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Greta Gerwig am Set ©2018 Universal
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Frauen bei den Oscars 2018: Greta Gerwig

Zum fünften Mal in der Geschichte der Oscars hat eine Frau die Chance, den Preis für beste Regie zu gewinnen: Greta Gerwig ist für ihren Debütfilm Lady Bird nominiert. Gewonnen hat eine Frau bislang nur einmal. Grund genug, einen Blick auf Gerwig und die Rollen von Frauen bei der diesjährigen Oscar-Verleihung zu werfen.

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Greta Gerwig erinnert sich noch genau daran, wie Kathryn Bigelow 2010 als erste (und bislang einzige) Frau den Regie-Oscar für das Kriegsdrama The Hurt Locker gewann. Erst in diesem Moment wurde Gerwig klar:

Es gibt die Möglichkeit, einmal Regie zu führen. Auch für mich.

Greta Gerwig hat ihre Karriere stetig, aber unaufdringlich vorangetrieben. Nie hat sie auf Mainstream und sicheres Geld gesetzt. Stattdessen hat sie immer nach Gleichgesinnten gesucht und nach Projekten, in die sie viel von sich als Frau und Künstlerin einbringen durfte. Ihre Beharrlichkeit hat sich nun ausgezahlt. Neben der Kategorie “Beste Regie” ist sie am 4. März 2018 außerdem für “Bestes Drehbuch” nominiert. Am Sonntag wird sie also doppelt erwartungsvoll den roten Teppich des Dolby Theaters in Los Angeles entlang schreiten.

Frauen im Film Mudbound

Auch für Mary J. Blige könnte es ein großes Jahr werden. Die Soul-Diva hat ihre schillernden Roben und extravaganten Frisuren beiseite gelegt, um die Farmerin Florence Jackson im Film Mudbound (Regie Dee Rees) zu spielen. Nun ist sie als erste Künstlerin in zwei unterschiedlichen Kategorien gleichzeitig für einen Oscar nominiert wurde. Als “Beste Nebendarstellerin” und, ebenfalls für Mudbound, auch für den besten Song: Mighty River.

Ein weitere Frau, die gerade Rekorde bricht, ist Rachel Morrison, die in diesem Jahr als erste Frau jemals für “Beste Kamera” nominiert ist. Sie drehte das historische Drama Mudbound, das es seit August 2017 bereits bei Netflix zu sehen gibt und viel Kritikerlob erhalten hat. Morrisons Reise ist hier aber noch nicht zu Ende. Schließlich stand sie auch bei dem überaus erfolgreichen Marvelfilm Black Panther hinter der Kamera.

Greta Gerwig: von Mumblecore zu den Oscars

Zum Zeitpunkt von Bigelows Oscar war Greta Gerwig selbst noch am Anfang ihrer Karriere als Schauspielerin. Seit der Highschool hatte sie zwar selbst schon Theaterstücke und Filme geschrieben und umgesetzt, aber noch kannte man sie eher aus spröden Nebenrollen.

So zum Beispiel 2006 ihre Rolle der Greta im Film LOL (Regie Joe Swanberg), der in das Subgenre Mumblecore fällt. Es bezeichnet eine neue Variante von Independentfilmen, die mit wenig Budget versucht, größtmögliche Authentizität zu erzeugen. Mit Handkamera und loser Handlung nuscheln (Engl. “to mumble”) die Schauspieler ihre Dialoge eher beiläufig und improvisiert dahin. Das Resultat sind Filme, die fast dokumentarisch wirken, so nah sind sie am Leben und den Themen der Darsteller dran.

Vertreter des deutschen Mumblecore sind zum Beispiel Axel Ranisch und Jakob Lass.

Greta Gerwig in Frances Ha ©2013 MFA
Greta Gerwig in Frances Ha ©2013 MFA

Greta Gerwig sammelte zunächst als Schauspielerin weiter Erfahrungen in den stark kollaborativen Filmen der Mumblecore Brüder Jay und Mark Duplass (bekannt durch die HBO Serie Togetherness). Dann tastete sie sich zur Co-Autorin und Co-Regisseurin voran. Mit Joe Swanberg zusammen (Netflix Serie Easy) arbeitete sie beim Indiefilm Nights and Weekends zum ersten Mal auch als Autorin und Regisseurin. Und das war erst der Anfang.

