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Dracula bei Netflix: Die Kritik zur Serie

von Lutz Granert
Dracula Claes Bang
Lesezeit: 6 Min.

Was hat eine vom Glauben abgefallene Nonne mit dem Vampirfürsten Dracula aus Transsylvanien zu schaffen? Diese Frage beantwortet die neue dreiteilige Miniserie Dracula, die ab sofort auf Netflix verfügbar ist. Wir verraten in unserer Kritik zu den ersten beiden Episoden, ob ihr euch die neue Adaption des Gruselromans anschauen solltet.

Dracula bei Netflix: Die Handlung der Mini-Serie

Nachdem der sichtlich gealterte und lichtempfindliche Londoner Anwalt Jonathan Harker (John Heffernan) aus dem Meer gefischt wurde, wird er in ein Nonnenkloster nach Budapest gebracht.

Hier berichtet er in der ersten Folge über die mit ihrem Glauben hadernde und an okkulten Phänomenen stark interessierte Nonne Schwester Agatha (Dolly Wells) und von den sonderlichen Geschehnissen auf dem Schloss des Grafen Dracula in Transsylvanien.

Doch während Harker von seinen endlosen Ausflügen in dem labyrinthisch konstruierten Schloss, von mysteriösen Hilfsbitten und merkwürdigen Sex-Träumen erzählt, kommt der wiedererstarkte und blutdürstige Dracula auf seine Spur.

Dracula John Heffernan Schloss Netflix

Bei seiner Ankunft auf dem Schloss des Grafen Dracula in Transsylvanien ahnt Anwalt Jonathan Harker (John Heffernan) noch nicht, welches Schicksal ihm blüht | © Netflix

In der zweiten Folge, „Blutzoll“ bucht Graf Dracula eine vierwöchige Reise übers Mittelmeer und den Atlantik, um nach England zu gelangen, wo er einige Immobilien kauft. Neben der Besatzung sind auch zehn Passagiere um Dracula und 50 mit Erde gefüllte Holzkisten mit an Bord des Schiffes namens Demeter, auf dem ein Serienmörder sein Unwesen zu treiben scheint.

Die Besatzung findet immer mehr blutige Überreste weiterer Opfer, die zuvor spurlos verschwanden. Als die stark dezimierte Crew um Captain Sokolov (Jonathan Aris) den Grafen hinter dem Massaker vermutet, schmiedet sie einen Plan, wie sie Dracula daran hindern können, das Festland zu erreichen…

Starker Cast, pointierte Dialoge und überraschende Wendungen

Die Geschichte des blutdürstigen Fürsten aus Transsylvanien wurde bereits dutzende Male in Filmen adaptiert. Eine vom US-amerikanischen Fernsehsender NBC in Auftrag gegebene Serienadaption des Romanklassikers von Bram Stoker aus dem Jahr 2013 wurde bereits nach zehn Folgen eingestellt.

Dracula Claes Bang John Heffernan Netflix

Die erste Folge hält sich weitgehend an die Vorlage, wenn Jonathan Harker (John Heffernan) dem Grafen Dracula (Claes Bang) einige Verträge zur Unterzeichnung vorlegt | © Netflix

Der Ansatz von den beiden Serienschöpfern Mark Gatiss und Steven Moffat ist ein ähnlicher wie bei den zahlreichen von ihnen geschriebenen Folgen der BBC-Erfolgsserie Sherlock. Das Duo schüttelte ebenso wie bei Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv den angesetzten Staub aus der historischen Romanvorlage von Bram Stoker, ohne den Klassiker allzu stark zu verfremden.

Die Grundgeschichte ist in den ersten beiden der insgesamt drei 90-minütigen Episoden gleichgeblieben, wird aber um einige originelle Ideen und Wendungen bereichert. Fast schon der political correctness um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern verpflichtet, wurde der klassische Stoff (nicht nur durch einen völlig überraschenden Cliffhanger am Ende der zweiten Folge) an unsere moderne Zeit angepasst.

Moderne Dracula-Interpretation mit Überraschungen

Immer wieder schimmert in den Dialogzeilen von Schwester Agatha eine unverhohlene, regelrecht abrechnende Kritik an Religion durch, wobei sich bei der Enthüllung ihres vollständigen Namens in der ersten Folge bei vielen Zuschauern ein regelrechter „Aha“-Effekt einstellen dürfte.

