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The Cloverfield Paradox ©Netflix
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The Cloverfield Paradox: Wie J.J. Abrams das Sci-Fi-Genre rettet

Der Hype-Zug ist angerollt und hat den Bahnhof verlassen. Netflix hat nach dem Super Bowl The Cloverfield Paradox, den dritten Teil der Reihe, auf seiner Plattform veröffentlicht. Einfach so. Wie hat es J.J. Abrams geschafft , eines der innovativsten Universen der jüngeren Filmgeschichte zu erschaffen?

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Wenn einer das Internet und die Mechanismen der Fan- und Nerdkultur verstanden hat, dann ist es wohl J.J. Abrams. Der Reanimator von Star Trek und Star Wars kontrolliert die Hype-Maschinerie spätestens, seit Lost im Jahr 2004 startete. Die von ihm und seiner Firma Bad Robot produzierte Serie hielt auch während der Staffelpausen die Fans durch virale Schnitzeljagden und offene Fragen (Wo ist die Insel? Wer sind die Anderen?) bei Laune.

Mit dem Cloverfield-Franchise perfektioniert er das Mysterienspiel und geriert sich als Zeremonienmeister der Internetkultur. Abrams setzt mit The Cloverfield Paradox an, den Trick seiner ersten beiden Monsterfilme zu wiederholen. Er scheitert dabei zwar gnadenlos an seinem Drehbuch und an Netflix – rettet das Sci-Fi-Genre aber trotzdem.

Schnitzeljagd durchs Internet

Die Überraschungsveröffentlichung im Rahmen des Super Bowl ist nur der nächste Schritt einer konsequent weiterentwickelten Hype-Maschine. Cloverfield von 2008 startete schon Monate vor dem Kinostart eine ausgeklügelte Marketingkampagne in Form eines Alternate Reality Games (ARG). Dabei wurden Hintergrundinformationen, Teaser und andere Schnipsel zu dem Film auf geheimen Webseiten veröffentlicht. Fans konnten über Monate gemeinsam rätseln, was die mysteriösen Websites und Info-Schnipsel zu bedeuten hatten.

Es zahlte sich aus: Cloverfield startete in den USA mit einem Einspielergebnis von umgerechnet 46 Millionen Euro – bei Produktionskosten von 20 Millionen Euro und ohne Zugehörigkeit zu einer etablierten Marke ein voller Erfolg. Die Fortsetzung 10 Cloverfield Lane startete 2016 nach einer ebenso geheimen Viral-Kampagne. Diesmal nur einen Monat nach der offiziellen Ankündigung.

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Mystery im Bunker: 10 Cloverfield Lane ©Paramount

The Cloverfield Paradox wurde diesmal sogar noch am selben Tag der Ankündigung auf Netflix veröffentlicht und pfiff damit auf alle Vermarktungskonventionen. Den Spot während des Super Bowls sahen potenziell 103 Millionen Menschen. Der Stunt ist geglückt: The Cloverfield Paradox ist in aller Munde.

Die Netflixisierung der Filmlandschaft

Für Netflix ist die exklusive Veröffentlichung ebenfalls ein riesiger Coup. Zuschauerzahlen behält der Streaming-Dienst für sich, wodurch er sich ganz auf dem Social-Media-Hype ausruhen kann. In den kommenden Wochen starten mit Duncan Jones‘ Mute und Alex Garlands Auslöschung zwei weitere Sci-Fi-Filme, die ursprünglich fürs Kino produziert wurden.

 

Darüber hinaus buhlen Serienformate wie The Expanse oder Altered Carbon um die Gunst des geneigten Sci-Fi-Afficionados. Das Kino, so scheint es, ist nur noch für große Franchises reserviert. Die filmischen Universen von Marvel und DC dominieren die Leinwand. Daneben gibt es das Fast-and-Furious-Franchise, J. K. Rowling’s Wizarding World, Disneys Realverfilmungen alter Disney-Klassiker, das sogenannte MonsterVerse um King Kong und Godzilla und noch einige mehr. Wenn wir immer mehr darauf konditioniert werden, dass sich nur noch Filme mit Riesenbudget für einen Kinogang lohnen, ist das eine bedenkliche Entwicklung.

Die Geburt des Cloververse

Die Cloverfield-Reihe war da bisher ein begrüßenswerter Underdog. Sie basiert auf keiner bekannten Marke und kommt mit vergleichsweise geringem Budget aus. Produzent J.J. Abrams setzt zudem auf eine eher ungewöhnliche Strategie zur Drehbuchentwicklung.

