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Black Mirror: Die Serie, die in die Zukunft sehen kann

Die britische SciFi-Serie Black Mirror dreht sich um Technik und wie sie sich in Zukunft negativ weiterentwickeln könnte. Besonders unheimlich: Vieles davon ist heute bereits Realität.

Black Mirror ist eine Anthologie-Serie. Das bedeutet, wir folgen keiner zusammenhängenden Geschichte oder immer den gleichen Figuren, sondern erleben in bisher vier Staffeln jede Episode eine völlig neue Handlung. Nur eines haben die etwa eine Stunde bis anderthalb Stunden langen Folgen gemeinsam: Sie alle widmen sich dem Thema Technologie.

Oder eher ihren Risiken. Denn Black Mirror zeigt uns, inwieweit und vor allem wie schnell etwas eskalieren kann, das heute harmloser Teil unseres Alltags ist. KIs und Robotern mag man als normaler Technik-Konsument ja vielleicht noch skeptisch gegenüberstehen. Aber was ist mit Social Media? Mit Bewertungssystemen oder Augmented Reality?

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Doch Black Mirror zeichnet nicht nur ein erschreckendes Bild unserer Zukunft. Die Serie zeigt auch, dass schon jetzt viel schief läuft. Was wir sehen, ist keine Sci-Fi-Zukunftsmusik rund um Raumschiffe oder spektakuläre Erfindungen. Vieles kommt uns überhaupt nicht absurd vor, sondern mehr wie eine logische Weiterentwicklung unserer Gegenwart.

Wir kennen es bereits, weil es schon real ist. Seit der Erstaustrahlung 2011 hat sich in der Welt viel geändert. Unser Artikel erklärt, was Black Mirror erfolgreich vorausgesagt hat. Dabei nehmen wir die grundsätzlichen Themen der genannten Episoden vorweg, vermeiden aber direkte Spoiler zur Handlung.

Bewertung statt Wert

Staffel 3, Episode 1 – „Nosedive“: Der Auftakt zur dritten Staffel zeigt uns eine Welt, in der jeder exakt so viel Wert ist wie seine Bewertung. Hier müssen sich nicht Online-Produkte, Restaurants oder Hotels dem knallharten Sterne-Feedback stellen, sondern Menschen. Je nachdem, wie hoch der eigene Status ist, wird man auch behandelt. Eine niedrige Bewertung macht nicht nur unbeliebt und schließt aus der Gesellschaft aus, sie sorgt auch für aktive Nachteile.

Man darf nicht in bestimmten Gebäuden wohnen, wird bei der Autovermietung mit einem Uraltmodell abgespeist und leider kann nicht mal eben ein neuer Flug gebucht werden, wenn man den alten verpasst hat – das ist Menschen mit höherer Bewertung vorbehalten. So absurd das auch klingt, ein Land hat das tatsächlich zur Realität gemacht.

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Unsere Online-Bewertung bestimmt hier unseren Lebenstandard. © David Dettmann/Netflix

China führt gerade ein sogenanntes Sozialkredit-System ein. Das greift auf private und staatliche Datenbanken zu und verwendet die Informationen für ein Rating-System. Das System bewertet chinesische Bürger oder Unternehmen und entscheidet zum Beispiel über ihre Kreditwürdigkeit. Es gibt dabei nicht nur pikante Dinge wie das Strafregister frei, sondern zeigt auch das soziale oder politische Verhalten auf.

Ziel ist es, eine aufrichtigere Gesellschaft zu erschaffen. Die negativen Folgen liegen aber auf der Hand: Menschen werden aufgrund von Daten verurteilt, bevor man sie überhaupt kennt – wie in Black Mirror.

Bis 2020 soll das System auf nationaler Ebene etabliert werden. Seit 2017 ist es bereits in einigen chinesischen Städten aktiv.

Schweinerei

Staffel 1, Episode 1 – „National Anthem“: Schon die erste Folge legte einen beeindruckenden und bedrückenden Start hin. Black Mirror beginnt mit einer entführten britischen Prinzessin und dem Premierminister, der sie retten soll. Der Entführer will aber kein Geld, sondern stellt eine abstoßende Forderung: Der Politiker muss vor der Kamera Geschlechtsverkehr mit einem Schwein haben, nur dann überlebt die Adelige.

Anschließend beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, während Polizei und Regierung verzweifelt versuchen, das Disaster abzuwenden. Letztlich entscheidet aber die Bevölkerung und wie sie auf Social Media mit dem Skandal umgeht.

