© Daniel Daza/Netflix
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Serien

Narcos auf Netflix: Pablo Escobar, der Robin Hood von Kolumbien?

Pablo Escobar hatte viele Spitznamen. In kriminellen Kreisen nannte man ihn El Don, El Doctor oder El Patron. Die Bevölkerung aber nannte ihn Robin Hood. Für sie war der Drogenboss kein Verbrecher, sondern ein Volksheld, der als Einziger unter den Reichen ihre Stimme hörte.

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In Narcos geht es um narcotraficantes, so heißen Drogendealer in Südamerika. Pablo Escobar und sein Medellín-Kartell lieferten Netflix genug Geschichten für 20 Episoden. Schließlich kontrollierten sie während der Achtzigerjahre etwa 80 Prozent des weltweiten Kokainhandels.

Escobar kam aus einfachen Verhältnissen, stieg zum Drogenbaron auf, erschütterte sein Heimatland Kolumbien mit Gewalt und wurde trotzdem vom Volk gefeiert. Was faszinierte die Menschen an Pablo Escobar?

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Vom Halbstarken zum Milliardär

Escobar wurde in der Stadt Rionegro, Antioquia, geboren. Sein Vater war Viehzüchter und seine Mutter Grundschullehrerin. Pablo ging es damit besser als den meisten. Aber er wollte mehr. Die „Mentalidad de pobre“, die Mentalität des armen Mannes, widerte ihn an. Also begann er schon als Teenager Autos zu klauen. Mit nur 20 Jahren entführte er einen Industriellen. Die Familie zahlte das Lösegeld – und Escobar tötete ihn trotzdem.

Mitte 20 stieg er mit seinem Bruder in den Kokainhandel ein. Sie begriffen schnell, dass das weiße Gold in den USA sehr viel mehr einbrachte als in der Heimat. Denn das Kilo, das sie in Kolumbien für 9000 Dollar kauften, versilberten sie in Miami für das Zehnfache.

Das Geschäft wuchs schnell und Anfang der 1980er war Escobar der erfolgreichste Kokainhändler der Welt. Bald kontrollierte er 80 Prozent des Kokainhandels in Kolumbien. Nach Aussagen des DEA schmuggelten er und das Medellín-Kartell jährlich 95.000 Tonnen Rauschgift in die USA.

© Daniel Daza/Netflix
Pablo Escobar gespielt von Wagner Moura © Daniel Daza/Netflix

Überschlagt diese Summen mal kurz im Kopf: Wenn das Kilo 90.000 Dollar einbringt, wie viel sind dann 95.000 Tonnen wert? 2,85 Milliarden Dollar! Würdet ihr davon zum Beispiel nur Porsche Cayenne Turbos kaufen, könntet ihr euch 23.914 dieser Luxuskarossen leisten. Das wäre ein Fuhrpark so groß wie 33 Fußballfelder!

Der blutrote Robin Hood

Wie ein Mann, der ein ganzes Land terrorisierte, den liebevollen Spitznamen Robin Hood bekommen konnte, ist rational nur schwer nachzuvollziehen. Denn mit der Gründung des Medellín-Kartells explodierten die Mordfälle in Kolumbien. 1984, auf dem Höhepunkt seiner Macht, wurden fast 10.000 Morde registriert.

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Geld oder Blei

Bis heute ist Escobar für seine Skrupellosigkeit berühmt. Plata o Plomo. Plata ist das spanische Wort für Silber bzw. Geld, Plomo bedeutet Blei. Nimm das Geld oder du stirbst. Keine attraktive Wahl, aber eine Strategie von gewaltigem Erfolg.

Ein Geschäftspartner aus Miami sagte in einer Dokumentation des Discovery Channel über seine Zusammenarbeit mit Escobar, dass man nur eine einfache Regel beachten müsste:

Das ist mein Kokain. Das ist mein Gelld […]. Stiehl mir nicht mein Geld, stiehl mir kein Gramm Kokain. Wenn du dich dran hälst, wirst du ein gutes Leben führen. Aber wenn du diese Regel brichst, dann sind du, deine Frau, deine Kinder, deine Eltern und selbst die Haustiere deiner Eltern nirgendwo mehr sicher.
Schauspieler Pedro Pascal macht in Narcos Jagd auf Pablo Escobar © Juan Pablo Gutierrez/Netflix

Doch die Drecksarbeit erledigte nicht er. Seine Sicarios, seine Auftragskiller, mordeten für ihn. Jhon Jairo Velasquez a.k.a. „Popeye“ war Escobars rechte Hand und Chef seiner Leibwächter. Bei seinem Prozess gestand er über 300 eigene Morde, circa 3000 in Auftrag gegebene und mindestens 250 gezündete Autobomben.

”Irgendwann hört man auf zu zählen”, meinte er nach seiner Haftentlassung 2014 gegenüber der Nachrichtenagentur AF. Heute hat Popeye seinen eigenen YouTube-Channel, wo er unter anderem die kolumbianische Politik kritisiert.

Die Armut als Verbündeter

Escobars Reichtum schindete Eindruck. Er versuchte nicht einmal, sein Vermögen aus den Drogengeschäften zu verstecken. Er kaufte sich eine Ranch für 63 Millionen Dollar, hunderte weitere Immobilien, Flugzeuge, U-Boote und exotische Tiere für seinen Privatzoo. 1987 und für die folgenden sechs Jahre landete Escobar auf der Forbes-Liste des reichsten Menschen der Welt. Sein Privatvermögen betrug Schätzungen zufolge über zwei Milliarden Dollar!