Wie selbstverständlich sind in der zweiten Episode auch zwei Homosexuelle mit an Bord der Demeter. Der sensible Lord Ruthven (Patrick Walshe McBride) geht zwar mit seiner Ehefrau an Bord, hegt aber offen Gefühle für seinen stark eifersüchtigen Diener Adisa (Nathan Stewart-Jarrett).

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Die Nonnen im Marienkloster sind für den Kampf gegen den Vampir gerüstet | © Netflix

Bei all diesen Zugeständnissen an eine pluralistische Gesellschaft fallen einige ebenso freche wie trashige Szenen jedoch auch mal negativ auf. So schlüpft Dracula am Ende der ersten Folge nackt aus einem schwarzen Hund und stellt einer Gruppe mit Pflöcken bewaffneter Nonnen gegenüber seinen definierten Körper zur Schau, dass zumindest eine schwach wird und ihn ins Kloster bittet.

Diese allzu lächerlich geratene Szene wirkt wie aus einem B-Movie entsprungen – und hätte besser in einen Tarantino-Film gepasst, bei dem solche Albernheiten häufiger mal auf dem Drehplan stehen. Auch die Grenze zwischen pointiertem Wortwitz und plump-gewolltem Schenkelklopfer ist im Dialogbuch der Sherlock-Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat zuweilen fließend.

Irgendwann sind bemüht doppeldeutige Dialoge um delikates Blut und „gute Jahrgänge“ schlicht abgenutzt.

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Verführerischer Dandy und toughe Kriegerin: Die Charaktere in der Netflix-Serie Dracula

Der dänische Schauspieler Claes Band (The Square) verkörpert den Vampirfürsten fast schon teuflisch charismatisch. Als perfekt gescheitelter Charmeur verleiht er dem personifizierten Bösen ein verführerisches, äußerst gepflegtes Antlitz.

Die Wortgewandtheit in seinen Ausführungen zur Maßlosigkeit seines Blutdursts und die stets bewahrte englische Etikette und vornehme Zurückhaltung erinnern zuweilen an die Titelfigur von Das Bildnis des Dorian Gray.

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Ein Gourmet, der gern gute Blut-Jahrgänge genießt: Graf Dracula (Claes Bang) | © Netflix

Ebenso wie Oscar Wilde in seinem Roman kommentiert auch dieser Dracula den Sittenverfall des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit einem umtriebigen, maßlosen Lebensstil jenseits allen Anstands.

Dabei ist er stets um einen ausgewogenen Speiseplan bemüht: Wissenschaftler und einfache Diener, russische Matrosen und Adelige hat sich der Graf auf seinen Speiseplan gesetzt, denn: „Blut sind Leben“ – und er nimmt die Lebensgeschichten seiner Opfer in sich auf.

Ihm gegenüber steht Schwester Agatha, gespielt von der Britin Dolly Wells (Can You Ever Forgive Me?), die ihm tough, rational und immer mit dem notwendigen Sachverstand um das Thema Vampire die Stirn bietet. Sie fungiert als würdige Gegenspielerin, auch weil sie immer wieder den moralischen Zeigefinger erhebt und dem blutigen Treiben des Grafen Dracula mit Verachtung begegnet.

Nüchtern und sachlich, spitzzüngig und kratzbürstig verkörpert Dolly Wells ihre stets verbal und körperlich angriffslustige Figur.

Dracula Dolly Wells Netflix

Eine Gegenspieler mit starkem Akzent und Stil: Schwester Agatha (Dolly Wells) | © Netflix

Beide Charaktere wirken etwas klischeehaft gezeichnet, funktionieren als Kontrahenten aber ganz hervorragend. Doch die Sherlock-erfahrenen Autoren Mark Gatiss und Steven Moffat bemühen sich auch bei den Nebenfiguren um ein klares Profil.

Davon profitiert etwa John Heffernan (Official Secrets) als zunehmend verängstigter und körperlich ausgemergelter Harker unter schaurig-schönem Make-up, der panisch einen Ausweg aus dem labyrinthartigen Gängen des Schlosses sucht. Auch Samuel Blenkin, der unter falschem Namen als Matrose Piotr an Bord gelangt und über sich hinauswächst, hinterlässt durch seine Spielfreude einen starken Eindruck.

Vom anfänglichen, schwächlichen Sidekick, der vom harten Alkohol bis zu den ungenießbaren Gerichten des Smutje alles mit „Da fehlt Paprika!“ kommentiert, wandelt er sich zum cleveren Überlebenskünstler.