So ekelhaft und absurd das auch klingt, so nahe ist es auch an der Realität. 2015 wurde der britische Premierminister, David Cameron, einer unfassbaren Sache beschuldigt. Er soll sein Geschlechtsteil in den Mund eines toten Schweines gesteckt haben. Bis heute ist der Vorwurf nicht bestätigt, auch Cameron selbst streitet es ab. Das sogenannte „Piggate“ um den Vorfall war aber bereits geboren.

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Die Regierung ist geschockt über die abstruse Forderung des Entführers. © Netflix

Behauptet wurde das Ganze in einer nicht authorisierten Biografie von Michael Ashcroft und Isabel Oakeshott. Es soll sich um ein Aufnahmeritual für die Piers Gaveston Society gehandelt haben, einem exklusiven Dinier-Club. Den soll Cameron auch besucht haben, Mitglied war er aber wohl nie.

Ohne Beweise wirkt die Geschichte eher dubios, die Ähnlichkeit zur Black Mirror-Episode ist aber trotzdem verblüffend. Auch auf der technischen Ebene: Egal ob es wahr ist oder nicht, der Premierminister war damals ebenfalls der Meinung und dem Urteil der Öffentlichkeit über die Behauptung ausgesetzt.

Ich sehe dich

Staffel 3, Episode 3 – „Shut Up and Dance“: Wenn man sich in einem Raum mit vielen Laptops befindet, fällt oft eine Sache auf. Egal ob sorgfältig mit Klebeband, frech mit einem Sticker oder eklig-provisorisch mit einem Kaugummi: Viele Leute decken ihre Webcams ab. Aber warum? Kann man mich darüber wirklich ausspionieren?

Der Eingriff in die Privatsphäre spielt auch bei dieser Black Mirror-Folge eine wichtige Rolle. Ein Junge wird durch seine gehackte Webcam beim Masturbieren gefilmt und später mit dem Material erpresst. Wenn er nicht tut, was der Hacker sagt, geht das Video an jeden, den er kennt. Eine schaurige Vorstellung, oder? Und leider auch nicht abwegig.

Das Hacken der Kameras ist schon einmal möglich. Und natürlich gibt es auch Menschen, die das ausnutzen. Das U.S. Justice Department berichtete von einem Vorfall rund um den „Sexortionist“ Luis Mijangos. Der Mann soll über 200 Frauen über ihre Webcams ausspioniert und manche sogar erpresst haben.

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Für sein Stillschweigen zwingt der Hacker ihn sogar, Verbrechen zu begehen. © Laurie Sparham/Netflix

Er soll regelrechte Spielchen mit seinen Opfern gespielt und ihnen gedroht haben Videos oder Bilder auf Facebook und anderen Social-Media-Plattformen hochzuladen, wenn sie ihm nicht weitere Bilder oder Videos mit sexuellen Handlungen zukommen lassen. Und das ist leider kein Einzelfall: 2017 wurde ein Täter erstmals wegen einer sogenannten „Online-Vergewaltigung“ verurteilt. Er hatte Jugendliche über das Internet bedroht und sie so gefügig gemacht.

Nicht nur das Hacken ist also möglich, auch das manipulieren und kontrollieren von Menschen aus der Ferne. Sei es über private Daten auf dem Rechner oder eben das Auge der Webcam, das uns gegen unseren Willen beobachtet hat.

Ein Witz wird Präsident

Staffel 2, Episode 3 – „The Waldo Moment“: Auch Donald Trump ist nicht vor Black Mirrors Prophezeiungen sicher. In der Folge mischt sich ein Comedian einfach in den Wahlkampf ein und zieht mit Beleidigungen, dummen Sprüchen und politischer Intoleranz erschreckend viel Begeisterung auf sich. Dabei tritt er nicht mal als Person auf: Das alles geschieht in der Gestalt eines blauen Cartoon-Bärens. Was als großer Witz beginnt, ist am Ende gar keiner mehr. So gewinnt Waldo am Ende zwar nicht, der Sieger der politikverdrossenen Herzen bleibt er aber trotzdem.

Waldo ist so beliebt, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt. Er sagt das, was er denkt, ist frech und provokativ. Eigentlich keine schlechte Eigenschaft, könnte Politik mitunter doch etwas mehr Ehrlichkeit vertragen. Allerdings ist die „Jetzt habe ich es allen gezeigt“-Einstellung oft keine Lösung für langfristige Probleme. Nur weil jemand am lautesten schreit, heißt das nicht, dass er es auch am besten weiß.

