Das Bild zeigt Jim Knopf und Lukas den Lokomotivführer.
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Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer und ihre versteckten politischen Botschaften

Was interessiert einen Erwachsenen schon die Verfilmung eines Mainstream-Kinderbuches aus den Sechzigern? Vielleicht, dass sie Botschaften vermittelt, die jeden interessieren sollten und dass der Autor fest daran glaubte, dass Fantasie die Gegenwart formen kann. Oder dass sie Generationen miteinander verbindet.

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Gar nicht mal so kindisch.

Allein in den USA existieren drei Inseln mit dem klingenden Namen Happy Island. Jede Wette, dass kaum ein Deutscher je von diesen Inseln gehört hat.

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Dafür kennen Millionen Menschen aus allen Generationen seit fast 60 Jahren eine Insel, die man im Gegensatz zu den Happy Islands auf keiner einzigen Landkarte finden wird. Und wahrscheinlich würden die meisten von ihnen auch noch ihre Hand dafür ins Feuer legen, dass diese den Happiness-Faktor aller drei US-Inseln zusammen um Längen schlagen könnte.

Das winzige Lummerland ist ein Ort, der auf der inneren Landkarte vieler Menschen mindestens genauso viel Platz einnimmt wie Bullerbü, Phantasien oder Taka-Tuka-Land. Es kommt eben nicht auf die Größe an.

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Liberal, weltoffen, schrullig – das ist Lummerland © Warner Bros. Pictures

Vom Buch zur Kassette, ins Marionettentheater, ins Kino

Großartig geraten ist die erste Realverfilmung des Kinderbuchklassikers Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer von Michael Ende allerdings dennoch, der ab sofort in der Unitymedia-Videothek verfügbar ist. Über 15 Jahre dauerte die Entwicklung des Films, der mit rund 25 Millionen Euro Budget als eines der teuersten deutschen Filmprojekte gilt. Gedreht wurde unter anderem in Südafrika. Regisseur Dennis Gansel setzte die Geschichte mit internationalem Anspruch, Look und sehr viel Liebe zum Detail für die große Leinwand in Szene.

„Fasziniert hat Jim Knopf mich mit seinen riesengroßen Welten“ , schwärmt der 44-Jährige im Interview mit der Morgenpost. Dabei betont er, dass er ein klassisches Kassettenkind gewesen sei und Endes Geschichte am liebsten vom Autor selbst gesprochen gelauscht habe. „Hab‘ ich immer bei einem Kumpel gehört. Der hatte die, wollte sie aber nie ausleihen.“

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Jim Lukas und Emma beratschlagen sich. © Warner Bros. Pictures

Das Medium, was die Geschichte allerdings in aller Munde brachte, war das Fernsehen. Genauer gesagt, das Marionettentheater Augsburger Puppenkiste. Dort wurde die Geschichte um das schwarze Findelkind Jim Knopf, Vaterfigur Lukas und ihre bunten Abenteuer vor allem neben weiteren Klassikern wie Urmel aus dem Eis im Kinderprogramm erfolgreich.

Belächelt und verschmäht: Ende war kein Kritiker-Liebling

Dabei war sie ursprünglich nie nur für Kinder vorgesehen, wie Ende mehrfach betonte. Das scherte die Kritiker allerdings wenig: Träumereien, nichts für Erwachsene, hieß es. Literaturagent Roman Hocke erinnert sich im Interview mit der Zeit an seinen langjährigen Vertrauten, den viele Kollegen belächelten, dem Eskapismus und Weltflucht buchstäblich vorgeworfen wurden:

Darunter hat er sehr gelitten. Gerade die 68er haben von Ende erwartet, dass er die Kinder für die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit vorbereitet. Er sagte dann immer, das tue er ja auch, nur auf etwas anderem Wege.

Endes Geschichten seien nach wie vor zeitlos, weil sie Sinnfragen stellten, fährt Hocke fort. In Jim Knopf ginge es um das ewig Kindliche, das sich sein Staunen bewahrt, das überrascht werden will, das nicht von Vorurteilen verformt ist und Selbstverständliches hinterfragt. Das aber wiederum auch fragt: Woher komme ich, wohin gehe ich, wer bin ich?

