© 2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
Call Me By Your Name ©2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH
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Kino

Call Me By Your Name: Warm wie die Sonne Italiens

Luca Guadagninos Romanadaption Call Me By Your Name ist ein bittersüßer und wunderschöner Film über die erste Liebe und die Entdeckung der eigenen Sexualität. Unser Urteil: Ein Coming-of-Age-Film, wie es ihn selten gibt. 

Call Me By Your Name ist für vier Oscars nominiert, woran man erkennt, dass hier alle Elemente stimmig ineinander greifen: Bester Film, Bester Hauptdarsteller, Bestes adaptierte Drehbuch, Bester Song. Regisseur Luca Guadagnino bleibt zwar auf den ersten Blick seinem Lieblingsthema treu: Liebeswirrungen vor paradiesischer Kulisse. Call Me By Your Name fügt sich da allerdings nur auf den ersten Blick ein.

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In seinem letzten Film, A Bigger Splash, schickte er vier Menschen in ein wunderschönes italienisches Ferienhaus. Vor der sommerlichen Kulisse entwickelte sich ein sinnliches und hypnotisierendes Beziehungsgeflecht, das bis zum Äußersten eskalierte. Im Unterschied dazu oder Guadagninos vorletztem Film, I Am Love, zeichnet das Drehbuch des 89-jährigen James Ivory (Was vom Tage übrig blieb) ein weniger eskalierendes Bild von Liebe und Anziehung. Der Film ist nicht ohne Tragik, entlässt den Zuschauer aber hoffnungsvoll.

Im Kern ist Call Me By Your Name ein Film über die erste Liebe. Eine klassische Sommerliebe, wie sie schon andere Coming-of-Age-Filme erzählten. Man denke an den großartigen Indie-Film The Spectacular Now, in dem sich Miles Teller und Shailene Woodley während des letzten High-School-Jahres verlieben. Oder Klassiker wie Die Reifeprüfung oder Dirty Dancing. Anders als bei den genannten Filmen dreht sich die Geschichte aber um zwei Charaktere, die zufällig Männer sind.

…And I’ll Call You By Mine

Jedes Jahr lädt der Ärchäologieprofessor (Michael Stuhlbarg) und Vater des 17-jährigen Elio (Timothée Chalamet) einen seiner vielversprechenden Studenten auf seinen Landsitz in Italien ein. Im Jahr 1983 soll ihm der 24-jähriger Oliver (Armie Hammer) bei seiner Forschung assistieren. Er ist groß, blond und sehr amerikanisch. Elio kennt das Spiel. Er räumt sein Zimmer frei, damit der Gast für die nächsten 6 Wochen ein Bett zum Schlafen hat. Elio ist höflich, aber zunächst nicht sonderlich interessiert an Small Talk. Der Teenager verbringt seine Zeit lieber mit Marzia, einem Mädchen aus dem Dorf, lesen und Klavier spielen.

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Die Begrüßung zwischen Elio und Oliver ist noch distanziert ©2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Über eine Laufzeit von 2 Stunden und 12 Minuten lässt der Film seine beiden Protagonisten aufeinander zugehen. Oder besser: umeinander herumtänzeln. Dabei bleibt die Kamera immer nah bei Elio, folgt seinen Blicken, fängt seine Reaktionen ein. Es bedarf keiner Worte: Elio fühlt sich von dem selbstbewussten Oliver angezogen. Und irgendwann wird klar, dass auch Oliver von Elio und seinem musischen Talenten und seiner Intelligenz elektrisiert ist. Bis sich die beiden endlich näher kommen, findet sich der Zuschauer in einer Schwebe aus Spannung und Ungewissheit. Ein Gefühl, für das die Genrebezeichnung „Supense” erfunden wurde.

