Bild aus dem Film Lords of Chaos
©Studio Hamburg Enterprises
Kino

Lords of Chaos: So finster ist die wahre Geschichte des Black-Metal-Thrillers

Ein Suizid, Kirchenverbrennungen und ein brutaler Mord: Die Band Mayhem gehört zu den einflussreichsten Gruppen des Black Metal, erreichte außerhalb des Genres aber vor allem durch ihre schockierende Bandgeschichte Aufmerksamkeit. Das Biopic Lords of Chaos erzählt diese Ereignisse nun auch im Kino. Erfahrt hier, wie viel Wahrheit wirklich in dem Black-Metal-Thriller steckt.

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Musiker-Biopics wie das gefeierte Bohemian Rapsody über die Band Queen sonnen sich gern im Glanz ihres Jahrhundert-Soundtracks und der Geschichte und Ausstrahlung ihrer Bühnenhelden. Schattenseiten gehen dabei meist nicht über gelegentliche Drogenexzesse hinaus. Ein krasses Gegenbeispiel ist der nun im Kino startende Black-Metal-Thriller Lords of Chaos.

Rory Culkin in Lords of Chaos
Lords of Chaos folgt den Anfängen der Band Mayhem, die nicht nur durch ihre Musik sondern auch zwei Todesfälle bekannt wurde | © Studio Hamburg Enterprises

Die verstörenden Ereignisse im neuen Film von Jonas Åkerlunds basieren dem Vorspann zufolge auf „der Wahrheit, den Lügen und dem, was tatsächlich passierte“. Im Zentrum steht die norwegische Band Mayhem, die Anfang der Neunziger eine musikalische Revolution startete und bald ein ganzes Land in Atem hielt. So alptraumhaft die Geschichte von Lords of Chaos wirkt, die Realität steht dem Film in nichts nach

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Achtung! Wenn ihr die Hintergründe der Band Mayhem nicht kennt, enthält der Artikel Spoiler zur Handlung von Lords of Chaos.

Bohemian Rapsody ist ab dem 14. März 2019 in der Unitymedia Videothek verfügbar.

Die Band Mayhem: Innovativ, böse und brutal

Im Jahr 1984 gründeten der Gitarrist Øystein „Euronymous“ Aarseth (in Lords of Chaos Rory Culkin), der Bassist Jørn „Necrobutcher“ Stubberud (Jonathan Barnwell) und der Schlagzeuger Kjetil „‚Morbid‘ Manheim“ Manheim (James Edwyn) im norwegischen Oslo die Black-Metal-Band Mayhem.

Emory Cohen, Jack Kilmer, Rory Culkin, und Valter Skarsgård in Lords of Chaos
Jung, wild und mit großen Träumen: Die Black-Metal-Band Mayhem in Lords of Chaos | © Studio Hamburg Enterprises

Vor allem in den Anfängen wechselte die Besetzung der Truppe häufig, nur Euronymous und Necrobutcher blieben eine feste Konstante. Das Ziel für die jugendlichen Rebellen blieb aber dasselbe: Einen neuen, härteren und böseren Metal zu erschaffen. Bald bezog sich dieses Mantra jedoch nicht mehr nur allein auf die musikalische Ebene.

Die frühen Texte von Mayhem beinhalteten mit ihrer Splatter- und Gore-Thematik noch deutlich gewaltverherrlichendere Tendenzen. Schnell fand die junge Band erste Fans. Doch schon in dieser Zeit entwickelte Euronymous eine zunehmende Obsession für das Böse.

Triggerwarnung und Anmerkung der Redaktion

Wir haben uns in diesem Fall entschieden, über die Themen Depressionen, Selbstverletzung und Suizid zu berichten. Leider können sich depressiv veranlagte Menschen in ähnlichen Lebenssituationen nach Berichten dieser Art noch stärker mit suizidalen Gedanken konfrontiert sehen. 

Falls es dir so ergeht, erhältst du sofortige Hilfe rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter der bundeseinheitlichen kostenlosen Rufnummer 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 und im Internet unter www.telefonseelsorge.de.

Sänger Dead: Faszination Tod und Satanismus

1988 stießen der schwedische Sänger Per Yngve Ohlin (in Lords of Chaos Jack Kilmer) und der Schlagzeuger Jan Axel „Hellhammer“ Blomberg (Anthony De La Torre) zu der Truppe. Insbesondere Ohlin, der sich selbst den Künstlernamen „Dead“ verpasste, wurde in den folgenden Jahren zur prägenden Kraft bei Mayhem.