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Die Lummerland-Bewohner stoßen auf Findelkind Jim. © Warner Bros. Pictures

Jim Knopf und Nepomuk – die Überführer von Hitlers Rassenideologie

Doch damit nicht genug. Wer genauer liest, lauscht oder hinschaut, erkennt die durchaus gesellschaftskritischen und politischen Untertöne in Endes Erzählung. Für Journalistin Julia Voss von der FAZ ist die Geschichte vor allem eine zugegebenermaßen getarnte Kritik an Hitlers Rassenideologie. Sie zitiert Ende aus einem Radiointerview von 1991: „Die Idee des Rassismus und der Rassendiskriminierung entstand durch Weiterdenken von Darwins Theorien.“

Den Missbrauch der Nazis von Darwins Evoloutionstheorien hatte Ende vor allem in seiner Schulzeit während des Nationalsozialismus immer wieder über sich ergehen lassen müssen. Doch das nationalistische Gedankengut fand bei ihm nie Anklang. Dennoch prägte es den Autor und seine Geschichten. „Er hat Vorurteile bewusst aufgegriffen, um sie dann umzukehren. Gerechtigkeit war ihm ein wichtiges Anliegen“, erinnert sich Literaturagent Hocke. 

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Lukas und Jim auf der Suche nach Prinzessin Li Si. © Warner Bros. Pictures

Jims reale Vorlage: Die Reise des Jemmy Button

Kaum jemand weiß, dass sich Ende für seine Hauptfigur Jim von einer echten Persönlichkeit inspirieren ließ. Dabei handelte es sich um ein farbiges Kind aus Feuerland, das im 19. Jahrhundert nach England verkauft worden war. Auf dem Schiff HMS Beagle reiste Jemmy Button nach Europa und war wegen seines fröhlichen und freundlichen Gemütes an Bord sehr beliebt. Passagier Charles Darwin erzählte in seinem ersten Buch „Die Fahrt der Beagle“ von seiner Bekanntschaft mit dem Kind. Genug Inspiration für Ende und den Anfang eines Buches, das für ihn den Durchbruch als Autor bedeuten sollte.

Liberales Lummerland versus Drachenstadt Kummerland

In seinem Werk schafft Ende zwei Ankerpunkte in seiner bunten, aufregenden Welt. Da gibt es das liebliche, heimelige Lummerland mit Ersatzmutti Frau Waas (Anette Frier), dem lustigen Spießer Herr Ärmel (Christoph Maria Herbst) und dem bodenständigen, väterlichen Lukas (Henning Baum). Ganz wichtig, im Schottenrock und mit Krone, regiert Alfons der Viertelvorzwölfte (Uwe Ochsenknecht) mal mehr, mal weniger weise über sein Ländlein. Die Devise der Lummerländer: Leben und Leben lassen. Man lasse dem Nächsten seine Unterschiede und Macken, denn die machen ihn liebenswert und das liberale Lummerland lebenswert.

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Eine sehr, sehr große und sehr, sehr wichtige Audienz bei Alfons dem Viertelvorzwölften. © Warner Bros. Pictures

Doch Jim und sein Freund Lukas müssen mitsamt Lokomotive Emma an den anderen Pol der Welt, in die Drachenstadt Kummerland. Schließlich haben sie dem Kaiser von Mandala versprochen, seine entführte Tochter, Prinzessin Li Si zu retten. In Kummerland angekommen, treffen die beiden ungleichen Abenteurer auf den kleinen Drachen Nepomuk. Der wird von den anderen Drachen ausgegrenzt, weil er kein reinrassiger Drache, sondern nur ein Halbdrache ist.

Der Scheinriese Herr Tur Tur ist eine vielschichtige Metapher die von Kindern und Erwachsenen unterschiedlich interpretiert werden soll und von Schreiberlingen aller Art nach wie vor interpretiert wird. Herr Tur Tur kann nur froh sein, dass Ende ihn allein in der Wüste leben ließ und nicht in der Drachenstadt Kummerland.

Völkerverständigung: Gemeinsam gegen die reinrassigen Tyrannen

In Kummerland werden reinrassige Drachen hofiert und entführte Kinder aus aller Herren Länder an Bänke gekettet und mit Mathematik gequält. Die Botschaft: Mehr Völkerverständigung – gerade in schweren Zeiten sitzt man im selben Boot, beziehungsweise an dieselbe Bank gekettet und gegebenenfalls von Tyrannen gequält.

