© Sky/ Eirik Evjen
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Skys Der Grenzgänger: Scandi Noir mit Stilbruch

Die Scandi Noir-Serie der Grenzgänger gilt als eines der größeren TV-Highlights des Jahres. Im Zuge unseres Themenspecials zum Scandi Noir-Genre, erklären wir dir, was die Sky Original Production zu einem gekonnten Stilbruch macht, der überrascht.

Ein sehr seelengespaltenes Völkchen müssen sie sein, die Skandinavier. Einerseits stehen sie für kuschligen Hygge-Lifestyle, Modernität, geschmackvolles Design und das Einssein mit der Natur – soweit das skandinavische Jekyll-Image. Doch da gibt es auch eine dunkle Seite: die bauweißgestreifte Hyde-Variante, den Scandi Noir. In aller Öffentlichkeit gibt man sich dort gerne als mordlustigstes, eigenbrötlerischstes und scheinidyllischstes Völkchen Europas – zumindest bis der Fernseher wieder aus ist.

Der Grenzgänger: Weg vom Klischee-Ermittler

Auch die brandneue Scandi Noir-Serie Der Grenzgänger macht hier keine Ausnahme: Ein übergewichtiger Mann, erhängt an einem Baum, treibt bis zum Bauch im Wasser eines norwegischen Sees – mausetot und aufgedunsen im Nebel. Eine Wunde im Gesicht bringt Ermittler Nicolai Andreassen auf den Plan: Was nach Selbstmord aussieht, war keiner.

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Ein sicherer Einstieg in der Tradition von Stieg Larsson, Henning Mankell und Arne Dahl. Auch die ermittelnde Hauptfigur – nordisch by nature – steht seinen Vorgängern in nichts nach. Andreassen gibt sich auf den ersten Blick als einsamer Wolf. Doch gerade als seine Verschlossenheit und sein Mangel an expressiver Mimik ihn schon fast im mittlerweile abgegriffenen Stereotyp versinken lassen wollen – halt: Andreassen ist schwul und liebt es, mit den Kindern seines Bruders Lars zu Fangen spielen.

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Kollegin Anniken (Ellen Dorit Petersen) ahnt, dass Ermittler Andreassen seinen Bruder deckt | © Sky/ Eirik Evjen

Elegant am skandinavischen Klischee-Ermittler vorbeigeschrammt, macht es vorerst umso mehr Spaß, dem norwegischen Schauspieler Tobias Santelmann bei den Ermittlungen zuzusehen. Der 37-Jährige dürfte seit seinen Auftritten in internationalen Serienerfolgen wie Homeland (2015), Hercules (2014) oder Marcella (2016) auch in Der Grenzgänger das internationale Publikum anziehen.

Im Kinofilm Kon-Tiki (2012) mimte er bereits einen norwegischen Extremabenteurer, in The Last Kingdom (2015) einen ungestümen Wikinger. Dass er mit seiner Rolle des Nicolai Andreassen nun fester Bestandteil des Scandi Noir-Genres wird, gefällt Santelmann: „Es ist toll, Teil dieser Bewegung zu sein. (…) Und es fühlt sich gut an, dass Leute auf der ganzen Welt auf Skandinavien schauen“, betont er in einem Interview.

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Zwischen Blutsverwandschaft und Berufsehre

Zwar wird Santelmanns Ermittler Andreassen nicht von der ganzen Welt beobachtet, dafür aber umso wachsamer von seiner Polizeikollegin Anniken (Ellen Dorrit Petersen). Als Andreassen herausfindet, dass seine eigene Familie, allen vorweg sein Bruder Lars (Benjamin Helstad), in den Mord des Trunkenbolds Tommy verwickelt ist, geht es mit den Moralvorstellungen des prinzipientreuen Polizisten rapide bergab. Da werden plötzlich Beweise gefälscht, Falschaussagen gemacht und heraufbeschworen. Was tut man nicht alles für die bucklige Verwandtschaft, selbst, wenn sie mit einem Bein im Gefängnis steht.

Der charismatische Santelmann, Kollegin Anniken, gespielt von Ellen Dorrit Petersen, sowie Bruder Lars (Benjamin Helstadt) tragen und treiben die Handlung auf persönlicherer Ebene voran, als beim Scandi Noir üblich. Eins wird schnell klar: Im Zentrum des Drehbuchs steht das Familiendrama, nicht der Mord. Gelegentlich fühlt sich der Zuschauer übergeordnet an die Themen von Ferdinand von Schirachs Terror, das bereits als TV-Experiment für das Erste verfilmt wurde, erinnert.

