht? Und: Spielt es eine Rolle? Diese Fragen trieben Philip K. Dick sein Leben lang um. Bis zu seinem plötzlichen Tod 1982 – drei Monate vor dem Kinostart von Blade Runner – hatte er 44 Romane und über 120 Kurzgeschichten geschrieben. Obwohl er in Science-Fiction-Kreisen sehr geschätzt war, erreichten seine Werke erst nach den Verfilmungen von Blade Runner und Total Recall den Mainstream.

Seine Visionen, mal zukunftsweisend, mal sehr metaphysisch und unverständlich, beeinflussen Hollywood bis heute. Was macht Philip K. Dick so attraktiv für Kino und Fernsehen?

LSD, Paranoia und düstere Visionen

So brillant Philip K. Dicks Einfälle waren, so sehr entstammten sie auch einer echten drogenbefeuerten Paranoia. Auf LSD oder Meskalin entstanden einiger seiner verrücktesten, auch oft wirren, Sci-Fi-Geschichten. Sein Misstrauen gegenüber der Realität spiegelte sich direkt in seinen Romanen wider. Diese wimmeln von Androiden, die sich für Menschen halten, falschen Erinnerungen, konstruierten Welten, autoritären Konzernen und Regierungen. Seine Protagonisten können dem oft nicht entkommen ohne zu riskieren, den Verstand zu verlieren – so wie ihr Autor selbst.

©Studiocanal Deutschland
Arnold Schwarzenegger in Total Recall © Studiocanal Deutschland

Paul Verhoeven verfilmte 1990 Dicks Kurzgeschichte Erinnerungen en gros als Total Recall. Aus der kleinen Geschichte über einen Mann, der entdeckt, dass seine Erinnerungen nur künstlich implantiert sind, wurde ein Action-Spektakel mit Arnold Schwarzenegger. Wo Blade Runner mit seiner philosophischen Langsamkeit zunächst beim Publikum scheiterte, gewann Total Recall mit halsbrecherischer Action.

Total Recall von Paul Verhoeven könnt ihr bei Maxdome sehen. Das Remake von 2012 mit Colin Farrell und Kate Beckinsale findet ihr ebenfalls bei Maxdome sowie bei Netflix

Ein filmreifes Erbe

Der kommerzielle Erfolg des Action-Streifens zog weitere Verfilmungen nach sich – mit schwankender Qualität. In Screamers (1995) geht es um sich selbst reproduzierende Roboter. In Impostor (2001) versucht Gary Sinise zu beweisen, dass er kein Kampf-Android ist. Diese Filme sind heute so gut wie vergessen. Erst Minority Report von Steven Spielberg knüpfte 2002 an die Erfolge von Total Recall an.

Minority Report könnt ihr auf Maxdome sehen.

Es folgte der ambitionierte und recht originalgetreue A Scanner Darkly (2006), der Nicolas Cage-Film Next (2007), der Low-Budget-Streifen Radio Free Albemuth (2010) und zuletzt die Amazon-Serien The Man in The High Castle und Philip K. Dick’s Electric Dreams.

Jede der zehn Folgen von Electric Dreams erzählt eine abgeschlossene Geschichte aus dem Universum von Philip K. Dick. Als Grundlage dienen seine Kurzgeschichten, die wie bei den meisten Verfilmungen aber nur ein Sprungbrett darstellen. Produzent Bryan Cranston sagte in einem Interview über die Herangehensweise:

Wir haben die Autoren ermuntert, Dinge zu ändern. Das Geschlecht, die Kultur, sogar die Sprache. […] Allerdings nicht so drastisch, dass die Geschichten nicht mehr erkennbar wären. Ich finde, sie wahren den Respekt für die Vorlage und bauen darauf auf.

Auch wenn seine Geschichten zu großen Teilen noch heute funktionieren, sind es vor allem die Motive und bewusstseinserweiternden Ideen, die den Test der Zeit bestanden haben. Die Vorstellung von einer fabrizierten Realität griffen auch Filme wie Inception, The Truman Show, 12 Monkey, Vergiss Mein Nicht, Matrix und die Netflix-Serie Altered Carbon auf, ohne den Autoren direkt zu zitieren. Sein Erbe lebt in dem Werkzeugkästen der Filmautoren weiter.

©Sony Pictures Releasing
Umweltkatastrophen zerstörten die USA in Blade Runner 2049 © Sony Pictures Releasing

Die fragile Realität, mit der Ryan Goslings Agent K in Blade Runner 2049 konfrontiert wird, bezieht sich auf die Ideen Dicks, ohne einen einzigen Handlungsstrang zu übernehmen. In einem Vortrag aus dem Jahr 1978 sagte Philip K. Dick einst, dass er es als seinen Job begreift, Universen zu bauen, die nicht innerhalb von zwei Tagen wieder zusammenbrechen. Wenn seine Erfolgsbilanz im Kino ein Hinweis darauf ist, ist ihm der Job geglückt.

Die Zukunft ist jetzt

Schon immer hat das Kino gesellschaftliche und politische Ängste aufgenommen, um sie auf der Leinwand zu verarbeiten. Schaut man sich Filme der 50er und 60er Jahre an, entdeckt man die Spuren des Kalten Krieges. In Endstation Mond (1950) fliegen Astronauten mit einer atomgetriebenen Rakete zum Mond. Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964) setzt sich satirisch mit der Atomparanoia der Zeit auseinander.

Heute sind es vor allem technische Errungenschaften, die uns Angst machen. Black Mirror lehrt uns nicht schon in der vierten Staffel das Fürchten vor Geräten mit spiegelnder dunkler Oberfläche. Vor allem die aktuelle Staffel beschäftigt sich mit Technologie, die Erinnerungen extrahiert, virtuelle Realitäten erschafft und Erinnerungen nach dem Tod erhält.

Als Philip. K. Dick 1978 seinen Vortrag hielt, beschäftigten ihn gerade Themen, die in unserer heutigen Welt gar nicht mehr so abwegig erscheinen.

Heute leben wir in einer Gesellschaft, in der gefälschte Realitäten von den Medien, von Regierungen, großen Konzernen, religiösen Gruppen, politischen Gruppen erschaffen werden. Die elektronische Hardware, um diese Pseudo-Welten direkt in die Köpfe der Leser, Zuschauer, Zuhörer zu bringen, existiert.

Im Zeitalter von absichtlich gefälschten Nachrichtenartikeln und Diskussionen um die Verantwortung von Facebook bei deren Verbreitung wirkt seine Aussage geradezu prophetisch. Gleichzeitig wird die virtuelle Realität ein immer größeres Thema, Regierungen werden autoritärer, Bilder der verheerende Waldbrände in Kalifornien wirken wie direkt aus Blade Runner 2049. Wir nähern uns, wie es scheint, dem Universum von Philip K. Dick immer weiter an.

Vielleicht ist das Kino, selbst eine künstliche Welt, ein Simulacrum, ein Abbild der echten Welt, tatsächlich der beste Ort für Dicks hyperreale Betrachtung der Wirklichkeit.

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Juliane Görsch
Autor(in): Juliane Görsch

Mit Animes im Nachmittagsprogramm von RTL II fing damals alles an. Seitdem lassen mich Filme, Serien und Popkultur nicht mehr los. Als Journalistin habe ich über Wissenschaft, Digitales und Nerdkram geschrieben. Bei Quadratauge kehre zu meinen Film-Wurzeln zurück.

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