Offenkundliche Stereotypen sind wie im Buch vorhanden – vom bayerischen Jungen in Lederhosen bis zum Eskimo im Tierfell. Bei Ende zelebrieren sie allerdings in erster Linie die Vielfalt, sollen weder ausgrenzen noch pauschalisieren. Ja, sogar die schrecklichen Lehrer gehören zu dieser Vielfalt, wie sich später herausstellt. Dennoch bleibt kein Zweifel, dass Mathe-Drache Frau Mahlzahn sicherlich schon über Generationen hinweg so manchem Kind den Schlaf raubte.

Das kunterbunte, exotische Mandala. © Warner Bros. Pictures

Jim und Lukas‘ Reise setzte Dennis Gansel märchenhaft und liebevoll in Szene. Die Ästhetik ist keine regionale, sondern eine internationale. Die Wüsten, Städte und Wälder durch die die beiden Freunde reisen, wirken farbenfroh und abwechslungsreich. Die Figuren haben durchweg einen hohen Wiedererkennungswert – vom schrulligsten Lummerland-Bewohner bis zum Halbdrachen Nepomuk.

Zwar sind die CGI- und Greenscreen-Effekte nicht überall optimal umgesetzt, doch im Vordergrund stehen ohnehin meist die beiden einnehmenden Hauptfiguren. Henning Baum erinnert in seiner Rolle an Filmlegende Bud Spencer. Über seine Figur Lukas sagt Baum im Interview mit dem Stern:

Er würde mir auf jeden Fall helfen, mein Motorrad zu reparieren. Das könnte der gut. Und danach würde ich ein Bierchen mit ihm zischen – und eine Pfeife rauchen. Ich finde, das ist ein guter Typ!

Wenig Germanisch: Humanismus für den Drachen

Das kann man sowohl von Schauspieler Baum, als auch von seinem Film-Kumpel, dem 12-Jährigen Briten Solomon Gordon, behaupten. Die Chemie zwischen den beiden stimmt, sowie Mehrwert und Tonalität des Familienfilms. Es gibt, ganz im Sinne des Autors, keine erzieherisch erhobenen Zeigefinger und letztendlich auch keine Schwarz-Weiß-Malerei. 

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Auch Piraten dürfen auf der Abenteuerreise nicht fehlen: die Wilde 13. © Warner Bros. Pictures

So findet Gansels Realverfilmung familiengerechte und verständliche Metaphern in vielen Film-Momenten, die sich nah an der Buchvorlage orientieren. So wird selbst das matheschwächste Kind dem Zahlen-Drachen Frau Mahlzahn Empathie entgegenbringen, kurz nachdem sie von Jim und Lukas überwältigt wird:

Wer einen Drachen überwinden kann, ohne ihn umzubringen, der hilft ihm, sich zu verwandeln. Niemand, der böse ist, ist dabei besonders glücklich, müsst ihr wissen. Und wir Drachen sind eigentlich nur so böse, damit jemand kommt und uns besiegt. Leider werden wir allerdings dabei meistens umgebracht. Aber wenn das nicht der Fall ist, so wie bei euch und mir, dann geschieht etwas sehr Wunderbares.

Ob Michael Ende Gansels Verfilmung wohl auch für etwas Wunderbares gehalten hätte? Lektor Hocke ist zuversichtlich, dass diese surreale Welt mit der epischen Stimmung den alten Freund erfreut hätte: „Ich kann mir vorstellen, er wäre zufrieden gewesen.“

Das dürfte Regisseur Dennis Gansel wie Öl heruntergehen. Der hatte noch, ähnlich wie Karoline Herfurth alias Die kleine Hexe in unserem Interview beteuert, wie Angst und Bange ihm gewesen sei, Millionen Menschen zu enttäuschen. Kulturgut verpflichtet eben, und das nicht zu knapp – egal ob realistisch oder fantastisch.

Ende pflegte zu sagen, dass die Bedeutung der Phantasie darin läge, den Dingen Sinn und Wert zu geben, dass das Magische an Büchern sei, dass sie die Wirklichkeit formen könnten. Er schrieb für das Kind im Erwachsenen und für das Erwachsene im Kind. Endes Freund Hocke versteht seine Geschichten als Entwurf, als Inspiration und als Vorschlag für die Gesellschaft zugleich. Letztendlich solle man sich nur eines fragen:

Wie wünscht man sich das Miteinander, wofür will man einstehen? Vielleicht ist ja mal eine erdachte Welt dabei, von der wir sagen: Die ist besser, so könnte es werden.

 

 

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Janna Fund
Autor(in): Janna Fund
Ob ihr's glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!
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