©Twentieth Century Fox
©Twentieth Century Fox
Filme

Agententhriller Red Sparrow: Jennifer Lawrence flirtet um Leben und Tod

Im Agententhriller Red Sparrow zeigt Jennifer Lawrence ungewohnt viel nackte Haut und muss in einer abartigen Schule des russischen Geheimdienstes für spionierende Verführerinnen Unmenschliches über sich ergehen lassen – in der bisher außergewöhnlichsten Rolle ihrer Karriere. Ein Muss für jeden Fan – jetzt in der Unitymedia-Videothek verfügbar!

ANZEIGE

„Ich bin wie ein verängstigtes Hundebaby“, gesteht Hollywoodstar Jennifer Lawrence im Interview mit New York Times-Reporter Shane Scott. Adrett gekleidet und gut frisiert sitzt sie dem Journalisten gegenüber. Eine gute Spionin würde sie nicht abgeben, dafür habe sie zu hohe Hemmschwellen, betont die 27-Jährige. Worte aus dem Munde einer Schauspielerin, die für ihren letzten Film vor einer Hollywood-Kamera komplett blank zog.

Im Agententhriller Red Sparrow verkörpert Lawrence die russische Primaballerina Dominika Egorova. Die Rolle verlangte ihr einiges ab: Provokante Nacktszenen, drei Stunden Ballett am Tag für vier Monate, Szenen roher Gewalt und das Verständnis für die mentale und physische Disziplin einer Tänzerin erforderten harte Arbeit, viel Mut sowie Urvertrauen in Regisseur Francis Lawrence. Die Brisanz und Relevanz des Stoffes waren weder Lawrence noch Lawrence (nicht miteinander verwandt) während der Dreharbeiten bewusst.

ANZEIGE

Die polarisierende filmische Interpretation einer russischen Intervention in US-amerikanische staatliche Angelegenheiten packt Themen an, die während Produktion und Dreh noch nicht so stark zum öffentlichen Thema geworden waren. Heute, wo die Einmischung Russlands in die US-Wahlen von 2016 als erwiesen gilt, wird der Film zum politisch relevanten cineastischen Zündstoff.

Unser Quiz: Was weißt du über Geheimdienste, Spione & Co.?

Was ist für den BND ein K.O.-Kriterium eines Bewerbers für die Ausbildung zum Geheimagenten?

© Pixabay

Im Interview mit der FAZ äußerte sich ein Sprecher zur Prüfung der Eignung: „Wir sind dabei auf der Suche nach allem, was ihn erpressbar machen könnte – zum Beispiel hohe Schulden.“

Ein Stoff, der besser nicht Schule macht

Nach einem schweren Unfall, der sie arbeitsunfähig zurücklässt, fürchtet Primaballerina Dominika Egorova aus Moskau um ihre Existenz – und nicht nur um ihre: Mutter Nina ist schwerkrank und auf die monatlichen Zahlungen und die Pflege angewiesen, die der Arbeitgeber der Tänzerin bisher übernahm.

Vor lauter Verzweiflung nimmt Dominika ein unmoralisches Angebot ihres Onkels Vanya an, der während der Putin-Administrative einen zwielichtigen aber machtvollen Job in den dunkelsten Ecken der Regierung ausübt. Dominika lässt sich nach seinem Anraten in einer Schule des russischen Geheimdienstes zu einem sogenannten Sparrow, einem Spatzen, ausbilden.

© 2017 Twentieth Century Fox
Dominika in ihrer Horror-Schule |© 2017 Twentieth Century Fox

„Jeder Mensch ist ein Puzzle aus Bedürfnissen“, erklärt man der Tänzerin dort. „Werde zum fehlenden Teil und sie sagen dir alles.“ Schon bald bemüht sich Dominika zusehends, den unmenschlichen Anforderungen der Ausbildung gerecht zu werden. Sie wird in psychologischer und körperlicher Manipulation geschult und lernt, die Bedürfnisse ihres Gegenübers von seinen Lippen abzulesen – vor allem die sexuellen.