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Obwohl Waldo nur eine Comicfigur ist, wählen die Menschen ihn. © Netflix

Zwar war laut Autor und Produzent Charlie Brooker eher der britische Außenminister Boris Johnson das Vorbild für Waldo, Trump passt aber trotzdem. Auch der heutige Präsident hat fast schon als Lachnummer im Wahlkampf begonnen, an den niemand so recht glauben wollte. Jetzt ist er Präsident und wir schütteln regelmäßig den Kopf. Mal weil er etwas Unangebrachtes gesagt, mal etwas für einen Präsidenten schwer Vorstellbares getan hat. Ein bisschen wie ein Comedian eben, der eigentlich nur einen Politiker spielt.

Abgesehen von solchen Parallelen zeigen Waldo und Trump aber noch etwas anderes: Dadurch, dass alles und jeder vernetzt ist, sind die einzelnen Bereiche nicht mehr so leicht trennbar wie früher. Unterhaltung spielt eine immer größere Rolle für uns und durchdringt alles von der Politik bis in den Journalismus. So kann eine virtuelle und inszenierte – sogar nicht reale – Figur plötzlich mehr Glaubwürdigkeit besitzen als echte Politiker oder Vorbilder. Gerade bei Jugendlichen besteht diese Gefahr, wenn man sieht, welche Bedeutung zum Beispiel Youtube-Stars oder Instagram-Models einnehmen, die letztendlich auch nur eine Persona präsentieren.

Eine lebende Kamera

Staffel 1, Episode 3 – „The Entire History of You“: Hier dreht sich alles um ein besonderes Implantat. Das sorgt dafür, dass unsere Augen alles mitfilmen, was wir sehen und wir es später wieder abspielen können. Man kann sich also jede kleine Peinlichkeit wieder und wieder vor Augen führen und seine Mitmenschen immer und immer wieder mit einem Fehler konfrontieren. Das Ganze lässt sich nämlich auch noch auf eine Leinwand projizieren.

Eine ähnliche Idee hat sich Samsung bereits 2014 patentieren lassen. Der Smartphone-Riese will offenbar Kontaktlinsen mit einer integrierten Kamera entwickeln. Die sollen so in der Lage sein, das Gesehene aufzunehmen und es auch wieder abzuspielen. Damit das richtig funktioniert, senden die Linsen Daten an unser Smartphone, wo sie verarbeitet werden.

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Wollen wir wirklich jede Erinnerung immer wieder haargenau mitverfolgen können? © Netflix

Man könnte die Linsen über Blinzeln oder das Handy steuern und beispielsweise auch Augmented-Reality-Erlebnisse dafür entwickeln. Auch Google besitzt bereits ein ähnliches Patent, das sich auf medizinischen Nutzen konzentriert. Nicht jedes Patent wird umgesetzt, es zeigt aber, dass die Idee an sich nicht sonderlich abwegig ist.

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Ewiges Leben

Staffel 2, Episode 1 – „Be Right Back“: Ewig leben ist etwas, wovon die Menschen seit jeher träumen. Klar, der Tod macht uns allen Angst. Auch diesem Thema widmet sich Black Mirror gleich in mehreren Episoden. Eine ist aber besonders interessant: Nach dem Tod ihres Mannes holt eine verzweifelte Frau ihn über die Technologie zurück. Eine KI nutzt sein Social-Media-Profil, private Emails und mehr, um ein perfektes Abbild des Verstorbenen zu erschaffen, mit dem man chatten und telefonieren kann. Als wäre er nie weg gewesen.

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Bald können wir vielleicht uns und unsere liebsten digital weiterleben lassen. © Netflix

Ein ähnliches Programm mit dem Namen Etermine befindet sich gerade in der Beta. Man kann hier seine persönliche Geschichte zusammen mit den eigenen Social-Media-Daten hochladen, um eine virtuelle Version von sich zu erschaffen. Die Software will so verhindern, dass wir vergessen. Die Firma wirbt damit, dass wir die Erinnerungen an unsere Lieben konservieren können, unser Erbe erhalten und ewig leben können – wenn auch nur als digitaler Avatar. Mit dem sollen dann Menschen in der Zukunft tatsächlich kommunizieren können.

Das Projekt soll damit an eine Bibliothek erinnern, nur eben für Menschen. Bereits jetzt kann man sich anmelden. Die Zukunft ist also gar nicht so weit weg.

Wer Black Mirror oder Westworld mag, wird diese Serien lieben:

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Autor(in): Elena Schulz
Als freie Autorin habe ich angefangen über Videospiele zu schreiben, jetzt sind auch Filme und Serien nicht mehr vor meiner Feder sicher. Nebenbei bin ich gelernte Designerin und studiere einen Haufen brotloser Künste. Ich bin verrückt nach Dinosauriern, dem Weltraum und Superhelden. Und eigentlich bin ich Batgirl. Aber psst, nichts verraten!

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