Rory Culkin in Lords of Chaos
Mit Frontmann Dead spielten Tod, Depression und Satanismus eine immer größere Rolle bei Mayhem | © Studio Hamburg Enterprises

Der hochgradig depressive Sänger war, wie schon sein Pseudonym andeutet, äußerst fasziniert von Themen wie Tod, Verwesung und Dunkelheit. Bandmitglieder berichteten später von instabilem Verhalten und seltsamen Ritualen. So soll Dead seine Bühnen-Outfits über Monate vergraben haben, um ihnen für die Live-Auftritte ein totengleiches Aroma zu verleihen. Außerdem soll er tote Tiere in einem Beutel herumgetragen haben, damit er den Geruch von Verwesung einatmen konnte.

Dead übernahm fortan das Schreiben der Texte und seine Faszination für den Tod beeinflusste die Musik von Mayhem maßgeblich. Die gewaltverherrlichenden Themen traten zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen rückte der Fokus auf Satanismus, Tod, Dunkelheit und das Böse an sich.

Hochzeit von Mayhem: Blutige Horror-Auftritte und Selbstverletzung

Nach dem Zugang der neuen Mitglieder feierte Mayhem seine größten Erfolge. Durch zahlreiche Konzerte in Norwegen, aber auch im deutschen Leipzig, erarbeiteten sich die vier Black Metaller schnell einen beachtlichen Ruf. So düster, fies und hart wie Mayhem klang zu dieser Zeit niemand.

Doch neben der Musik der Band waren auch die alptraumhaft inszenierten Live-Auftritte für ihren rasant ansteigenden Bekanntheitsgrad mitverantwortlich. So trug Sänger Dead bei den Konzerten eine schwarz-weiße Gesichtsbemalung, die an einen Totenschädel erinnerte und mittlerweile als „Corpsepaint“ (dt.: „Leichenbemalung“) in der Black-Metal-Szene bekannt ist.

Rory Culkin in Lords of Chaos
Mayhem erlangte durch seine Musik und starke Auftritte schnell Bekanntheit | © Studio Hamburg Enterprises

Schweineköpfe und Blut waren keine Seltenheit bei diesen musikalischen Zeremonien. Und das kann durchaus wörtlich genommen werden: Dead verletzte sich bei den Mayhem-Konzerten nämlich regelmäßig selbst, indem er sich mit Messern oder abgebrochenen Flaschenhälsen die Arme verletzte.

Nach ihrer letzten Tour begannen die Bandmitglieder die Arbeit an ihrem ersten StudioalbumDe Mysteriis Dom Sathanas (dt.: Von den Mysterien des Lord Satan). Ihr Sänger sollte die Veröffentlichung nicht mehr erleben.

Der Selbstmord von Dead und Euronymous‘ morbide Reaktion

Dead, der schon länger unter massiven Depressionen litt, nahm sich am 8. April 1991 im Alter von nur 22 Jahren das Leben. Er hatte sich erschossen und einen kurzen Abschiedsbrief hinterlassen.

Rory Culkin in Lords of Chaos
Euronymous‘ Umgang mit Deads Suizid wurde auch von Bandmitgliedern kritisiert | © Studio Hamburg Enterprises

Bandgründer und Gitarrist Euronymous fand Deads Leiche in einem Hinterraum des Bandhauses. Anstatt aber die Polizei oder die anderen Bandmitglieder zu informieren, holte er zunächst eine Kamera und fotografierte den Leichnam. Eines der Bilder wurde später für die bekannte, unautorisierte Veröffentlichung The Dawn of the Black Hearts – Live in Sarpsborg als Cover verwendet.

Das war jedoch noch nicht alles: Euronymous sammelte auch noch Knochenfragmente vom Boden auf, aus denen er dann Amulette für den engeren Bekanntenkreis anfertigen ließ. In Teilen der Band stieß Euronymous‘ Verhalten nach Deads Tod auf Unverständnis. Mayhem-Mitbegründer Necrobutcher nahm dies dann auch zum Anlass, die Band zu verlassen.

Varg Vikernes und Anschlagswelle auf Kirchen und Bands

Varg Vikernes (in Lords of Chaos Emory Cohen), auch unter dem Namen „Count Grishnackh“ bekannt, übernahm die Rolle des Bassisten bei Mayhem. Vikernes war bekannt für nationalistische, rassistische und antisemitische Ansichten, die damals im norwegischen Black Metal weit verbreitet waren. Auch andere Bandmitglieder wie Hellhammer fielen durch fragwürdiges rechtes Gedankengut auf.