Psychische sowie körperliche Grenzen muss Dominika hinter sich und abartige Trainingseinheiten über sich ergehen lassen. Schließlich wird sie auf den US-amerikanischen CIA-Agenten Nathaniel Nash angesetzt, um wichtige Informationen von ihm zu erhalten. Die verführerische Sex-Agentin und der lässige Ermittler kommen sich schnell näher. Doch schon bald wissen weder er noch die russische Regierung bei Dominikas Verwirrspielen, auf welcher Seite die Spionin nun wirklich steht …

Mit den Waffen einer Frau

Red Sparrow gleicht einem Sprung in eine abgrundtiefe Welt aus ungeahnter Brutalität, knallhartem Kalkül, sexuellem Missbrauch und Degradierung. Dominikas Körper wird zur Waffe in einem globalen Machtkampf. Die Geschichte wird zum Sinnbild für Machtmissbrauch und die Abschaffung des freien Willens eines Individuums. Ein Individuum, das zu viel weiß, und darum stets Gefahr läuft, in den Mühlen der diktatorisch anmutenden Realitäten und Strukturen ihres Heimatlandes zermalmt zu werden. „Wenn wir mit dir fertig sind, existiert dein jetziges Ich nicht mehr“, erklärt man der jungen Frau mit kaltem Pragmatismus.

© 2018 Twentieth Century Fox
Dominika soll CIA-Agent Nate verführen | © 2018 Twentieth Century Fox

Der Zuschauer entfernt sich in etwa im gleichen Tempo emotional von der Protagonistin, je weiter der Vernichtungsprozess Dominikas fortschreitet. Kunstfehler oder Stilmittel? Diese Bestimmung fällt schwer. Jennifer Lawrence spielt die buchstäblich gefallene Tänzerin vor allem in der ersten Hälfte des Films mit Verletzlichkeit, Präsenz und Stärke zugleich. Dabei wird ihre Hauptfigur nicht zur makellosen Heldin der Geschichte gemacht. Spätestens in der Szene, in der die Ex-Ballerina ihre beruflichen Widersacher brutal zusammenschlägt, wird klar: Dominika ist stets nur so gut oder schlecht wie ihre Umwelt. Und weder auf die, noch auf das Publikum soll die Sex-Agentin besonders sympathisch wirken.

Das Katz-und-Maus-Spiel, das in der zweiten Hälfte des Films rasant an Fahrt aufnimmt erinnert an klassische Agententhriller, in denen wahre Intentionen stets verdeckt werden müssen. Eine Standard-Requisite des klassischen Agentenfilms, die übergroße Diskette, stößt im digitalen Zeitalter von Red Sparrow und seinem Publikum leider eindeutig an ihr Verfallsdatum und irritiert.

Die Handlung leidet vor allem in der zweiten Hälfte unter gelegentlichen Längen und Überfrachtung. Immer stärker überwiegt währenddessen dann auch noch Lawrence‘ Pokerface. Insgesamt zahlreiche Szenen der stillen Zurückhaltung tun der Hauptfigur nicht immer gut. Die Wirkung: Dominika erscheint dem Zuschauer gelegentlich weniger wie eine irreführende Agentin in eigener Mission, als wie eine leere Protagonistenhülle.

© 2018 Twentieth Century Fox
Onkel Vanya verdankt Dominika ihre „Schulausbildung“ | © 2018 Twentieth Century Fox

Dass das eher am Drehbuch als an der Darstellerin liegt, wird wiederum in einigen Glanz-Szenen klar, in denen Lawrence eisernen Willen mit berührender Verletzlichkeit kombiniert. Ein kluges Spiel, denn eins ist von Anfang an klar: Für die junge Frau geht es stets um Leben und Tod – ähnlich wie auch schon bei Lawrence‘ Durchbruchsrolle der Katniss Everdeen in Die Tribute von Panem.

Allerdings wirkt Pfeil-und-Bogen-Girl Katniss neben der russischen Sex-Agentin nur noch in etwa so kampflustig wie ein Korb voller Katzenbabys. Auch Joel Edgertons Nate leidet teilweise an einer mangelhaften Figuren-Entwicklung, reiht sich allerdings in den talentierten Cast wundervoll ein.

