Genrenale Palast | © GENRENALE
Genrenale Poster | © GENRENALE
Genrenale Palast | © GENRENALE
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Aliens, Psychos und Monster made in Germany: Die Genrenale

Genrefilme aus Deutschland sind noch immer eine Seltenheit. Im Gespräch mit Genrenale-Gründer Paul Andexel geht es um das Festival sowie die Zukunft und Hoffnungen für das deutsche Genrekino.

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Die Berlinale und die Oscars 2018 liegen hinter uns. Etliche Filme aus aller Welt, spannende Diskussionen und interessante Talent-Veranstaltungen haben die letzten Wochen geprägt. Was dieses Jahr allerdings äußerst knapp ausfiel, war das Gegenprogramm: Die Genrenale.

Seit 2013 findet das Filmfestival im Februar parallel zur Berlinale statt und widmet sich ausschließlich Genrefilmen aus Deutschland. Dabei gewann die Genrenale über die Jahre immer mehr an Bekanntheit und wurde für viele ein fester Bestandteil der Filmfestival-Jahresplanung.

Dieses Jahr mussten die Fans allerdings auf die offizielle Genrenale verzichten. Stattdessen fand am 19.02. ein Special Screening von Schneeflöckchen statt, der bereits 2017 auf dem Festival für einen ausverkauften Saal gesorgt hatte.

Eine kurze Geschichte der Genrenale

Paul Andexel, einer der Gründer der Genrenale | © GENRENALE

Wie hat die Genrenale eigentlich angefangen? Im Interview mit QUADRATAUGE kommentierte Gründungsvater Paul Andexel:

Nachdem wir im ersten Jahr quasi unsere eigenen Filme und die Filme von ein paar Bekannten gezeigt haben, sind ziemlich schnell Leute auf uns zugekommen und haben uns ihre Filme geschickt. Und dann haben wir uns im Herbst 2013 dazu entschlossen: „Hey, lass uns doch eine offizielle Einreichung machen!“

Das Debüt lief erfolgreich und 2017 wurden bei der GENRENALE5 nach eigenen Angaben über 180 Filme eingereicht. Die große Anzahl ist auf das Alleinstellungsmerkmal des Festivals zurückzuführen: Neben der Genrenale gibt es hierzulande kein weiteres Festival, das sich explizit dem deutschen Genrefilm widmet.

Ein Blick in die Kinoprogramme lässt feststellen, dass Genre aus Deutschland in den letzten Jahrzehnten dort kaum eine Rolle gespielt hat. Dramen, Historienfilme und Komödien prägen die Filmbranche und international ist hauptsächlich erfolgreich, was deutsche Geschichte aufarbeitet.

Das Genrekino in Deutschland

Aktuelle Probleme

Keine Frage, viele dieser Produktionen sind von herausragender Qualität. Dennoch zeichnen sie ein eintöniges Bild der deutschen Filmlandschaft. Gerade jüngere Filmemacher wollen sich davon nicht aufhalten lassen. Die Chancen, in Deutschland einen Förderer für Genre-Projekte zu finden, sind aber nahezu unmöglich. Andexel erläuterte im Interview weiter:

Der Zuschauer ist durch jahrelange Abstinenz des deutschen Genrefilms absolut nicht gewohnt oder überhaupt nicht darauf konditioniert, dass Genre aus Deutschland heraus auf einem gewissen Qualitätslevel möglich ist. Wenn du 40 Jahre lang nichts machst und dann machst du halt 3 Jahre lang mal so 1-2 Filme, dann floppen die natürlich, weil der Zuschauer denkt: Naja, wir haben Blade Runner 2049 mit 150 Millionen Dollar Budget, da kann halt ein deutscher Science-Fiction-Film nicht mithalten – natürlich nicht.

Diese negative Einstellung überträgt sich dann aber natürlich auch auf die Förderer:

Die Branche sagt: Es gehen keine Zuschauer rein. Genrefilme aus Deutschland interessieren keine Zuschauer, die floppen immer. Das ist ein sehr zweischneidiges Schwert, diese Aussage. Wenn du natürlich wenig Geld in etwas steckst und wenig Aufmerksamkeit dadurch generierst, können die Leute auch nicht reingehen, weil sie auch nicht wissen, das es existiert. Das ist ein Henne-Ei-Problem.

