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Serien

Mord im Trend: Warum das True Crime-Genre boomt

Niedere Motive, Folter, Mord – grausames Blutvergießen ist in Film und Fernsehen mehr denn je an der Tagesordnung. Vor allem der Hype um das Genre True Crime nimmt kein Ende. Doch was fasziniert das internationale Publikum so sehr an Making a Murderer, The Keepers & Co.? Und warum sind es gerade Frauen, die mit Abstand am häufigsten einschalten, wenn es um reale Mordfälle geht?

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„Mord ist die beste Medizin“ – so heißt eine der erfolgreichsten Folgen des kultigen Krimiformats Tatort. Überhaupt wirbt das öffentlich-rechtliche Fernsehen in den letzten Jahren verstärkt mit schmissig-zynischen Titeln wie Morden im Norden, Nord Nord Mord oder den schönsten Morden aus 100 Folgen Inspektor Barnaby. Schaut man sich das aktuelle TV-Programm an, wird unwillkürlich klar: Im deutschen Fernsehen wird gefoltert, gemordet und gestorben, was das Zeug hält.

Die Banalisierung des Todes?

Sickerndes Blut, geladene Waffen, erdrosselte Frauen, entstellte Leiber – das Programm der Öffentlich-Rechtlichen gleicht vor allem abends häufig einem ziemlich mörderischen TV-Schlachtfeld – und das Publikum liebt es.

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Wenn es eine Berufsgruppe gibt, die im deutschen Fernsehen am häufigsten dargestellt wird, dann ist es die der Polizei. Sie ermittelt schon seit Jahren nach demselben Schema: Leiche untersuchen, Fragen stellen, Verhöre durchführen, Verfolgungsjagden überstehen und Bösewichte stellen. Der hartgesottene, vereinsamte polizeiliche Ermittler ist heute das, was in den 80er-Jahren der verständnisvolle altruistische Arzt oder ersatzweise auch der Tierarzt im Fernsehen war.

Doch die TV-Götter in Weiß mussten abgelöst werden – durch den coolen Freund und Helfer mit der Knarre am Gürtel. Im US-Fernsehen setzt man mittlerweile stattdessen gerne auf Zombie-Gemetzel wie zum Beispiel The Walking Dead. Aber auch Drama-Serien wie American Crime Story, die auf wahren Begebenheiten beruhen, erfreuen sich großer Beliebtheit.

Alles im Zeichen der Quote, denn die kann sich nach wie vor sowohl bei ähnlichen US-Formaten sowie bei deutschen Krimis sehen lassen. Satte 13,5 Millionen Zuschauer schalteten bei Tatort: Mord ist die beste Medizin ein, als im idyllischen Münsterland ein weiteres fiktives Menschenleben dran glauben musste. Immerhin floss kaum Blut, dem Opfer wurde dieses Mal ganz sanft mit einer Giftspritze der Garaus gemacht.

Die deutsche Fernsehkultur scheint die Abbildung von Tod, Gewalt und Verbrechen ziemlich ernst zu nehmen – und das schon lange nicht mehr nur in fiktionalen Formaten.

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Rudi Cerne moderiert Aktenzeichen XY … ungelöst. © ZDF /Nadine Rupp

Die Rede ist vom erfolgreichsten deutschen True Crime-Format Aktenzeichen XY … ungelöst. Seit 1967 ermittelt das Fernsehen, um Verbrechen – vorzugsweise Morde – durch Hinweise aus der Bevölkerung aufzuklären. Schöpfer Eduard Zimmermann könnte man heute als internationalen Pionier des True Crime-Genres bezeichnen.

Eine Sendung, die sich regelmäßig und in Serie der Öffentlichkeitsfahnung verschrieb, hatte es in dieser Form zuvor noch nicht gegeben. Mit vorhersehbarer Regelmäßigkeit sichert sich Aktenzeichen XY nach wie vor Quotenhochs von bis zu 5,40 Millionen in der Prime Time.

True Crime: Die mediale Mordwelle

Derweil scheinen sich während der letzten Jahre die Zielgruppen des True Crime-Genres stetig auszuweiten und zu vergrößern – egal, von welchem Medium die Rede ist.