Die Cloverfield-Filme verbindet eine gemeinsame Mythologie, die allerdings nie eindeutig erklärt wird. Schauplatz, Charaktere und Handlungszeit unterscheiden sich komplett von Film zu Film. Es ist ein Anthologieformat, das man sonst eher im Fernsehen vermutet. Siehe: Black Mirror, Fargo und American Horror Story.

Als 10 Cloverfield Lane 2016 in die Kinos kam, stand vor allem eine Frage im Raum: Was hat dieser Bunkerthriller mit dem Found-Footage-Monsterfilm von 2008 zu tun? Der Trailer versprach ein beklemmendes Kammerspiel mit John Goodman, der eine junge Frau kidnappt und in seinen Bunken sperrt, da angeblich das Ende der Welt naht. Erst die letzten Minuten machten klar, was die beiden Filme verbindet.

The Cloverfield Paradox handelt wiederum von einer Crew auf einer Raumstation in der nicht all zu fernen Zukunft. Ein enormer Teilchenbeschleuniger soll neue Energie für die Erde produzieren, deren Reserven langsam zu Ende gehen. Die Mission gerät in Gefahr als der Beschleuniger das Raum-Zeit-Kontinuum beschädigt. Mit Monstern hat diese Prämisse vordergründig ebenfalls nichts zu tun.

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Mystery auf einer Raumstation: The Cloverfield Paradox ©Netflix

J.J. Abrams hat so die Freiheit, auf den riesigen Papierbergen von Drehbüchern nach jenen Stoffen zu suchen, die am besten unter den Oberbegriff „Cloverfield” passen und sie entsprechend anzupassen. Wie 10 Cloverfield Lane-Regisseur Dan Trachtenberg gegenüber Slashfilm erklärte, kaufte Bad Robot ein Drehbuch mit dem Titel The Cellar, das von La La Lands Damien Chazelle noch einmal überarbeitet wurde, um es ins Cloverfield-Universum einzugliedern.

Die Entstehungsgeschichte dieses Films ist ähnlich. Oren Uziel schrieb das Drehbuch mit dem Titel God Particle ohne einen Auftrag, lange bevor es ein Cloververse gab. Nachdem das Skript jahrelang die Runde durch Hollywood gemacht hatte ohne ein Studio zu finden, kam J.J. Abrams zur Rettung. Uziel beschreibt gegenüber Collider die Entstehungsgeschichte:

Ich weiß nicht genau, wann es ein Cloverfield-Filme wurde. In der heutigen Zeit wird es einfach immer schwerer einen originären Film, besonders wenn es Sci-Fi ist, zu vermarkten. Jeder [bei Bad Robot] wusste, dass wenn der Film in die Cloverfield-Welt passt – und das tut er – er auch aufgenommen werden sollte. Es kann ihm nur helfen.

Die enttäuschende Botschaft: The Cloverfield Paradox liefert weniger Antworten auf die Monstermythologie als gehofft. Im Kern sind die Filme eigenständige Sci-Fi-Geschichten, die irgendwann im Produktionsprozess den Cloverfield-Stempel bekamen. Das merkt man ihnen auch an.

10 Cloverfield Lane hatte den Vorteil, auch ohne die Cloverfield-Wendung am Ende gut  zu funktionieren. The Cloverfield Paradox verfällt dagegen in Sci-Fi-Versatzstücke. Oft erinnert er an Alien, dann wieder an The Thing oder Event Horizon, sieht dabei aber aus wie direkt aus der Direct-to-DVD-Grabbelkiste.

Der Eindruck von Netflix als Ort, wo Verleiher schlechte Filme ausrangieren, kommt nicht von ungefähr. Test-Vorführungen von The Cloverfield Paradox sowie Garlands Auslöschung sollen so schlecht ausgefallen sein, dass Verleiher ein Kinostart als zu riskant einschätzten.

Die einzig gute Nachricht: Unter der Cloverfield-Marke haben kleinere bis mittlere Sci-Fi-Filme eine große Chance, weiterhin produziert zu werden und auch auf Interesse zu stoßen. Für jedes mittelmäßige The Cloverfield Paradox gibt es vielleicht ein fantastisches 10 Cloverfield Lane. Der nächste Clover-Film steht schon und soll im Zweiten Weltkrieg spielen. Dass es solche Filme gibt, ist vielleicht J.J. Abrams größter Verdienst.

 

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Juliane Görsch
Autor(in): Juliane Görsch
Mit Animes im Nachmittagsprogramm von RTL II fing damals alles an. Seitdem lassen mich Filme, Serien und Popkultur nicht mehr los. Als Journalistin habe ich über Wissenschaft, Digitales und Nerdkram geschrieben. Bei Quadratauge kehre zu meinen Film-Wurzeln zurück.

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