Vom Expressionismus bis heute

Das Problem ist dabei besonders auf Deutschland beschränkt, was nicht zuletzt auch historisch bedingt ist. In den 1920er Jahren wurden im Rahmen des Expressionismus mit Filmen wie Metropolis und Nibelungen von Fritz Lang, Nosferatu von F.W. Murnau und Das Cabinet des Dr. Caligari von Robert Wiene Meisterwerke geschaffen, die das ganze Genre geprägt haben.

Nosferatu (1922) von F.W. Murnau gilt als Klassiker des deutschen Genrefilms | ©Films sans Frontières

Während des Nationalsozialismus flohen jedoch etliche Filmemacher ins Ausland. Politische, meinungsbeeinflussende Inhalte waren gefordert und die düsteren Fantasiewelten galten als “entartete Kunst”. Während es hierzulande zum Stillstand kam, entwickelte sich der Genrefilm weltweit weiter.

Im Nachkriegsdeutschland kam es dann zu einigen Versuchen, wie den Edgar Wallace und Karl May Verfilmungen. Durchsetzen konnten sie sich jedoch nicht und bis auf wenige Ausnahmen schlief der Genrefilm in Deutschland ein.

Die Gründung der Genrenale

Nicht so in anderen Ländern. Der Genrefilm hat in etlichen Ländern eigene Festivals und ist nicht nur auf diese beschränkt. Mit The Shape of Water gewann sogar ein Genrefilm den Oscar als Bester Film.

Im Vergleich dazu sieht es hier karg aus. Die hiesigen Filmpreise ignorieren die meisten Genrefilme geflissentlich. Kein Wunder, wenn die Filme es meist nur auf die Leinwände kleiner Arthouse- und Indie-Kinos schaffen.

Wie viele junge Filmemacher hierzulande mit Genrefilmen nicht weiter kamen, wird nie vollständig geklärt werden. Paul Andexel erzählt jedoch eine sehr vertraut klingende Geschichte:

Krystof [Zlatnik, der zweite Gründungsvater der Genrenale, Anm. d. Red.] und ich, wir sind beide junge Filmemacher, die auch selber die gewisse Form von Filme machen wollten, mit der wir aufgewachsen sind. Wir sind beide 80er Jahrgang und uns fehlte einfach eine gewisse Farbe in Deutschland. Wir haben selber Genrefilme gemacht und waren mit diesen oft unterwegs und wir haben auch gemerkt, dass die im Ausland richtig gut ankamen, aber in Deutschland hat sich keine Sau so richtig dafür interessiert. Und immer, wenn man mal in Deutschland auf Festivals war, mit so einem komischen Blick angeschaut wurde: Ach guck mal, da sind die mit dem Horrorfilm. Und da hatten wir einfach keine Lust drauf.

Entsprechend keimte in ihnen die Idee, ein eigenes Filmfestival zu gründen, dass sich besonders auf den Genrefilm spezialisiert.

Wir wollten ein Festival machen, wo man die Filme, die du sonst in Deutschland nirgendwo zu sehen bekommst, auch mal sehen kann und vor allem, wo einer Gruppe von Menschen und Interessierten eine Plattform gegeben wird, die ehrlich, respektvoll und authentisch mit der Thematik umgeht und nicht einfach nur ein Programmblock in einem großen Programmblock ist.

Der Genrenale Palast im Kino Babylon | © GENRENALE

Eine kurze Atempause

Für dieses Jahr pausiert die Genrenale jedoch. Der Zeitaufwand war für Andexel und Zlatnik dieses Jahr zu viel. Vier bis fünf Monate investieren die beiden jährlich in das Festival, während sie sich zusätzlich auch um ihre Jobs und Familien kümmern müssen. Gleichzeitig verdienen sie nichts an der Genrenale, sondern zahlen eher zusätzlich drauf.