Den Startschuss für den aktuellen Hype legte ohne Zweifel der US-amerikanische Podcast Serial, der im Oktober 2014 veröffentlicht wurde. Der ungelöste Mordfall um den Schüler Adnan Syed, der verdächtigt wurde, seine Mitschülerin und Ex-Freundin Hae Min Lee umgebracht zu haben, packte Millionen Menschen und brach Download- und Streaming-Rekorde bei iTunes.

Kurz darauf ließ der US-amerikanische Fernsehprogrammanbieter HBO im Februar 2015 mit The Jinx eine echte True Crime-Bombe platzen, die mit einem unverhofften Ende auffuhr. Einem Ende, mit dem wohl keiner der Produzenten in seinen kühnsten Träumen hätte rechnen können.

Die sechsteilige Doku über den mörderischen Geschäftsmann Robert Durst lieferte zum Schluss einen der wohl unglaublichsten TV-Momente der Geschichte. Der Hype war endgültig entfacht. Die VOD-Plattform Netflix erhitzte die internationalen Gemüter im Dezember 2015 mit seiner True-Crime-Doku Making a Murderer um den Fall des möglicherweise unschuldig verurteilten Steven Avery.

Die Misstände und Betrügereien der örtlichen und übergeordneten Polizeieinheiten während der Ermittlungen sorgten für eine bis dato unerreichten Aufregung um ein True Crime-Format. Auch im Social Web sorgte das Format mit seinem komplizierten Fall für viel Aufregung. Die True Crime-Serie war in aller Munde und scheinbar jeder hatte eine Meinung. Es folgten weitere international erfolgreiche Formate wie The Keepers, Amanda Knox, Casting JonBenet, Audrey & Daisy, Matt Shepard is a Friend of Mine und Out of Thin Air.

Dann wurde es Zeit für andere und vor allem deutsche Medien, auf den vielversprechenden True Crime-Zug aufzuspringen: 2016 wurde das True Crime-Print-Magazin Stern Crime geboren. Schon bald konnte das Heft 80.000 verkaufte Exemplare für sich verbuchen, zudem 10.000 Abonnenten – ein voller Erfolg für den Verlag Gruner + Jahr. Der stellvertretende Chefredakteur Giuseppe di Grazia erklärte:

Unsere Geschichten über wahre Verbrechen sprechen die Leser emotional an – erschrecken, machen zornig und nachdenklich –, und sie decken alle Facetten einer spannenden Erzählung ab. Sie unterhalten und fesseln den Leser bis zum Schluss.

Doch ist das wirklich alles, was Millionen Menschen dazu bringt, sich nach Feierabend und in der Freizeit mit Opfer-Schicksalen, grausamen Morden und Serienkillern zu beschäftigen? Was steckt noch hinter dem unleugbaren True Crime-Boom der Gegenwart?

Eine Frage der Antrophologie

Dass ein Großteil der Menschheit von brutalen Verbrechen und der Grenzüberschreitung des christlichen Gebots Du sollst nicht töten so fasziniert ist, halten viele Forscher nicht für einen Zufall. Das fundamentale Tabu Mord ist in der heutigen Gesellschaft, die auf Sicherheit und geregelte Alltagsprozesse ausgerichtet ist, ein Anzugspunkt der Faszination. Im Gegensatz zu heute wurde antisoziales Verhalten bei der Jagd oder in der Gruppe bei unseren Vorfahren belohnt.

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Ist sie eine kaltblütige Mörderin? Eine endgültige Antwort kann die True Crime Serie über Amanda Knox nicht liefern. © Netflix

Es zog Fortpflanzungs- und Überlebensvorteile mit sich. Mittlerweile hat sich dies zwar gesellschaftlich grundlegend verändert, aber der Mensch kann nach wie vor nicht ganz aus seiner Haut heraus. Thomas Nesseler, Philologe und Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde erklärt in einem Interview mit Focus:

Die Aggression ist wie der Sexualtrieb ein Teil der anthropologischen Grundausstattung des Menschen, der conditio humana. Aggressives Verhalten gehört deshalb genauso zum menschlichen Alltag, wie die Fähigkeit, Hunger zu spüren oder sich fortpflanzen zu wollen.