Zeitweilig war Pablo Escobar einer der reichsten Menschen der Welt © Daniel Daza/Netflix

Trotz seines Geldes mied er die armen Menschen von Medellín nicht. Im Gegenteil, Pablo besuchte sie oft in ihren Vierteln, sprach zu ihnen und hörte sich ihre Probleme an. Mit seinen Millionen baute er in den Favelas Schulen, Krankenhäuser und sogar ein Fußballstadium (ohne Cayenne Turbos). 1982 errichtete er auf dem Gelände einer Müllkippe 500 Wohnhäuser. Im Volksmund heißt die Siedlung bis heute “Barrio Pablo Escobar” und ist das Zuhause von knapp 12.000 Menschen.

Tatsächlich half er dort, wo der kolumbianische Staat nicht präsent war. Damit gewann er das Vertrauen und die Loyalität der Armen von Medellín.

Die Journalistin Elizabeth Mora, die 7 Interviews mit Escobar führte, sagte in der Dokumentation “Drogenkönig Pablo Escobar”:

Sein bester Verbündeter im Drogengeschäft war die Armut. All die armen Kinder aus den Ghettos Medellíns sahen nur einen Weg, ein besseres Leben zu führen. Und dieser Weg führte über die Drogen.

Welche ist die gefährlichste Stadt der Welt?

Juan Pablo Gutierrez/NETFLIX

Mit 120 Morden je 100.000 Einwohner ist die Hauptstadt Venezuelas die gefährlichste Metropole. Auch auf den folgenden Plätzen liegen Städte in Lateinamerika. Hauptursache sind die Bandenkriege rivalisierender Drogengangs.

Teenager als Auftragsmörder

Escobar wusste die Armut der Menschen sehr gut für seine Zwecke zu nutzen. Wer ihm nützliche Informationen gab, wurde belohnt. Wer seine Feinde aus dem Weg räumte, bekam ein kleines Vermögen.

Sein Erzfeind war der kolumbianische Staat. Also setzte er ein Kopfgeld auf jeden Polizisten in Medellín aus. Javier Pena, DEA-Agent, der auch in Narcos eine der Hauptrollen bildet, erinnert sich daran:

Das waren ortsansässige Schläger. Burschen zwischen vierzehn und fünfzehn Jahren. Ich habe gehört, wie sie sich von hinten an einen Polizisten schlichen, ihm die Pistole hinters Ohr setzten und schossen. Der Polizist war tot. Dann ging der Bursche zu irgendeinem Haus und holte sein Geld ab. Er bekam 500 Dollar für den Mord an einem uniformierten Polizisten.

Escobars junge Polizistenmörder wussten, dass sie irgendwann selbst erschossen werden würden. Ihre Lebenserwartung soll bei nur 22 Jahren gelegen haben. Viele zogen ein kurzes Leben und die Möglichkeit, ihre Familie finanziell zu versorgen, einem langen Leben in bitterer Armut vor.

Mit dieser Guerillataktik erwirkte Escobar die Morde an über 50 Richtern, 1000 Polizisten und circa 3500 Zivilisten. Andere Schätzungen sprechen sogar von bis zu 60.000 Ermordeten.

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20.000 Menschen bei seiner Beerdigung

Mit zunehmender Gewalt verlor Pablo Escobar den Rückhalt in der Bevölkerung. Anfang der Neunziger Jahre überzog der Drogenboss das Land mit einer Welle aus Bombenattentaten.

Javier Pena beschrieb die Stimmung in den Straßen.

Es war eine unglaubliche Zeit. Jeder lebte mit der Angst. Es war nur die Frage, wo die nächste Bombe hochgehen würde. Manchmal explodierten zwei Bomben am selben Tag.

Trotzdem trauerten viele Kolumbianer, als Escobar 1993 von einer Spezialeinheit erschossen wurde. Die Journalistin Elizabeth Mora erinnert sich:

Während die Mächtigen im Lande seinen Tod feierten, weinten die Armen um ihn. Für sie war er ermordet worden. Mindestens 20.000 Menschen wohnten der Beerdigung bei. Die Hälfte von ihnen trauerte. Sie hatten wirklich das Gefühl, dass jemand gestorben war, der eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt hatte.

War Escobar also wirklich eine Art moderner Robin Hood? Die Journalistin lehnt diesen Spitznamen entschieden ab.

Pablo Escobar ließ das Land im Chaos zurück. Er ließ das Land mit dieser unglaublichen Bürde der Gewalt zurück. Er hat Kolumbien viele schreckliche Dinge angetan. Manchmal half er. Ja, er half vielen Menschen. Aber Kolumbien ist nach ihm nicht mehr das Kolumbien, das es mal war.

Tatsächlich knüpften die Escobar folgenden Kartelle dort an, wo er aufgehört hatte. Bis 2011 wurde aus keinem anderen Land so viel Kokain geschmuggelt wie aus Kolumbien.

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Laura Krimmer
Autor(in): Laura Krimmer
Ich arbeite als Journalistin Bereich Film und Musik. Popkultur ist meine Leidenschaft, seit ich ein kleines Kind bin. Besonders spannend finde ich die Verknüpfungen von Musik, Film, Politik und Medien mit unserem Alltag.

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