Chris und ich haben uns letztes Jahr dazu entschlossen da einfach mal ne Pause einzulegen, weil nach 5 Jahren haben wir uns gesagt, hey lass doch gucken, dass wir aus unserem gewohnten Trott ausbrechen. […] Wir machen mal ein Jahr Pause und nutzen dieses Jahr aber auch dafür, um einfach mal den Gedanken und das Konzept der Genrenale so ein bisschen neu zu denken und ein bisschen zu überlegen, wie man das auf solidere Füße stellen kann, sowohl aus Team-Sicht, als auch aus Finanzierungs-Sicht.

Dabei werden sie dieses Jahr auch nicht nichts machen. Wie bereits das Special Screening während der Berlinale, sind weitere kleine Veranstaltungen vorgesehen.

Wir werden sicherlich wieder auf das Filmfest München fahren und da irgendwie eine kleine Party organisieren und vielleicht einen Filmblock. Aber so das man sagt GENRENALE6, wo man wirklich die Zahl dahinter setzt, das werden wir wahrscheinlich eher wieder im nächsten Jahr machen.

Entwicklungen und Hoffnungen

Währenddessen geht es mit dem Genrefilm in Deutschland langsam aber stetig bergauf. Mit den Streaming-Anbietern sind neue einflussreiche Unternehmen auf den Markt gekommen, die Wert auf lokale Produktionen legen. Während Amazon Prime mit You Are Wanted auf wenig Begeisterung gestoßen ist, legte Netflix 2017 mit der Mystery-Serie Dark die deutsche Antwort auf Stranger Things vor, die national und international positive Stimmen erhielt.

Ob das zu einer dauerhafte Entwicklung wird, bleibt abzuwarten. Andexel hofft jedoch, dass die Genrenale einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu leisten wird:

Wir sehen uns da in der Pflicht und Verantwortung, den Beweis anzutreten […] und da ist natürlich die Hoffnung, dass sich das weiter ausbaut, das da eine gewisse Selbstverständlichkeit dazu kommt: Hey Genre aus Deutschland ist möglich, guck dir die Genrenale an, die Genrenale steht dafür, die Genrenale kämpft dafür! Und das natürlich langfristig auch Stoffe entstehen. Das Filme entstehen, das Serien entstehen. Und das vielleicht langfristig irgendwie ein offizieller Genretopf entsteht. So dass man auch weiß, da und da geht man hin, wenn man einen Genrefilm finanziert haben möchte.

Die Genrenale Awards | © GENRENALE

Die Größe der Aufgabe ist ihm jedoch bewusst:

Das ist ein langjähriger Kampf. Ich sage immer humoristisch: Das wird mein Lebenswerk sein und vielleicht bekomme ich auch irgendwann einen Preis dafür. Sowas wie: Sein Lebenswerk bestand darin, dem deutschen Genrefilm ein Plattform zu geben. Ich hoffe es natürlich und wenn man schaut, was in den letzten Jahren passiert ist oder jetzt auch aktuell passiert: Es entsteht ja irgendwas. Egal ob Sky jetzt eine Horror-Serie mit einem von unseren Wegbegleitern, Till Kleinert, macht, oder auch Dark.

Genre kennt keine Grenzen

Das Wissen über den deutschen Genrefilm ein bisschen fester in den Köpfen der Menschen zu verankern, hat sich die Genrenale als Aufgabe gesetzt.

Genre ist eine weltweit gesprochene Sprache. Jeder versteht weltweit, was ein Horrorfilm, ein Thriller, ein Science-Fiction-Film ist und welche Komponenten da hineinspielen. Nur wir Deutschen sind die wenigen, die diese Sprache nicht sprechen können und auch nicht lernen wollen, weil sie der Meinung sind, dass die Sprache nicht wichtig genug ist. Und so sieht sich die Genrenale auch ein bisschen als Wegbegleiter zu einem Sprachkurs.

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Clara Grunwald
Autor(in): Clara Grunwald
Ich lebe als freie Autorin und Cutterin in Würzburg, wo ich meinen Freunden nun seltener mit ewigen Filmdiskussionen auf die Nerven gehen muss - dafür hab ich ja jetzt euch. Neben Schreiben und Filmen jongliere ich noch mein Jura-Studium und sowas wie ein Sozialleben.

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