Irgendwo in Norditalien

Nicht zuletzt wegen der Abgeschiedenheit des Schauplatzes ist Call Me By Your Name ein zeitloser Film. Er ist wie eine Insel inmitten politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen, von denen Elio und Oliver ausgenommen sind. Der Film beginnt mit der Einblendung „Irgendwo in Norditalien”, was das Gefühl der Ort- und Zeitlosigkeit noch verstärkt. Call Me By Your Name wird so zu einem der wenigen Mainstream-Filme seiner Art, in dem es nicht um ein Coming-Out, AIDS oder gesellschaftliche oder politische Diskriminierung geht. Anders als beim Oscar-Gewinner vom letzten Jahr, Moonlight, oder Brokeback Mountain ist der Schmerz von Elio universell und nicht der Zeit geschuldet.

Stattdessen wird die Endlichkeit des Sommers zum Antagonisten. Elio und Oliver wissen, dass ihre Romanze ein Ablaufdatum hat. Elio muss bei seinen Eltern in Italien bleiben, während Oliver in sein Leben in den USA zurückkehren wird. Was für den 17-Jährigen das erste gebrochene Herz bedeutet, ist für Oliver wahrscheinlich nur eine Sommeraffäre. Eine Fortsetzung des Films ist allerdings schon bestätigt, sodass sich die beiden sicherlich noch einmal begegnen werden.

Oscarwürdige Darstellung

Call Me By Your Name ist bis in die Nebenrollen perfekt besetzt ist. Elios Vater wird von Michael Stuhlbarg verkörpert, der in diesem Jahr in noch zwei weiteren Oscarfilm zu sehen ist: The Shape of Water und Die Verlegerin. Unsere Kritik zu The Shape of Water zeigt das Märchen als großen Konkurrent für Call Me By Your Name.

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Professor Perlman (Michael Stuhlbarg) in seinem Arbeitszimmer ©2017 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

In der wahrscheinlich einprägsamsten Szene des Films gibt sein Professor Perlman einem aufgebrachten Elio einen väterlichen Rat. Es sind Worte, mit denen jeder, dessen Herz schon einmal gebrochen wurde, mitfühlen dürfte. Was leicht zu pathetisch oder kitschig hätte werden können, bringt Stuhlbarg weise, zerbrechlich und tröstend auf den Punkt.

Timothée Chalamet – auch im Oscarfilm Ladybird zu sehen – wird von der Presse schon als einmaliges Talent seiner Generation gefeiert. Ob man mit diesem Superlativ mitgehen will, sei jedem selbst überlassen. Seine Darstellung des Elio ist selbstbewusst und unsicher zugleich, die letzten vier Minuten des Films, in denen die Kamera direkt auf sein Gesicht hält oscarverdächtig. Armie Hammer, der eigentlich aussieht wie der nächste generische Marvel-Held, ist hier ebenfalls perfekt besetzt. Die Vorstellung, dass ursprünglich Shia LaBeouf für seine Rolle vorgesehen war, ist kaum vorstellbar. Sein Oliver entwickelt sich vom coolen und arroganter Gast, dann zum Objekt von Elios Begierde und schließlich verletzlichen Menschen.

So herzzerbrechend einige Szenen sind, so optimistisch, verträumt und warmherzig ist er auch. Oft werden Eltern in Coming-of-Age-Filmen als Störfaktor dargestellt, manchmal sogar als Antagonisten. Hier, in der italienischen Idylle, versorgen sie Elio mit bedingungslosem Halt. Sexualität, Liebe und Herzschmerz, so argumentiert der Film, gehören untrennbar zusammen. Und genau so muss es auch sein.

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Juliane Görsch
Autor(in): Juliane Görsch
Mit Animes im Nachmittagsprogramm von RTL II fing damals alles an. Seitdem lassen mich Filme, Serien und Popkultur nicht mehr los. Als Journalistin habe ich über Wissenschaft, Digitales und Nerdkram geschrieben. Bei Quadratauge kehre zu meinen Film-Wurzeln zurück.

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