Düstere Atmosphäre und detailreiche Sets

Bei allen Finessen in ihrem Drehbuch legten Mark Gatiss und Steven Moffat nach Sherlock wieder großen Wert auf eine bedrohliche Atmosphäre, was in der Netflix-Serie Dracula gerade durch ein beeindruckendes Set-Design gelingt. In der ersten Folge sorgt das schaurig-schöne Interieur des Schlosses von Graf Dracula für wohliges Gruseln.

Zahlreiche verwinkelte Gänge, hohe und unwirtliche Räume und dunkle Gemälde in dem nur durch schummriges Kerzenlicht ausgeleuchteten mittelalterlichen Gemäuer sorgen wahrlich für fröstelnde Gruselstimmung.

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Dem großen Vorbild Nosferatu (1922) wird auch optisch Rechnung getragen | © Netflix

Während die Innenaufnahmen in den Bray Studios in Berkshire gedreht wurden, fanden die Außenaufnahmen an mehreren Schauplätzen in der Slowakei statt. Beim Anblick des sich steil auf einer Felsklippe hinaufwindenden Schlosses fühlen sich Filmfans übrigens zu Recht an Nosferatu – Symphonie des Grauens (1922) erinnert.

Denn ebenso wie für den Stummfilm von Fritz Lang wurden die Außenaufnahmen vom Schloss des Grafen Dracula rund um die Arwaburg nahe des Dorfs Oravský Podzámok im Norden der Slowakei gedreht. Auch einige Szenen, die mit starken Schlagschatten aufwarten, erinnern an den Klassiker des Vampirfilms.

Das Set der Demeter steht dem des Schlosses von Graf Dracula in nichts nach. Von alten Takelagen über die mit Gaslaternen schummrig ausgeleuchteten und holzverkleideten Innenräume bis hin zu einem Deck, was durch Vintage-Bearbeitung tatsächlich so aussieht, als wäre der Kahn schon Jahrzehnte über die Weltmeere gefahren, wirkt das Schiff authentisch wie aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert.

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Altmodische Effekte überzeugen beim Serien-Dracula

Die Grusel- und Gore-Effekte entfalten ihre Wirkung gerade durch ihren wohldosierten Einsatz. Wenn verrottete Untote aus ihren Gräbern steigen oder sich Dracula buchstäblich einen falschen Körper aufsetzt und vom Leib reißt, sorgt das immer wieder für Nervenkitzel.

Auch die zahlreichen Make-up-Effekte, wenn sich etwa Draculas Augen vom Blutrausch rot färben oder Schwester Agatha sich die absterbenden Fingernägel einzeln herausreißt, sind ebenso schaurig wie gelungen.

Dracula Claes Bang

Das Set-Design mit einem detailreichen Gruselschloss von Graf Dracula (Claes Bang) überzeugt mehr als die künstlich anmutenden CGI-Effekte | © Netflix

Demgegenüber stehen jedoch einige misslungene CGI-Effekte. Zum Ende der ersten Folge scheint die untergehende Sonne in allzu künstlich-orangem Farbton auf den Turm des Schlosses, auf dem sich das Schicksal des bereits stark ausgezehrten Harker entscheidet.

Auch der Nebel, in dem die Demeter vor wolkenverhangenem Mond eingehüllt ist, wirkt sichtlich programmiert. Die zahlreichen computeranimierten Fliegen, die durch die Luft schwirren oder an den Möbeln krabbeln, machen es leider auch nicht besser.

Hier wäre eine etwas subtilere Herangehensweise wünschenswert gewesen, die die Bearbeitung nicht schon auf den ersten Blick als solche erkennen lässt.

Bewertung: Gewitzte und spannende Neuinterpretation des Roman-Klassikers

Die beiden Sherlock-Macher Mark Gatiss und Steven Moffat orientieren sich an der Romanvorlage von Bram Stoker und fügen eigene, neue Ideen hinzu.

Die Co-Produktion von BBC One und Netflix wartet daher mit einigen großen Überraschungen auf – unter anderem mit einem unerwartet vielversprechenden Cliffhanger am Ende der zweiten Folge, der einen spannenden Abschluss der dreiteiligen Miniserie verspricht.

Eine hochwertige Ausstattung, eine dichte Gruselatmosphäre und ein charismatischer Blutsauger sorgen für schaurige Unterhaltung und lassen einige misslungene CGI-Effekte verschmerzen. Netflix zeigt nach dem erklärungswürdigen Stephen King-Horror Im Hohen Gras einmal mehr, dass Horror eine Spezialität des Streamingsdienstes ist.

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