Doch wo Gewalt nicht mehr offen stattfinden kann, liefern mediale Inhalte eine Art Kompensation, die fasziniert – vor allem durch die Grenzüberschreitung. Außerdem erläutert der Forscher, dass selbst jemand, der Gewalt prinzipiell verabscheut, doch durchaus stark fasziniert davon sein kann. Nicht nur im Fernsehen sondern auch mit Hilfe von Kriminalliteratur könne auch der Autor neue Welten erschaffen, in dem er experimentell Extremsituationen emotional austesten könne, während der Leser es ihm gleichtut.

Dunkle Seiten und Adrenalin

So wird es Zuschauern oder Lesern möglich gemacht, sich mit Täter und Opfer zu identifizieren und dunkle Seiten unbewusst ausleben. Seiten, die im gutbürgerlichen Leben keine Rolle spielen dürfen. Es gab eine Zeit in der Geschichte der Menschheit, in der Tod, Mord und Folter deutlich häufiger an der Tagesordnung waren. Auch heute noch kann der Mensch diese Vergangenheit nicht völlig ablegen. True Crime-Formate bieten dafür eine optimale Kompensationsmöglichkeit.

Auf biologischer Ebene liefern True Crime-Formate außerdem noch einen ganz anderen Bonus. Mörder und Serienkiller in einem Fernsehformat zu beobachten, gibt dem Zuschauer einen wahren Adrenalinkick. Wer Zeuge einer True Crime-Sendung wird, ist dem mächtigen Hormon daher oftmals ausgeliefert und verfällt schneller denn je in eine ausufernde Binge-Session oder sogar eine bedenkliche Sucht.

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True Crime-Formate wie The Keepers über den Mord an der Nonne Schwester Cathy lassen den Adrenalinspiegel ansteigen. ©Netflix/Catherine Cesnik

Kriminologie-Professor Scott Bonn vergleicht bei Psychologytoday die häufig sehr charismatischen Täter aus True Crime-Serien mit Autounfällen, Naturkatastrophen und Achterbahnen – im übertragenen Sinne. „Durch das Format entsteht ein euphorischer Effekt im Gehirn, der beinahe süchtig machen kann und sich anfühlt, wie eine emotionale Achterbahn,“ erläutert der Wissenschaftler.

Unabhängig davon bestätigt Psychologin Meredith Fuller im Interview mit dem Gesundheitsportal BodyandSoul, dass True Crime hochinteressantes reales Rätsel-Futter für unser Gehirn bietet. All die Schilderungen von Zeugen, die Beweisstücke, die widersprüchlichen Fakten – das Gehirn wird getriggert. Auf eine distanzierte Art und Weise wollen Lösungen gefunden werden, das Gehirn arbeitet auf Hochtouren. „Es gibt einfach ein grundlegendes Bedürfnis danach, solche menschlichen Dichotomien der Dunkelheit, die in unserer Natur liegen, zu verstehen.“ Manchmal ist der Mensch sich eben selbst ein Rätsel.

Umso höher ist der Belohnungseffekt dafür am Ende des True Crime-Formats oder auch eines Krimis, wenn Fragen beantwortet, Begründungen und Erklärungen geliefert wurden. Der Zuschauer erlebt nach der aufreibenden, schockierenden Ermittlung, und den haarsträubenden Details die ultimative Aufklärung. Eine gewisse Ordnung wird wieder hergestellt, eine Katharsis beim Publikum erzeugt – der krönende Belohnungseffekt eines Genres, vor dem Wissenschaftler häufiger wegen seines Suchtpotenzials warnen.

Die Frage nach dem Warum

Außerdem, so der Professor, sei stets die übergeordnete Frage nach den Motiven des Täters im Spiel. Das gemeinhin als abartig empfundene Verhalten muss dem menschlichen Verstand unbedingt erklärt werden. Er muss es sich selbst erklären. Das Unverständnis über die grauenvollen Taten von Männern wie Robert Durst oder Ted Bundy lässt die Täter auf verführerische und abstoßende Art und Weise zugleich geheimnisvoll erscheinen. Denn die Gefahr bei solchen Tätern liegt häufig auch noch darin, dass sie sich für lange Zeit in der Gesellschaft völlig unbehelligt bewegen können.

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Ist er ein Mörder? Steven Avery wurde hinter Gittern gebracht – mit unlauteren Mitteln. © Netflix

Lange Zeit wird noch nicht einmal ein Verdacht erhoben. Die Vorstellung, dass jeder Nachbar, jedes Familienmitglied, jeder Freund eine potenzielle Gefahr sein könnte, lehrt die Zuschauer das Gruseln – ein Gruseln, was sich dennoch im sicheren Fahrwasser von Entertainment abspielt.