Unschlagbares Duo: Greta Gerwig und Noah Baumbach

Kurze Zeit später lernte sie Autor und Regisseur Noah Baumbach kennen, der neben eigenen Filmen (Der Tintenfisch und der Wal) vor allem auch durch seinen Zusammenarbeit mit Wes Anderson für Der Fantastische Mr. Fox und Die Tiefseetaucher bekannt ist. Greta spielte nicht nur in Baumbachs Film Greenberg mit, sie schrieb mit ihm auch die Drehbücher zu Frances Ha und Misstress America. Und spielte die Hauptrollen. Seit 2011 sind die beiden auch privat ein Paar.

Greta Gerwig als Schauspielerin und Autorin zeichnet aus, dass sie sich immer treu bleibt. Sie schafft es stilsicher, mit ihrem melancholischen Grinsen genau ins Herz zu treffen. In ihren Filmen geht es scheinbar um Banalitäten: das Auf und Ab von Beziehungen und Erwachsenwerden, peinliche Missverständnisse, das Zerplatzen von Träumen. Doch ihr Blick auf das alltägliche Scheitern ist so genau und liebevoll, dass in jedem Detail eine viel größere Geschichte erzählt wird.

Jetzt hat Gerwig mit ihrem Regie-Debüt Lady Bird ihre komplett eigene Erfahrung ins Kino gebracht. Inspiriert von ihrer eigenen Jugend erzählt sie eine Coming-of-Age Geschichte im kleinstädtischen Sacramento. Da wo die erste Liebe unromantisch scheitert und die Mutter-Tochter-Beziehung sich endlos aufreibt, entfaltet sich das Porträt der unangepassten Protagonistin Lady Bird.

In Deutschland müssen wir uns leider noch bis zum Kinostart am 19. April 2018 gedulden.

Die Filmindustrie in Zahlen

Bei aller Vorfreude auf die Oscars muss man sich trotzdem fragen: warum gab es in der 90-jährigen Geschichte der Akademie nur eine Gewinnerin im Fach Regie? Und nie auch nur eine Kamerafrau?

Eine einfache Erklärung ist: man kann nicht gewinnen, wenn man nicht nominiert wird. Und man kann nicht nominiert werden, wenn man nicht arbeitet. Was auch für andere eher männlich dominierten Berufsfelder gilt, ist bei Berufsgruppen, die so viel öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, besonders schmerzlich.

Bei den Golden Globes im Januar wurde keine Frau in der Kategorie Regie nominiert, obwohl mit Dee Rees für Mudbound und Patty Jenkins für Wonder Woman durchaus Kandidatinnen vorhanden waren. Dass Wonder Woman trotz einem weltweiten Einspielergebnis von $821 Mio. auch von der Oscar-Kommission völlig ignoriert wurde, enttäuscht viele Fans.

Aber natürlich geht es nicht nur um goldene Trophäen. Es geht um Repräsentation. Die erfolgreichsten Hollywoodfilme in 2017 hatten nur zu 8% weibliche Regisseurinnen. Drehbuchautorinnen machten 10% aus, Kamerafrauen lagen bei 2%. Produzentinnen waren immerhin zu 24% als Hauptverantwortliche eingestellt. Cutterinnen gestalteten 14% aller Filme. In Deutschland sehen die Zahlen kaum anders aus.

Um die geringe Zahl an Kamerafrauen zu erklären, behaupten einige, dass es körperliche Stärke braucht, um die oft großen Kameras zu bewegen. Die Statistik zeichnet aber ein anderes Bild. Auch Berufe, in denen lediglich Tasten gedrückt werden, wie Drehbuch oder Schnitt, sind längst nicht proportional mit Frauen besetzt. Rachel Morrison sagt dazu:

Ich habe nie verstanden, warum es so wenige Frauen in der Kamerabteilung gibt. Beim Filmen braucht man so vieles, was Frauen leicht fallen: Multitasking, Empathie, Gefühle. Es geht bei der Bildgestaltung vor allem um Instinkt und Intuition.