Rory Culkin in Lords of Chaos
Um Euronymous (Rory Culkin) und Mayhem formiert sich der norwegische Black Metal | © Studio Hamburg Enterprises

Zu diesem Zeitpunkt gründete sich auch der sogenannte „Innere Zirkel“, zu dem sich neben Mayhem der Kern der norwegischen Black-Metal-Szene zusammengeschlossen haben soll.

Dieser Szene-Gruppierung wurde neben einer Reihe von Kirchenbrandstiftungen auch einige Anschlägen auf andere Bands und ein versuchtes Briefbombenattentat gegen eine israelische Band angelastet. Die Welle von Gewalt machte nicht nur in Norwegen sondern auch in ganz Europa Schlagzeilen.

Bild aus dem Film Lords of Chaos
Eine Welle von Brandanschlägen auf Kirchen erschütterte Norwegen | © Studio Hamburg Enterprises

Obwohl Euronymous der Ruf anhaftete, dem Inneren Zirkel vorzustehen, konnte dies nie wirklich bewiesen werden. Vikernes wiederum wurde mit mehreren Kirchenbrandstiftungen in Verbindung gebracht, wofür er in einigen Fällen auch später verurteilt wurde.

Der Mord an Euronymous

Am 10. August 1993 ermordete Vikernes seinen Bandkollegen Euronymous in dessen Wohnung. Die Hintergründe der Tat sind bis heute unklar. Aber ob es nun ein Streit um Geld, die Vormachtstellung in der Band oder eine Frau war, Fakt bleibt: Der Bassist stach mit einem Messer viele Male auf den Körper seines einstigen Freundes ein.

Bild aus dem Film Lords of Chaos
Der Mord an Euronymous schockierte durch seine Brutalität und traf die Black-Metal-Szene hart | © Studio Hamburg Enterprises

Varg Vikernes wurde festgenommen. Obwohl er behauptete, dass er aus Selbstverteidigung gehandelt habe, wurde er von einem Gericht 1994 wegen Mordes zu einer 21-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Seit 2009 befindet er sich wieder auf freiem Fuß.

Mayhem löste sich nach der schrecklichen Tat zunächst auf. Hellhammer, als einzig verbliebenes Mitglied, veröffentlichte ihr erstes gemeinsames Album De Mysteriis Dom Sathanas trotz Protesten von Euronymous‘ Familie im Alleingang unverändert.

Die Angehörigen hatten sich dagegen gewehrt, dass auf den Aufnahmen die Tonspuren des Mordopfers gemeinsam mit denen des Mörders zu hören sind.

Mayhem heute

1995 belebte Hellhammer die Band in neuer Besetzung wieder. Auch Necrobutcher war bei dieser Reunion wieder mit von der Partie. Mayhem ist bis heute aktiv und veröffentlichte in der Zwischenzeit vier weitere Alben. Das letzte Album, Esoteric Warfare, erschien 2014.

Für weitere reale Hintergründe zu Filmen und Serien schaut in unsere Recherchen über den Drogenkartell-Boss Felix Gallardo aus Narcos oder lasst euch über die wahre Geschichte der Netflix-Serie Dirty John informieren.

Lords of Chaos: Kinostart und FSK

Wenn ihr euch von der schockierendsten Geschichte des Black Metal selbst überzeugen wollt, dann könnt ihr euch Lords of Chaos ab sofort im Kino anschauen.

Lords of Chaos von Jonas Åkerlund hat in Deutschland eine Freigabe ab 18 Jahren von der FSK bekommen – für Jugendliche nicht geeignet.

Dies ist vor allem auf die drastische Gewaltdarstellung zurückzuführen. Insbesondere Fälle von Selbstverletzung wiegen in den Bewertungskriterien der Prüfungsbehörde schwer, da dies Nachahmer animieren könnte. Außerdem dürften die detailliert gezeigten Kirchenverbrennungen ebenfalls nicht auf die Gegenliebe der FSK gestoßen sein.

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Tim Seiffert
Autor(in): Tim Seiffert
Schreiberling mit Faible für Düster- oder Abgedrehtes, Comics und das südkoreanische Kino. Hat für die meisten französischen Komödien nicht viel übrig und ist weiterhin zutiefst verunsichert, ob Dwayne Johnson bald in jedem Franchise mitspielt.
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