Manchmal weckt dies sogar die Furcht vor dem eigenen Selbst. Wie viel Böses steckt tatsächlich in mir selbst?, fragen sich die Zuschauer und sind Untersuchungen zufolge gleichzeitig sehr erleichtert darüber, dass nicht sie selbst zum Täter geworden sind. True Crime-Formate bieten, ähnlich wie Horrorfilme, dennoch eine kontrollierte Umgebung, in der der Zuschauer nicht ernsthaft um sein Leben fürchten muss, aber Grenzen auf einer anderen Ebene erkunden und erleben kann.

Auch ein gewisser Voyeurismus spielt bei True Crime eine Rolle. Gerade, wenn es um den Mord an einem Familienmitglied geht, fühlt sich das Publikum in die persönlichsten Verhältnisse von Opfer und Täter eingeweiht – ein Reiz, dem viele nicht widerstehen können.

True Crime und seine weiblichen Fans

Häufig schildern True-Crime-Formate auch sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen im Zusammenhang mit dem Kapitalverbrechen. Nur einer der Gründe, warum vor allem Frauen sich mit den Opfern aus Doku-Serien wie Making a Murderer oder The Keepers identifizieren können. Psychologie-Professorin Amanda Vicary von der Illinois Wesleyan University hat im Interview mit dem Businessinsider eine einleuchtende Erklärung dafür, warum Frauen mit Abstand am häufigsten einschalten, abonnieren oder zuhören, wenn es um die schwersten Verbrechen der Kriminalgeschichte geht:

Frauen fürchten sich statistisch mehr als Männer davor, Opfer eines Verbrechens zu werden und das, obwohl Männer im Durchschnitt tatsächlich häufiger Opfer von schweren Gewaltverbrechen werden. Frauen ziehen aus True Crime-Formaten potenziell lebenswichtige Informationen.

Dabei spielt Vicary auf die Beziehungen zwischen Tätern und Opfern an, auf den Charakter des Täters, das Umfeld, das Motiv und etliche andere Faktoren und Umstände, die es zu dem Verbrechen erst haben kommen lassen. Frauen versuchen laut Vicarys Forschungen, Konstanten und Hinweise auf Bedrohungen aus den Fällen herauszulesen und sie mit ihrem eigenen Leben und ihrer Umwelt unbewusst abzugleichen.

Letztlich erfüllen True Crime-Formate damit einen Informationsbedarf, den Frauen unterbewusst zu ihrer eigenen Sicherheit nutzen wollen. Das gleich mehrere Studien belegen, dass vor allem Frauen die größte Zielgruppe für jegliches mediales True Crime-Format sind, überrascht die Wissenschaftlerin daher kaum.

©Netflix/ Catherine Cesnik, Joseph Cesnik
True Crime-Zuschauerinnen bringen einem Opfer wie Schwester Cathy aus The Keepers besonders viel Mitgefühl entgegen. ©Netflix/ Catherine Cesnik, Joseph Cesnik

Einen zusätzlichen Vorteil erfahren Frauen durch die überdurchschnittliche emotionale Empathie, die sie häufig dem Opfer des Falls entgegenbringen. Und die ist bei True Crime-Dokus nachweislich höher als bei fiktionalen Formaten. Doch Vicary warnt vor einer tückischen Dynamik im Zusammenhang mit dem umstrittenen Doku-Genre:

Wenn Frauen sich so explizit davor fürchten, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, könne es sein, dass sie sich allzu häufig mit True Crime beschäftigen, was wiederum die Angst nur noch verstärken könne, so die Professorin. Ein Teufelskreis namens True Crime, der es der Zuschauerin dann in etwa genauso viel abverlangt, sich loszureißen, wie die ureigene Angst vor Gewalttätern und Mördern zu überwinden.

Making a Murderer und The Keepers kannst du auf Netflix sehen. The Jinx steht auf Sky Ticket und Sky Go zum Streaming bereit. Den Podcast Serial kannst du auf iTunes hören.

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Janna Fund
Autor(in): Janna Fund
Ob ihr's glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!

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