Das ABC der Spionage

Gewisse Handlungselemente sind dem klassischen Agentenfilm entnommen. Kosmopolitisches Flair wird durch die Spielorte Moskau, London und Budapest vermittelt. Man trifft und erpresst sich gegenseitig in schicken Hotels. Es wird verführt und verhört, gefoltert und getäuscht. Trotz einigen Drehbuch-Schwächen hat Red Sparrow dennoch viel zu bieten: Die elegante Noir-Ästhetik überzeugt. Der Streifen entführt in eine ganz eigene, wenn auch schauderhafte Welt.

© 2018 Twentieth Century Fox
Charlotte Rampling gibt die grausame Erzieherin vom Dienst | © 2018 Twentieth Century Fox

Die gibt preis, was es mit dem Urtypus des verführerischen Bondgirls auf sich haben könnte, was den Helden verführt und dann scheinbar nach Gutdünken zwischen den Seiten hin- und herwechselt. Atmosphärisch überzeugt Red Sparrow ebenfalls auf ganzer Linie. Gäbe es einen Preis für die Erschaffung einer Filmwelt, mit dem unmenschlichsten und kältesten Ambiente, wäre Red Sparrow dafür ein würdiger Anwärter.

Alle Infos über Mission: Impossible – Fallout findest du in unserem Themen-Special:

Ein Hauch von kaltem Krieg

Kein Wunder, denn der Film beruht auf dem Roman des Autors Jason Matthews. Der Amerikaner war selbst über 30 Jahre als Geheimagent bei der CIA tätig. Seine Darstellungen dieser speziellen russischen Spionageeinheit schockieren daher umso mehr. Wer noch am Anfang auf einen versöhnlichen oder gar optimistischen Ausgang der Geschichte spekulierte, der verliert diese Hoffnung irgendwo zwischen durchgeschnittenen Kehlen, einem elektrischen Häutungsgerät, lähmender Aussichtslosigkeit und unfreiwillig nackter Haut.

Alles zu Gunsten des russischen Machtausbaus und zum Nachteil des hilflosen Individuums. Der Kalte Krieg fegt als Sturm durch die Drehbuchseiten von Red Sparrow. Setzt der Film womöglich sogar einen Startschuss für eine Welle russophobischer Filme in den Zeiten der Trump-Ära, die durch paranoide Angstpolitik gekennzeichnet ist? Film-Redakteur John DeFore vom Hollywoodreporter behauptet genau das und fügt hinzu: „Red Sparrow legt den Grundstein. Aber lasst uns darauf hoffen, dass die unmögliche Social-Media-Nutzung von Putin & Co. Spionage schon bald lächerlich altmodisch wirken lässt.“

Bis dahin liefert Red Sparrow dennoch recht solides Agenten-Kino mit einer Botschaft, die es einem kalt den Rücken hinunterlaufen lässt: Der kalte Krieg ist nicht tot, er hält nur ein kurzes Nickerchen in der Folterkammer eines ziemlich schicken Hotels.

 

TEILEN
Janna Fund
Autor(in): Janna Fund
Ob ihr's glaubt oder nicht: Ich bin ein echtes audiovisuelles Supergirl. Eine Wonderwoman der Worte und Videos sozusagen. Ich checke Fakten gewissenhafter als Rory, bin kreativer als Carrie und investigativer als Lois und Clark zusammen. Lasst uns die digitale Welt zusammen retten!
Deine Meinung ist uns wichtig!

Deine Meinung ist uns wichtig!

 

Sag uns, was dir an Quadratauge gefällt und was wir noch verbessern können. Danke!

 

 

Zur Umfrage

 

 

You have Successfully Subscribed!

Inhalte mit Freunden teilen

Wenn Du diese Funktion akzeptierst, werden Deine Daten (z. B. die IP-Adresse, die URL der besuchten Webseite, das Datum und die Uhrzeit Deines Seitenbesuches) an Facebook, Google oder Twitter in ein Land außerhalb Deutschlands (z. B. USA) übermittelt und auch dort gespeichert. Diese Sozialen Netzwerke können somit diesen Webseitenbesuch Deinem bestehenden Account zuordnen, Dein Surfverhalten beobachten und dazu Profile erstellen und nutzen.