Filmbilder sind Vorbilder

Die Erfolge von Filmen wie Wonder Woman und Black Panther sind kein Zufall. Es ist unübersehbar, wie wichtig es für Frauen und Mädchen ist, starke weibliche Vorbilder auf der großen Leinwand zu sehen. Es müssen auch nicht immer Superheldinnen sein. Frances McDormand als kauzige Mildred in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist genauso wichtig wie die bockig-melancholische Saoirse Ronan in Lady Bird. Zusammen mit Mudbound, Sally Hawkins in The Shape of Water und der tragischen Heldin Tonya Harding gibt es unten den Oscarfilmen viele eindrucksvolle Frauenfiguren. Hier zeigt sich, dass Vielfalt nicht gegen Erfolg an den Kinokassen spricht. Im Gegenteil.

Der Bechdel-Test

Um eine vielfältige, realistische und respektvolle Darstellung von Frauenfiguren zu garantieren, wurde sogar ein Test erfunden. Der sogenannte Bechdel-Test gibt jedem Zuschauer einfache Kriterien an die Hand, um festzustellen, ob Frauenfiguren realistisch dargestellt sind.

Dafür müssen nur drei Fragen positiv beantwortet werden:
– Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?
– Sprechen sie miteinander?
– Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Zusätzlich positiv wird bewertet, ob die Frauen im Film auch mit Namen benannt werden.

Das sollte doch ein machbares Ziel für alle Filmschaffenden sein. Dann könnten Projekte wie Ghostbusters (2016) und der anstehende Ocean’s 8, die mit einem komplett weiblichen Hauptcast aufwarten, auch für sich stehen und hätten nicht das fragwürdige Stigma eines “Frauenquotenfilms”.

Ein unterhaltsamer Beitrag zur Diskussion kommt von Produzent Ross Putman. Auf seinem Twitter-Account @femscriptintros veröffentlicht er die schlimmsten Beschreibungen von Frauenfiguren in Drehbüchern. Und mit jedem Eintrag wird klar, dass der Sexismus noch keinesfalls ausgestorben ist. Da ist noch Luft nach oben. Auch für die Darstellung von ethnischen oder queeren Minderheiten.

Wie stehen die Oscar-Chancen?

Als Publikumserfolg und Kritikerliebling hat Lady Bird bereits einen Golden Globe als beste Komödie abgeräumt. Grund genug also sich auch Hoffnungen auf einen Oscar zu machen? Die Konkurrenz am Sonntag ist hart. Ebenfalls für beste Regie nominiert sind Get Out, Dunkirk, Der Seidene Faden und The Shape of Water.

Mehr: Fakten, Favoriten und Fun Facts zu den Oscars 2018

Ein Oscar wäre für jeden der Nominierten eine unglaubliche Genugtuung. Sollte Gerwig allerdings gewinnen, wäre es außerdem noch eine politische Aussage. Sie wäre nicht nur die zweite Frau, die einen Oscar für Regie bekommt. Kathryn Bigelows Oscar war damals für ein Kriegsdrama, einem sehr männlichen Genre. Gerwigs Oscar wäre für einen unaufgeregten Independantfilm. Auch das eine Sensation.

Ähnlich große Wellen würde ein Regie-Oscar allerdings für den Debütfilm Get Out von Komiker Jordan Peele schlagen. Auch afro-amerikanische Regisseure wurde erst fünf Mal für einen Oscar nominiert. Gewonnen hat bislang keiner. Für Precious, 12 Years a Slave und Moonlight gab es lediglich Auszeichnungen als “Bester Film” oder “Bestes Drehbuch.”

Bei Rachel Morrison ist es eher fraglich, ob sie tatsächlich eine Chance auf die begehrte Trophäe hat. Begründete Hoffnungen macht sich nämlich vor allem Kameralegende Roger Deakins (Fargo, The Big Lebowski, Sicario, Skyfall). Vierzehn Mal hat er bereits eine Oscarnominierung erhalten. Ein Sieg war leider noch nicht dabei. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass er für seine herausragende Leistung in Blade Runner 2049 ausgezeichnet wird.

Egal, ob man sich eine durchwachte Nacht am Sonntag bei uns im Livestream gönnt oder am nächsten Tag die besten Dankesreden auf Youtube anschaut, Fakt ist: am Montag wird sich alles um die Gewinner des Oscar-Abends drehen. Mögen die besten gewinnen!

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Arbeitet als Autorin und Stand-Up Comedienne in Berlin. Mal in der Nachtschicht allein hinterm Laptop, mal allein auf der Bühne. Der Mix macht's. Die besten Filme und Serien sind deshalb auch die, wo Lachen und Weinen dicht beieinander liegen.

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