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Andreassens Bruder Lars (Benjamin Helstad) hat Dreck am Stecken | © Sky/ Eirik Evjen

Im Mittelpunkt beider Formate steht die Frage: Bis wohin gelten Gesetze, der Staat, die Vernunft, wenn es erst mal um die eigene Familie geht? Was der Film so packend wie dramatisch in Szene setzte, gelingt dem Grenzgänger leider nicht immer. Andreassen kämpft hin und wieder entweder zu wenig oder zu still mit sich und seiner Zwickmühle.  Die Entscheidung, seinen Bruder nach seinem Geständnis zu decken, kommt scheinbar aus dem Nichts. Und schon im nächsten Augenblick steht der ach so prinzipientreue Polizist bereits in der Pathologie, um Blut für einen falschen Beweis abzuzapfen. Beim Hadern, Abwägen und Entscheiden wird das Publikum zu oft außen vor gelassen. Der kritischste Knackpunkt der Serie, bei dem bisweilen viel Potenzial verschenkt wird.

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Düstere Seelen in Hochglanzbildern

Der Grenzgänger kann nicht mit raschen Spannungsbögen auffahren, ist im Kern mehr Familiendrama als Psychokrimi und weniger unterkühlt als ein klassischer Scandi Noir – ein Twist, der möglicherweise nicht jedem gefallen wird. Mehr Mensch und Moral statt Thrill und Action. Gerade das steht der Serie allerdings gut zu Gesicht.

Abgesehen von den leicht verlagerten thematischen Schwerpunkten ging Produzentin Sigrid Strohmann (Millenium-Trilogie nach Stieg Larsson, Die Brücke – Transit in den Tod) bei der nächsten Sky Original Production nach Babylon Berlin allerdings auf Nummer sicher. Die Erzählstruktur bleibt geradlinig und direkt, ebenso wie die Kamera. Auch die übrigen Themen lesen sich wie aus dem Scandi Noir-Lehrbuch: Vereinsamung, Drogenhandel, gesellschaftliche Zipperlein und Verfehlungen, allerdings schön gebrochen vom Coming-Out des coolen Ermittlers. Alle Figuren fungieren meist auf den zweiten Blick als Repräsentation einer weiteren menschlichen Untugend.

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Wer zu viel trinkt, segnet im Scandi Noir häufig schnell das Zeitliche | © Sky/ Eirik Evjen

Der Grenzgänger versteht es außerdem, mit ansprechender Scandi Noir-Ästhetik zu punkten, nicht zuletzt dank Filter: Demnach ist die Seele der Serie genauso dunkel und anthrazitblau wie Andreassens stylischer Parker. Auch Wälder und die moderne Architektur Oslos werden ganz nach Genre-Tradition und darüber hinaus visuell anspruchsvoll und hochwertig in Szene gesetzt. Bei der Musik bewies man Feingefühl und Mut zugleich – mal braucht es klassische, mal synthetische Sounds, zum Glück aber nie zu viel davon.

Skys Der Grenzgänger gibt solide Genre-Kost für Scandi Noir-Fans mit einem ungewöhnlicheren Familienschwerpunkt ab. Hin und wieder bleiben die inneren Prozesse der Hauptfigur dabei ein wenig auf der Strecke. Dafür interessieren die familiären Verstrickungen, die charismatischen Hauptdarsteller und die hochwertige düstere Ästhetik umso mehr – selbst wenn die nur zur medialen Imagination gehört. Denn so düster geht es den Menschen in Skandinaviern eben eigentlich nicht. Santelmann erklärt die gespaltene Seele der Nordmenschen und die Begründung des Scandi Noir in einem Interview so:

Unsere Städte führen regelmäßig auf den Zufriedenheits-Rankings, wo die Menschen besonders glücklich sind. Serien über Leute zu drehen, die alles haben und die mit ihrem Leben zufrieden sind, wären sicher nicht besonders aufregend. Wir müssen dem einfach etwas entgegensetzen. Und das ist vermutlich das Dunkle in unseren Serien und Filmen.

Ermittler Andreassens Seele ist unumstritten dunkel genug geraten, um dem Genre alle Ehre zu machen – so viel steht fest.

Den som sig i leken ger, får leken tåla – wer mitspielt, muss das Spiel vertragen, das besagt ein altes skandinavisches Sprichtwort. Interessant wird es vor dem Fernseher ehrlicherweise erst dann, wenn es jemand so entschieden nicht verträgt, wie der Grenzgänger.

Der Grenzgänger läuft ab dem 6. April 2018 immer freitags um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic HD. Parallel ist die Serie auch auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket verfügbar. Die erste Folge stellt Sky außerdem als Stream kostenlos zur Verfügung.

 

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Janna Fund
Autor(in): Janna Fund
Ob ihr's glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!

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